21.07.2016

Briefwechsel J.W.v.Goethe und C.F.Zelter: An Zelter (305)



305. An Zelter

Du hast, mein Wertester, aus dem Abgrunde Deines Tonvermögens schöne und gute Worte spendiert, daß ich sogleich die Pflicht fühle, Dir etwas Freundliches zu erwidern.

Du kennst Jena zu wenig, als daß es Dir etwas heißen sollte, wenn ich sage: daß ich auf dem rechten Saalufer, unmittelbar an der Camsdorfer Brücke, über dem durch die Bogen gewaltsam strömenden eisbelasteten Wasser eine Zinne (vulgo Erker) in Besitz genommen habe, die schon seit so vielen Jahren mich, meine Freunde und Nachkommenschaft gereizt hat, daselbst zu wohnen, ohne daß nur jemand sich die Mühe gegeben hätte, die Treppe hinaufzusteigen. Hier verweile ich nun die schönsten Stunden des Tags, den Muß, die Brücke, Kies, Anger und Gärten und sodann das liebe närrische Nest, dahinter Hügel und Berge und die famosesten Schluchten und Schlachthöhen vor mir. Sehe bei heiterm Himmel die Sonne täglich etwas später und weiter nordwärts untergehen, wornach meine Rückkehr zur Stadt reguliert wird.

In dieser nahezu absoluten Einsamkeit ist das dritte Heft von »Kunst und Altertum« dem Druck zugefertigt. Das zweite »Zur Morphologie« bewegt sich auch. Die Darstellung der entoptischen Farben, im Zusammenhang mit meiner »Farbenlehre«, denke ich vor Ostern auch noch zu bewältigen. Sage das Freund Schultzen, wenn Du ihn irgendwo habhaft wirst.

Dabei darf ich nicht vergessen, daß wir die entschiedensten Anstalten haben, Witterung zu beobachten, wobei ich an meiner Seite die Wolkenformen und Himmelsfarben mit Wort und Bild einzuweben suche.

Da das nun aber alles, außer Windesbraut und Wasserrauschen, vollkommen tonlos abläuft, so bedarf es wirklich einiger innern Harmonie, um das Ohr aufrechtzuerhalten, welches bloß möglich ist im Glauben an Dich und was Du tust und schätzest. Daher nur einige Stoßgebete, als Zweige meines Paradieses! Magst Du sie mit Deinem heißen Elemente infundieren, so schlürft man’s wohl mit Behagen, und die Heiden werden gesund.

Apokalypse, am letzten, Vers 2.

Einen Spaß, den ich Dir meldete, hast Du nicht verstanden. Jenem Komponisten nannte man einige seiner Werke und fragte ihn, welches er für das beste hielte. Er antwortete: »II matrimonio segreto«, die Komposition von Paesiello meinend. Dadurch wird die Antwort geistreich, artig, wie ich Dir nicht zu entwickeln brauche.

Dem böhmischen Freunde will ich also freundlich antworten. Rat und Tat muß freilich jeder bei sich selber suchen.

Da ich so manches Liebe von Deiner eignen Hand empfange und dagegen wenig erwidere, so sende Dir ein uralt Blättchen, das ich nicht verbrennen konnte, als ich alle Papiere, auf Neapel und Sizilien bezüglich, dem Feuer widmete. Es ist ein so hübsches Wort auf dem Wendepunkt des ganzen Abenteuers und gibt einen Dämmerschein rückwärts und vorwärts. Ich gönne es Dir! Bewahre es fromm. Was man doch artig ist, wenn wir jung sind!

Und so fort und ewig!

Jena, den 16. Februar 1818. Goethe.

(Erste Beilage)

Meine Liebe, noch ein Wort des Abschieds aus Palermo. Ich kann Dir nur wiederholen, daß ich wohl und vergnügt bin und daß nun meine Reise eine Gestalt nimmt. In Neapel hätte sie zu stumpf aufgehört. Aus meinen Blättern siehst Du nur einiges im Detail; vom Ganzen, von meinem Innersten und den glücklichen Folgen, die ich fühle, kann und mag ich nichts sagen. Dies ist ein unsäglich schönes Land, ob ich gleich nur ein Stückchen Küste davon kenne. Wieviel Freude macht mir mit jedem Tage mein bißchen Wissen der natürlichen Dinge, und wie viel mehr müßte ich wissen, wenn meine Freude vollkommen sein sollte! Was ich euch bereite, gerät mir glücklich, ich habe schon Freudenträne[n] vergossen, daß ich euch Freude machen werde. Leb wohl, Geliebteste! mein Herz ist bei Dir, und jetzt, da die weite Ferne, die Abwesenheit alles gleichsam weggeläutert hat, was die letzte Zeit über zwischen uns stockte, so brennt und leuchtet die schöne Flamme der Liebe, der Treue, des Andenkens wieder fröhlich in meinem Herzen. Grüße Herders und alle und gedenke mein!

Den 18. April 1787. Palerm.

(Zweite Beilage)

Um Mitternacht ging ich, nicht eben gerne,
Klein kleiner Knabe, jenen Kirchhof hin 
Zu Vaters Haus, des Pfarrers; Stern am Sterne,
Sie leuchteten doch alle gar zu schön —
Um Mitternacht.

Wenn ich dann ferner in des Lebens Weite 
Zur Liebsten mußte, mußte, weil sie zog,
Gestirn und Nordschein über mir im Streite,
Ich gehend, kommend Seligkeiten sog —
Um Mitternacht.

Bis dann zuletzt des vollen Mondes Helle 
So klar und deutlich mir ins Finstere drang,
Auch der Gedanke willig, sinnig, schnelle 
Sich ums Vergangne wie ums Künftige schlang —
Um Mitternacht.

13. Februar 1818.

Sänge sind des Lebens Bild!
Bilder nicht! sie sind nur Schatten! 
Tönen herbe, deuten mild,
Was wir haben, was wir hatten. 
Was wir hatten, wo ist’s hin?
Und was ist denn, was wir haben? 
Tönt, Gesänge! Rasch im Fliehn 
Haschen wir des Lebens Gaben.

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