26.07.2016

Briefwechsel J.W.v.Goethe und C.F.Zelter: An Goethe 27.12.1818 (315)



316. An Goethe 27.12.1818

Berlin, den 27. Dezember 1818. 

Deine schöne und edle Großfürstin verlangte einen Brief an Dich; es möchte wohl zu frei gewesen sein, von einer Huld Gebrauch zu machen, die ihr gleichwohl ernst gewesen sein könnte und die ich lebenslang nicht vergessen werde.

Die Kaiserin Mutter kam am Weihnachtsabend zwischen drei und 4 Uhr hier an, in Begleitung meines Königs, der ihrem Wagen vorritt. Die Großfürstin glaubte ich im Wagen der Kaiserin zu erkennen. Es war bekannt, daß die Kaiserin bis Sonntag hierbleiben werde. Der König hatte das Museum, die Bibliothek, die Universität, die Bildergalerie, die Kunstakademie, die Charite, die Entbindungsanstalt, und was sonst noch hier zu sehen ist, in Bereitschaft zu setzen befohlen, um die hohen Gäste zu empfangen, und ich dachte nicht daran, die Kaiserin in der Singakademie zu sehen, da unser jetziges Lokale, wegen des Baues des Akademiegebäudes, durchaus nicht geeignet ist, Gäste aufzunehmen. Es ist so klein, daß die Gesellschaft selber nicht Raum hat, und da es über einem Pferdestalle ist, so ist der Geruch unausstehlich wie die Kälte daselbst, weil es nicht geheizt werden kann.

Cranz unvermutet aber schickte Fürst Radziwill zu mir und ließ mir sagen, die Kaiserin wolle die Singakademie hören, der ganze Hof freue sich dazu und Er wolle seinen Saal hergeben. Es war der 1. Weihnachtstag. Alles in der Stadt war zerstreut, und es war kein Geringes, 300 Menschen in Berlin zusammenzurufen. Am 2. Feiertag gegen Mittag kam man zusammen, und um 2 Uhr war es beschlossen, der hohen Fremden aufzuwarten. Zwei Stunden nachher, also um 4 Uhr, versammelte man sich im Radziwill’schen Palais, und gegen 5 Uhr kam die Kaiserin, geführt vom Könige, mit der ganzen Umgebung. Wie die Kaiserin in den Singsaal trat, ward sie mit Anstimmung eines Gedichts empfangen nach der bekannten Melodie: »Heil Dir!« Die beiden Gedichte waren seit 2 Stunden gedichtet und gedruckt. Dann folgte ein Psalm von Fasch: »Wohl dem Manne, der rechtschaffen lebt! Der ist wie ein Baum, der seine Frucht bringet zu seiner Zeit, und was er machet, das gerät wohl.« — Das Ganze schloß mit einer Fuge: »Mein’ Zunge rühmt in Wettgesang Dein Lob!« Diesen Psalm hatte ich gewählt in Beziehung des eben gefeierten Geburtstags des Kaisers Alexander. Nach diesem Gesänge, der keine halbe Stunde währte, nahte sich die Kaiserin dem Chore, begrüßend und dankend, ließ sich meine Antworten auf ihre Fragen über Entstehung, Fortgang, Zustand und Alter des Instituts gefallen und schied dann von uns, weil noch Theaterfeierlichkeiten, die der König selbst angeordnet hatte, ihrer warteten.

Ob dies nun für eine hohe Frau von so bewährten Einsichten ein Genuß gewesen sein könne, der in der Eile zusammengetrommelt und, daran vorübergehend, wie ein Luftstrich empfunden wird, kann ich Dir nicht sagen. Es war Feiertag, jeder war mit seinem Hause beschäftigt, ein Fest zu begehen, woran alle die Seinigen teilnehmen. Hier herausgerissen, in einem fremden Hause, durchaus unvorbereitet und so weiter. Die Musik gelang vollkommen, weil ich durch ein stehendes Repertorium auf Fälle dieser Art immer gefaßt bin. Aber ein Auditorium vor sich zu haben, welches keine Zeit zu genießen hat und nur auf den Schluß wartet, davon denke Dir nun, was Du kannst.

