2016-07-22

Briefwechsel J.W.v.Goethe und C.F.Zelter: An Zelter 19.03.1818 (309)



309. An Zelter 19.03.1818

Zum Grünen Donnerstag soll dieser Brief abgehen, zur Zeit, da Du Deine großen Taten verrichtest, welche Dir (da an der Ehre weiter gar nichts mehr gelegen ist) in den Geist Freude und Geld in den Beutel bringen sollen. Schreibe mir von dem Erfolg, was Du gerne willst und magst, so derb als möglich; denn das kleidet euch Berliner doch immer am besten.

In diesen Tagen hast Du mir eine große Wohltat erzeigt, denn das mitternächtige Lied ist mir gar gehörig und freundlich vorgetragen worden, von einem weiblichen zarten Wesen, so daß es nur der letzten Strophe etwas an Energie fehlte. Da hast Du nun einmal wieder Deine Liebe und Neigung zu mir recht redlich und tüchtig abgestempelt. Mein schwer zu bewegender Sohn war außer sich, und ich fürchte, er bittet Dich aus Dankbarkeit zu Gevatter.

Ich stehe wieder auf meiner Zinne über dem rauschenden Brückenbogen; die tüchtigen Holzflöße, Stamm an Stamm, in zwei Gelenken, fahren mit Besonnenheit durch und glücklich hinab, Ein Mann versieht das Amt hinreichend, der zweite ist nur wie zur Gesellschaft.

Die Scheite Brennholz dilettantisieren hinterdrein; einige kommen auch hinab, wo Gott will, andere werden in Wirbel um getrieben, andere interimistisch auf Kies und Sandbank aufgeschoben. Morgen wächst vielleicht das Wasser, hebt sie alle und führt sie meilenweit zu ihrer Bestimmung, zum Feuerherd. Du siehst, daß ich nicht nötig habe, mich mit den Tagesblättern abzugeben, da die vollkommensten Symbole vor meinen eigenen Augen sich eräugnen.

Soll ich aber aufrichtig sein, so ist diese Ruhe nur scheinbar: denn gerade das musikalische Wesen eurer Karwoche hatte ich lange zu verehren und zu genießen gewünscht, und nun schwebt Auge und Geist über das der Scheitholzflößanarchie.

Um mich aber wirklich rein auszusprechen, so tröstet mich’s, wenn ich Dir sage: bist Du recht ehrlich gegen mich gesinnt, so wirst Du mich nicht einladen, nach Berlin zu kommen — und so fühlt Schultz, Hirt, Schadow, und wer mir eigentlich wohl will. Unserm trefflichen Isegrim, den ich viel zu grüßen bitte, ist es ganz einerlei: denn es fände sich nur ein Mensch mehr, dem er widersprechen müßte. Von den hundert Hexametern mag ich ebensowenig wissen als von den hundert Tagen der letzten Bonapartischen Regierung. Gott behüte mich vor deutscher Rhythmik wie vor französischem Thronwechsel! Dein mitternächtiger Sechsachteltakt erschöpft alles. Solche Quantitäten und Qualitäten der Töne, solche Mannigfaltigkeit der Bewegung, der Pausen und Atemzüge! dieses immer Gleiche, immer Wechselnde! Da sollen die Herren lange mit Balken und Hütchen — u u — sich untereinander verständigen, dergleichen bringen sie doch nicht heraus.

Nun vergessen sie immer, daß sie uns früher bis zur langen Weile versicherten: ein Poet sei kein Grammatiker! Homer, Homeriden, Rhapsoden und alle das konfuse Geschlecht haben so hingesalbadert, wie Gott gewollt, bis sie endlich so glücklich gewesen, daß man ihr dummes Zeug aufgeschrieben, da denn die Grammatiker sich ihrer erbarmt und es nach zweitausendjährigem Renken und Rücken endlich so weit gebracht, daß außer den Priestern dieser Mysterien niemand mehr von der Sache wisse noch wissen könne. Neulich versicherte mich jemand, Xenophon habe ebenso schlechte Prosa geschrieben als ich; welches mir denn zu einigem Tröste dienen sollte.

Den Raum zu füllen, gedenke ich noch eines Scherzes, der mich unterhält. Unsere Mailänder Freunde, die wir durch des Großherzogs Reise gewonnen, Männer von außerordentlicher Bedeutung, Kenntnissen, Tätigkeit und Lebensgewandtheit, welche zu kultivieren ich alle Ursache habe, verstehen kein Deutsch.

Nun lasse ich meinen Aufsatz übers »Abendmahl« hier ins Französische übersetzen. Durch einen gewandten Franzosen, der als Emigrierter zu uns kam, die Invasionsvisite seiner lieben Landsleute, und was draus folgte, bei uns ausgehalten hat. Dies ist ein ganz eigner Spiegel, wenn man sich in einer fremden Sprache wiedererblickt. Ich habe mich um die Übersetzung meiner Arbeiten nie bekümmert, diese aber greift ins Leben ein, und so gibt sie mir viel Interesse. Will ich meine deutsche, eigentlich nur sinnlich hingeschriebene Darstellung im Französischen wiederfinden, so muß ich hie und da nachhelfen, welches nicht schwer wird, da dem Übersetzer gelungen ist, die logische Gelenkheit seiner Sprache zu betätigen, ohne dem sinnlichen Eindruck Schaden zu tun.

Bin ich Dir nun oben mit Erzählung von Stammholzfloßen lästig geworden, so muß ich zum Schluß doch noch sagen: daß heute, Gründonnerstag, an Deinem Feste, auch in Kösen an der Saale, über Naumburg, der große Holzmarkt gefeiert wird, wo künftige Stadt- und Landgebäude zu Hunderten roh auf dem Wasser schweben. Gebe der Baumeister aller Welten ihnen und uns Gedeihen! — Auf der Saalzinne in Sturm und Regen, am 19. März 1818.

tui amantissimus

G.

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