24.07.2016

Briefwechsel J.W.v.Goethe und C.F.Zelter: An Goethe 24.03.1818 (310)



310. An Goethe 24.03.1818

Dienstag, 24. März 1818. 

Meine Karfreitagsmusik ist so glücklich gewesen, mir reine 1000 rh., schreibe Ein Tausend Taler, einzubringen, wobei ich meine Gehülfen noch ganz honett honorieren können, denn die ganze Einnahme beträgt 1551 rh. 12 Gr.

Da nun eben im Hause Seife gekocht wird und ich anbei zwei Kinder, die sich verheiraten wollen, auszustatten habe, so kannst Du denken, daß mir diese Gabe meines Heilandes zur guten Stunde kommt.

Dies alles aber ist kaum etwas gegen die unermeßliche Freude, die mir Dein Brief vom Grünen Donnerstage, der darum ewig grünen mag, verursacht hat.

Das Gedicht nahm sich auf dem Papiere wundersam aus: wie ein Werkstück, geadert, gekörnt, dabei durchsichtig; es lag wie eine Krone im Wasser. Mein Phidias regte sich, den Marmor appetitlich betrachtend, und dachte ihm die Gliedmaßen zu lösen vom dunkeln Wort und freigestaltet es vor den Augen anderer in Bewegung zu setzen, und zwar, wohlgemerkt, ohne abzuschlagen oder anzusetzen, denn das war das Rätsel.

Nun halte ich Deine Beschreibung mit den Noten zusammen und freue mich erst recht Deines Gedankens, wie Du ihn wieder für Dein erkennst.

Aber auch der schwer zu bewegende Sohn soll gelobt sein! und bittet er uns zu Gevatter, so komme ich, wenn ich auch nur Ein Bein habe.

Daß ich Dich gern hier gehabt hätte, kannst Du denken. Mein Gedanke war: es könnte Dir wohl noch einmal einfallen, einen Inkognitospaß zu versuchen, Donnerstag nachts anzukommen, Freitags die Musik zu hören und dann etwa nach Belieben mit uns zu meinen Kindern nach Pommern zu rutschen, woselbst wir uns unsere Feiertage selber gemacht hätten. Erwartet habe ich Dich, Tag und Nacht, bis zur letzten Stunde.

Endlich, ganz ehrlich gesprochen, wißt ihr Herren in der Ferne doch alle nichts von Berlin, wo, wie aller Orten, eine lebendige Gegenwart jede Vorstellung und Gedanken Lügen straft. Man könnte recht gut mit etwas weniger Denken fertigwerden, wenn man Ort, Zeit und Gelegenheit für das nehmen will, was es ist. Ich bin wenig herumgekommen, aber wo ich gewesen bin, habe ich bald genug wahrgenommen, daß sie auch mit Wasser kochen. Wenn meinesgleichen es nicht gar zu übel empfinden, wie wir, freilich zu oft mit Recht, gescholten werden, so ist es dagegen wie eine Pest, daß gescheute und würdige Menschen, wie sie den Fuß ins Tor setzen, uns mit der Vorrückung unserer Torheiten zu gastieren glauben. Fichte (seligen Andenkens), Wolf, Hirt etc. haben mich oft zu lachen gemacht, da bei aller Unlust keiner von ihnen das Herz gehabt hat, wieder zu gehn, wo er hergekommen ist, da sie doch wissen müßten, welche lange Weile sie uns machen.

Es ist noch die Frage, ob es Einen Ort in Deutschland gibt, wo Du so redliche Verehrer hast als bei uns. Du kannst es auf unsere Gefahr versuchen, und ich bin gewiß, Du gehst mit ändern Gedanken von uns, als Du kommst.

Nun, mein Xenophon, sende ich hier wieder ein Stückchen. Wissen wirst Du, daß das Gedicht schon einmal von mir in Musik gesetzt und gedruckt ist. Wollte Gott, daß mir einer sagte, Händel habe ebenso schlechte Musik gemacht als ich; es sollte mir auf ein Faß Wein nicht ankommen, das ich auf seine Gesundheit rein austrinken wollte.

Nun habe ich eine kleine Kommission: Dein freundlicher Sohn ist wohl so gut, an den Herrn Hofmusikus Müller in Weimar die anliegende Rechnung zu bezahlen und sich darüber quittieren zu lassen. Das Geld schicke ich dann mit Gelegenheit oder bringe es selber mit. Was ich dafür gekauft habe, habe ich schon in Händen und vom seligen Kapellmeister Müller einst geliehen erhalten.

Auch ein neues Trauerspiel hat sich bei uns aufgetan: »Die Ahnfrau«, von einem Herrn Grillparzer (wie er sich nennt). Elend und Jammer vom Anfang bis ans Ende, und weswegen? Die selige Ahnfrau ist von ihrem Manne auf Dilettantismus ertappt und erstochen worden, und nun gibt sich das Schicksal die Mühe, das kleine Ficksal am ganzen daraus hervorgegangenen Geschlechte zu rächen. Alle Lebende sind unschuldig und rein wie die Sonne, und der Teufel holt sie alle. Doch ist das Wesen lange nicht so ekelhaft als der säuische »24. Februar«, wo das Tier sein Junges frißt. Talent ist nicht zu verkennen, wiewohl es verloren geht: es fehlt an Licht, und wo das nicht ist, danke ich für den Schatten.

August Schlegel kommt zur Berliner Universität; auch Seebeck wird erwartet. Langermann ist seit länger als 3 Monaten an einem Lungengeschwür krank und jetzt leidlich.

Welche schöne Seele aber ist denn deutsch genug gewesen, Dir das Lied ohne Italienerei so lebendig zu singen, daß es Dir gefallen mußte? da es mir selbst Deiner Zusage bedurft hat, um zu wissen, ob es sich löst und trifft. Dein »Kennst Du das Land« habe ich jetzt zum sechsten Male in Musik gesetzt, um es mir selber Einmal rechtzumachen, und die besten Stücke davon sollen nach Weimar wandern.

Der Sohn unseres Staatsrats Nicolovius geht nach Jena zur Universität. Er bringt Dir diesen Brief. Kannst Du ihm etwas Liebes erzeigen, so bitte ich darum. Der Vater hat sich einen Brief an Dich für seinen Sohn von mir erbeten, den ich nicht abschlagen kann, da er sich immer gefällig gegen mich erwiesen hat. Der junge Mann wird zugleich das Geld an den Hofmusikus Müller bezahlen, und deshalb ist die obige Bitte ausgestrichen.

Lebe wohl, Geliebtester meiner Seele, und laß mich wissen, wohin Du gehst. Gegen Pfingsten will ich zuerst meinen Sohn in Pommern besuchen, und wenn alles nach Wunsch geht, soll Weiteres beschlossen werden.

Der einliegende Brief ist von Boisseree. Ein junger Musikus aus Cöln am Rhein, der hier meines Unterrichts genießt, glaubte über Weimar zu gehn, was er nicht getan hat, und so bittet er mich, Dir den Brief zu übersenden.

Heut ist schon der 7. April.

Dein Z.

alle Briefe                                                                                                                                     weiter

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Nachrichten an:

geologe.ef@gmx.de