Endlich kam noch Deine Großfürstin und ihr Gemahl zu mir heran, um in kurzem zu fragen, ob ich ihr etwas für Dich auftragen wolle. Das war mir nun das Erquicklichste bei der ganzen Sache, von außen herein an Dich, mein Geliebter, erinnert zu werden, da ich alles, was ich tue, in Beziehung tue auf Dich und Deine Gegenwart, die ich erhofft habe wie die Zukunft des Messias. Der Erbprinz konnte sich nicht genug verwundern, daß eine solche Stiftung keinen Raum fände im großen Berlin, und es war, als ob er zu verstehn geben wolle, daß dies kaum glaublich sei. Das ist so natürlich, daß ich’s selber nicht glauben will und darum unaufhörlich bemüht bin, den König zu bewegen, nur etwas für eine Sache zu tun, die nicht ohne Einfluß gewesen ist auf ganz Deutschland, die unter seinen Augen entstanden und mit ihm gleichsam aufgewachsen ist, in ehrbarem Rufe steht und von ihm allein — unbeachtet bleibt. Ich sprach ihn vorher auf einige Augenblicke, und indem er an mir vorüberging, schloß ich mich an ihn an, um ihn ins Gespräch zu locken; aber er war so mit seiner Intention beschäftigt und verlor sich in die höchsten Herrschaften, wohin ihm zu folgen nicht anständig gewesen wäre.

Die Kaiserin Mutter, welche heute früh um 9 Uhr wirklich abgefahren ist, hatte ich mir ins Auge genommen. Ich habe sie als Braut von unendlicher Schönheit gekannt, denn ihre Hochzeit war hier in Berlin. Sie ist von Einem Alter mit mir, und meine Blicke sind ihrem großen Schicksale gefolgt. Sie hat sich allgemein beliebt bei uns gemacht und Vertrauen erweckt und genossen. Hätte sie sich’s länger unter uns gefallen lassen dürfen, wir würden sie noch lange haben bedienen können, denn wie wir in Zug kamen, da waren wir fertig. Sie hat keinen deutschen Choral gehört, der unter uns zu Hause ist und gewiß gewirkt haben müßte, da ich seine Kraft kenne. Die Solosänger kamen zuletzt auch in Zug, und obwohl wir nicht so schöne Stimmen haben, wie sie die Kapelle der Großfürstin hat, so läßt unser Ensemble nichts vor sich, ob wir auch keine einzige Probe gehabt haben.

Empfiehl mich nun noch einmal Deiner trefflichen Großfürstin; ich habe die ganze Reise von Weimar her an nichts gedacht als den Genuß, den ich an ihrem Gottesdienst fand: er hat mich aufs höchste erbaut; und vergiß ja nicht Dein Versprechen, mir die Messe des heiligen Chrysostomus zu verschaffen.

Die Teltow’schen Rübchen waren bei meiner Ankunft in Berlin am 8. November bereits nach Weimar abgegangen, und ich hoffe, daß sie vor dem Froste an Ort und Stelle gelangt sind. Wenn Fische nicht ein stummes Geschlecht wären, so möchte ich ihnen die anfolgende Komposition der »Ballade« in den Mund legen; laß sie Dir daher von solchen Wesen Vorsingen, die nicht stumm, aber auch nicht zu karg sind mit Klang und Wort. Einige Verse haben mich fast zur Verzweiflung gebracht. Manches ist überwunden, bis auf das Enjambement in der 8. Strophe im 3. und 4. Verse, das an sich schön ist, aber im Singen gar zu störend wird. Frage: ob sich das verändern ließe?

Nun lebe wohl, mein ewig Geliebter! und gib bald ein Wort des Trostes von Dir, denn ich höre, daß man krank ist in Deinem Hause. Gott befohlen! Dein

Z.

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