2016-07-26

Briefwechsel J.W.v.Goethe und C.F.Zelter: An Goethe 27.08.1818 (314)



315. An Goethe 27.08.1818

Den 27. August 1818. 

Nun schreibe ich Dir, mein liebster Freund, aus Frankfurt am Main, von wo ich nach Wiesbaden gehn wollte. Vorgestern hat mich eine sehr heftige Diarrhöe angefallen, und da ich höre, daß sowohl Wiesbaden als die ganze Gegend von Ruhrkranken angefüllt ist, will ich rheinaufwärts gehn und sehn, ob ich in Zürich Ende finden kann.

Gestern habe ich die berühmte Madame Schröder aus Wien als Sappho auftreten sehn. Ich habe sie schon einmal in Berlin gesehn, ohne Urteil. Die gestrige Rolle ziemte und paßte zu ihrer Person. Die Sprache ist sehr deutlich, doch etwas pesant und gezogen. Das ganze Spiel vernehmlich und im Charakter, aber nicht graziös genug. Stimme und Ton wollten mir nicht ganz eingehn, und wenngleich eine hübsche Frau, so ist sie doch keine geborne Schauspielerin. Ein junger Mann, namens Becker, der den Phaon spielte, hat mir ganz ungemein gefallen. Gestalt, Sprache, Bewegung, Ton und Stimme paßten zueinander und zum Stücke. Neben diesen wurde die Melitta von einer Mademoiselle Lindner brav gespielt und gesprochen.

Das Stück kann ich nicht beurteilen, wie ich’s nicht erkenne. Es schwebt zwischen Griechischem und Modernen, ohne einen festen Grund zu finden, und alles könnte auch anders sein, ohne darum schlechter zu sein. Es sind lauter edle Personen, die sich verkennen und das Glück machen, aber der Zuschauer kann sie ebensowenig erkennen; mir deucht, sie könnten es alle schlimmer meinen, um deutlicher zu erscheinen; sie sind aber zahm, zur Grausamkeit gegen die Zuschauer. Übrigens wird das Stück hier weit mehr zusammengegeben als in Berlin, wo es fast immer an etwas fehlt, gefällt auch hier, und der älteste Schlosser sprach mit Enthusiasmus davon. Ich bin über Kassel hergekommen, was ich, sowie auch Braunschweig und Göttingen, zum ersten Male sehe. Marburg hat mir ausnehmend gefallen; hier hat Wasser einmal wieder Arbeit gemacht, die wieder Gedanken gibt: es ist doch etwas Schönes um die Welt, und es ist nicht wahr, daß es nicht wahr ist, daß Gott die Welt aus nichts gemacht hat. Nur Menschen sind es, die Etwas zu Nichts machen und, wenn sie damit fertig sind, sich aus Humanität daran erfreuen wollen.

Von Kassel bin ich in sehr angenehmer Gesellschaft eines Rats aus Riga, namens Orth, seiner Frau und drei allerliebsten Töchtern hierhergereist. Die Mutter, eine angenehme blonde Dreißigerin, und die älteste Tochter von 17 Jahren sind frische Wesen, und es kostete mich Ein Wort, so gingen sie, wohin ich wollte. Wir alle wohnen hier unter Einem Dache. Doch wollen wir den Becher vom Munde geben, da noch Vorrat ist.

Sobald ich wieder ganz wohl bin, gehe ich nach Darmstadt, um meinem Kapellgroßherzog aufzuwarten, der sich vom Spontini eine neue Oper hat drehen lassen. In Kassel habe ich Rossinis allberühmte Oper »Tancredi« recht artig gesehn und gehört. Die Musik ist scharmant, das heißt: echt italienisch — chiaro, puro e sicuro. Fluß, Leichtigkeit und Freiheit in allen Stücken, sogar die Sinfonie ist hübsch, obgleich sie sich mit dem Stücke nichts zu schaffen macht.

Eine kleine niedliche Italienerin, Madamigella Marinoni, habe ich auch in Kassel gefunden. Sie ist 20 alt, eher klein als groß, und unterrichtet die jungen Prinzessinnen der Kurprinzessin im Singen. Dazu wäre sie nun freilich viel zu gut, doch zuckt sie mit dem linken Fuße und will daher das Theater nicht suchen. Sie hat einen vollen schönen Mezzosopran, der sich schon in einer Kirche ausnehmen dürfte, Beweglichkeit des Organs, Geschmack und Wahrheit in all ihrem Tun und Treiben. Ich habe sie bewogen, einige deutsche Stücke singen zu lernen, und Dein »Nur wer die Sehnsucht kennt« hättest Du schon gemocht, wenn Du’s gehört hättest. Sie fand es allerliebst, als ich ihr sagte, die Deutschen würden es nicht schlimmer nehmen, aus ihrem schönen Munde gutes Deutsch zu hören, als die Italiener von Deutschen ein schlechtes Welsch.

Um Lessings Grab in Braunschweig, neben des alten Campe Garten, haben sie freien Raum gelassen. Kein Stein, kein Nichts liegt drauf. Das kommt mir recht groß vor, seitdem ich das alberne Denkmal gesehn habe, das sie Klopstocken in Wandsbeck gesetzt haben, das der Wind schon einmal weggeweht hatte und mit armseligen Wortwerk bekritzelt ist. Du hast ganz recht: die Nachwelt ist nicht mehr wert wie die Mitwelt. Was wir haben, ist nicht viel, und was wir hatten, wissen wir nicht. Wer aus irgendeiner ändern Absicht, als weil er will und kann, über die Straße geht, ist die Sohlen nicht wert, worauf er geht.

Wir müssen wohl innehalten, denn das Papier geht zu Ende. So lebe dann wohl und vergiß nicht Deines ewigen          Z.

Friedrich Schlegel hat gestern mit Schlosser bei mir Kaffee getrunken. Der jüngste Schlosser hat sich verheuratet und ist nach Koblenz gangen. August Schlegel macht heut Hochzeit in Heidelheidelheidelberg mit der höchst scharmanten Tochter der Kirchenrätin Paulus, die ich ihm kaum gönne, da er sich auf der alten Französin abgelaicht hat.

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