2016-07-24

Briefwechsel J.W.v.Goethe und C.F.Zelter: An Zelter 28.06.1818 (312)



312. An Zelter 28.06.1818

Höchst erfreut hat mich Deine Sendung vom 21. Juni; sie kam gerade zur rechten Zeit, als ich mich nach einem zerstückelten Zustand von vierzehn Tagen endlich wieder zusammengefunden hatte; eigentlich war es nur Verkältung, bei dem heißen Wetter und scharfen Nordostwinde kaum abzuwenden. Nun geht es wieder gut, und ich treibe mein Wesen wieder fort, weiß aber nicht, was zunächst aus mir werden wird.

Uns ist ein Prinz geboren, dessen Taufe wir nun abzuwarten haben. Dann wollen mich die Ärzte ins Karlsbad, wozu ich keine Lust empfinde: denn mein gegenwärtiger Zustand, in welchem ich nach manchen Seiten hin tätig sein kann, ist mir sehr erwünscht, und meine heitere Wohnung möcht’ ich nicht gern verlassen. Da wiege ich mich denn in Unentschlossenheit, erwartend, wo ich denn zuletzt durch eine überwiegende Nötigung hingetrieben werde.

Deine Motette hat mich erfreut und betrübt: erfreut, insofern ich sie [mit] den Augen aufnehmen und einigermaßen genießen konnte; betrübt, weil ich die Hoffnung aufgeben muß, sie zu hören. Denn ich habe nicht einmal Knebeln den Spaß machen können, das Geburtstagslied vortragen zu lassen. Es sind unter den jungen Leuten hier recht hübsche Stimmen, und chorweise machen sie ihre Sachen auch gut. Was aber nicht nach »Lützows wilder Jagd« klingt, dafür hat kein Mensch keinen Sinn. Auch ist es, wie die Sachen stehen, nicht einmal rätlich, sich näher an sie zu schließen. Drüben in Weimar ist es ebenso schlimm. Molke singt nichts als seine eignen Lieder, so daß die Gesellschaft, zu deren Vergnügen man ihn einlädt, zuletzt davonlaufen möchte.

Mir bleibt also nichts übrig, als mich für einen Somnambüle zu geben, der durch verwechselte Sinne zu seinen Vorstellungen gelangt.

Wäre es Dir nicht unangenehm, so sendete ich eine Abschrift von dieser Partitur an Thibaut nach Heidelberg; er ist, obgleich Juriste, von Hause aus eine weiche musikalische Natur und hat, wie ich höre, auf solide Weise um sich her einen Kreis versammelt, wo sie ältere Kompositionen mit Liebe, Leben und Sorgfalt aufführen. Es ist ein Abglanz von euch heraufgeregt; ich weiß zwar nicht, wie rein er leuchtet, aber verständige Menschen waren damit sehr zufrieden.

Von meinem »Diwan« sind zehn Bogen gedruckt, von »Kunst und Altertum« neune, von »Morphologie« vier. Wo nicht alles, doch ein Teil muß Dir Michaeli zuhanden kommen. Keine Gesellschaft gibt’s mehr, wenigstens nicht für mich, und da unterhalte ich mich dictando in der Gegenwart, hoffend, es werde künftig in die Ferne wirken.

Überhaupt kommt es einem so wunderbar vor, wenn man das Treiben der Menschen (ich will zum Beispiel nur von der bildenden Kunst reden, die mir am nächsten liegt) mit Ernst und Wohlwollen betrachtet. Die schönsten Talente fragen bei mir dringend an, was sie tun sollen, und wenn ich’s ihnen redlich mitteile und sie, überzeugt, die ersten Schritte tun, so lassen sie sich vom absurdesten Wochentage gleich wieder in die gemeinste Pfuscherei hineinschleppen und sind so wohlgemut dabei, als wenn es gar nicht anders sein könnte. Ich indessen bleibe auf meinen alten Reden, und sie tun, als wenn ich gar nichts gesagt hätte. Wenn ich nicht irre, so habt ihr Meister der Tonkunst dadurch einen größeren Vorteil, daß ihr gleich anfangs eure Schüler nötigen könnt, das anerkannte Gesetzliche anzunehmen. Wie willkürlich damit in der Folge freilich Ein Individuum nach dem ändern verfährt, will ich auch nicht untersuchen. Und so lege ich denn dieser Sendung einige Vorfragmente bei, wobei Du wenigstens den Vorteil hast, daß Du Herrn Sickler nicht zu berufen brauchst, um sie aufzurollen. Dieses alles schreibe ich Dir unter einem bedeutenden Gewitter, welches von Abend herüber gerade auf meine Fenster strebt. Erst durch Stauberregung, dann durch allgemeinen Regenguß, der den ganzen Himmel einnimmt, mehr als durch Blitz und Donner merkwürdig. Dies zu beobachten ist meine Zinne herrlich gelegen; ich weiß nicht, wie ich diesen Überblick aufgeben will. Noch vieles wäre zu sagen, aber das Papier kann’s nicht tragen.

Und so fort und für ewig!

Jena, den 28. Juni 1818.              G.

alle Briefe                                                                                                                                     weiter

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Nachrichten an:

geologe.ef@gmx.de