26.07.2016

Briefwechsel J.W.v.Goethe und C.F.Zelter: An Zelter 04.01.1819 (316)




1819

317. An Zelter 04.01.1819

Gestern abend war ich eben im Begriff, einen Brief an Dich zu diktieren, damit nicht eine völlige Verjährung einer unterbrochenen Korrespondenz stattfände, als ich abermals abgehalten wurde, sogleich jedoch Dein freundlicher Brief mit kulinarischer Sendung ankam. Wofür ich denn schönstens danke und zugleich vermelde, daß die Rübchen, von der feinsten Sorte, zu rechter Zeit glücklich angekommen sind und heute nebst den Fischen ein freundschaftliches Mahl auszustatten Gelegenheit geben.

Seit Deiner Abreise habe ich fast nichts von dem getan, was ich mir vorgesetzt. Bei kaiserlicher Anwesenheit konnte nicht ablehnen, zu einiger Festlichkeit beizutragen, und so übernahm ich, einen Maskenzug auszustatten, wovon das Programm beiliegt, die explanatorischen Gedichte jedoch nachfolgen sollen. Der Zug bestand beinahe aus 150 Personen; diese charakteristisch zu kostümieren, zu gruppieren, in Reihe und Glied zu bringen und bei ihrem Auftritt endlich exponieren zu lassen, war keine kleine Aufgabe, sie kostete mich fünf Wochen und drüber. Dafür genossen wir jedoch des allgemeinsten Beifalls, welcher freilich durch den großer Aufwand von Einbildungskraft, Zeit und Geld (denn die Teilnehmenden ließen es an nichts fehlen, sich herauszuputzen), der denn doch aber zuletzt in kurzen Augenblicken wie ein Feuerwerk in der Luft verpuffte, teuer genug erkauft wurde.

Ich habe mich persönlich am wenigsten zu beklagen, denn die Gedichte, auf welche ich viel Sorgfalt verwendet, bleiben übrig, und ein kostbares Geschenk von der Kaiserin, erhöht durch freundliche, gnädige und vertrauensvolle Aufnahme, belohnte mich über alle Erwartung.

Nachdem wir nun diese große Hof- und Lebensflut zu euch hinströmen gesehen, habe ich mich sogleich wieder nach Osten gemacht und meine alten Bekanntschaften angeknüpft. Ich möchte meinen »Diwan« mit seinen Zugaben ebensogerne lossein, als ich ihn zu Ostern in euern Händen wünschte. Da müssen wir denn aber diese drei oder vier Monate, bei mancherlei Zwischenfällen, noch tätig und fleißig genug sein.

Daß Du und Deine treffliche Gesellschaft auch an die Reihe gekommen, hatte ich gleich gehört, und weil man bei solchen Schmuckdarstellungen nur Perle zu Perlen reiht, so kommt das, was einzeln für sich stehen und gelten sollte, auch bloß zur augenblicklichen Erscheinung, ohne verdiente Aufmerksamkeit zu erregen.

Der Unwille unseres Erbgroßherzogs über die Zigeunerwirtschaft eines Instituts, das Paläste, Tempel und Altäre verdiente, macht seinen Gesinnungen Ehre, die er, wie ich mehrmals erfuhr, immerfort äußert, wenn er eine Existenz sieht, die sich in einem disproportioniert engen Raume bewegt. Möge der gute Geist diese Gefühle zu rechter Zeit segnen und fördern!

Schon der Anblick Deiner Komposition macht mich wieder froh, ich will sie nun auch zu hören suchen und sehen, daß ich die dem Gesang widerwärtigen Stellen abändere. Bei dieser Gelegenheit muß ich erzählen, daß ich, um die Gedichte zum Aufzug zu schreiben, drei Wochen anhaltend in Berka zubrachte, da mir denn der Inspektor täglich drei bis vier Stunden vorspielte und zwar auf mein Ersuchen nach historischer Reihe: von Sebastian Bach bis zu Beethoven, durch Philipp Emanuel, Händel, Mozart, Haydn durch, auch Dussek und dergleichen mehr. Zugleich studierte Mariopergers »Vollkommenen Kapellmeister« und mußte lächeln, indem ich mich belehrte. Wie war doch jene Zeit so ernst und tüchtig, und wie fühlte nicht ein solcher Mann die Fesseln der Philisterei, in denen er gefangen war!

Nun habe ich das »Wohltemperierte Klavier« sowie die Bachischen Choräle gekauft und dem Inspektor zum Weihnachten verehrt, womit er mich denn bei seinen hiesigen Besuchen erquicken und, wenn ich wieder zu ihm ziehe, auferbauen wird.

In das Choralwesen möchte ich mich an Deiner Hand freilich gern versenken, in diesem Abgrund, worin man sich allein nicht zu helfen weiß: die alten Intonationen und musikalischen Grundbewegungen immerfort auf neue Lieder angewendet und durch jüngere Organisten einer neueren Zeit angeähnelt, die alten Texte verdrängt, weniger bedeutende untergeschoben, und so weiter. — Wie anders klingt das proskribierte Lied: »Wie schön leuchtet der Morgenstern!« als das kastigierte, das man jetzt auf dieselbe Melodie singt, und doch würde das echte älteste, wahrscheinlich lateinische, noch passender und gehöriger sein. Du siehst, daß ich wieder an der Grenze Deines Reiches herumschnopere, daraus kann aber nichts werden bei meiner Fischumgebung. Dies ist aber nicht der einzige Punkt, worüber man muß verzweifeln lernen.

Und so fort und für ewig!

Weimar, den 4. Januar 1819. G.

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