2016-07-21

Briefwechsel J.W.v.Goethe und C.F.Zelter: An Goethe 01.03.1818 (306)



306. An Goethe 01.03.1818

Berlin, den 1. März 1818. 

Auch ich war in Arkadien! mit Dir in Arkadien; durch Dich in Arkadien! auch ich habe geweint vor Freuden, daß ich Dir Freude machen werde, Du beste Seele aller Welt!

Hiermit erhältst Du das mitternächtliche Wesen, sauber abgeschrieben; in jeder Note stickt ein Gedanke an Dich: wie Du bist, wie Du warst, und wie der Mensch sein soll. Besser kann ich’s nicht machen.

Dein Zettelchen aus Palermo macht mir unsägliche Freude. Wer ist denn die Glückselige, der diese Frühlingssonne aufgeht? Gott weiß, daß es Neid ist, warum ich frage, denn wie ich alle Huld der Welt auf Dich ausgießen möchte, so unmöglich ist mir’s, Deine Liebe mit jemand zu teilen.

Und nun, wie steht’s? In zwanzig Tagen ist Karfreitag. Du bist kommandiert, an diesem Tage hier zu sein und die Graun’sche »Passion« zu hören. Der König hat mir dazu das große Opernhaus bereits bewilligt, und ich habe keine Hoffnung, es je wieder zu erhalten. Daher setzest Du Dich still still in Deinen bequemen Wagen, fährst mit eigenen Pferden bis Naumburg, wo die Post wohnt, und so gerade fort bis an das hiesige Potsdamer Tor; Mondschein die ganze Nacht ist auf diese Zeit bereits bestellt. Vom Potsdamer Tore an fährst Du die Leipziger Straße geradeaus bis an die Friedrichsstraße, dann wird links in die Friedrichsstraße hereingefahren und wieder geradeaus bis vor meine Thür, No. 129 linker Hand. Deine Zimmer sind bereit. Dein Bett, Dein Sopha, Deine Sessel, und was sonst zur Leibes Notdurft gehört, und endlich Dein ewiger Freund erwarten ihren Herrn und Meister dergestalt, daß, Du kommst nun bei Tage oder bei Nacht, sich alles zu Deinem Empfange bereit finden soll.

Die Oper »Elena« von Mayer ist verbrannt; was schlimmer ist, sie ist nicht einmal gekannt, dennoch habe ich Kommission gegeben, mir wenigstens das verlangte Stück zu schaffen. Es ist doch der bekannte Simon Mayer? denn den Vornamen hast Du nicht dabei geschrieben, und einen ändern Meyer unter den Komponisten kennt hier niemand. — Doch, doch: Einer meiner frühem Jünger, namens Meyer Beer, hat voriges Jahr in Padua furore durch eine Oper gemacht, und das könnte ein jüngerer sein, da Du vom alten sprichst.

Von unserm Hierodulenspuk wirst Du wohl etwas gehört haben. Unser Grimbart ist in das Kloak gestiegen, um zu räuchern und zu purifizieren, was ihm jedoch keiner dankt. Wenn sie ihm doch mal das Fell recht zurechterücken wollten, das könnte aller Welt zu Erbauung und Tröste gereichen, da er es endlich mit allen verdorben hat. Hat er Dir denn nicht seine 100 Hexameter geschickt? — Ja wohl! was wird er nicht? womit er nichts Geringeres intendiert, als solche Hexameter zu machen, die sich wie ein non plus ultra von Prosa ausnehmen sollen. Viel des Guten hat er getan, das ist wahr, und wer wollte dafür nicht danken? Doch daß er den Gedanken von Dir hat, den Homer in tüchtige Prose zu übersetzen, will er um keinen Preis Wort haben. Du erstaunst ihm nur nicht genug über die Neuheit und den Reichtum seiner Ideen, denn wenn Du wolltest, Du könntest ihn zum besten haben nach Noten. Wir sind ihm zu grob und sagen’s ihm geradezu, wo es ihm sitzt, und da tut er zwar verächtlich, aber er ist doch höflich. Letzthin kam einmal die Rede auf Deine Interpunktion, die ihm hinten und vorn nicht recht war. Da sagte ich ihm: er habe bis jetzt immer gescholten auf unsere musikalischen Taktstriche als Verderber einer wahren Metrik; diese Taktstriche seien jedoch nichts weniger als was er schelte, sie seien vielmehr nur für das Auge des Lesers da, um einen sichtbaren Anhalt zu finden, würden aber weder mitgespielt noch -gesungen. Die nämliche Bewandtnis scheine mir es aber mit der Interpunktion der Sprache zu haben, und das wahre Kennzeichen einer vollkommenen Sprache sei kein anderes, als wenn man sie verstehend lesen und lesend verstehen könne ohne ein weiteres Zeichen. Er selbst glaube eine vollkommene Prosa zu schreiben, ob er aber diesen Versuch schon gemacht habe? Daß Deine Prosa diese Eigenschaft habe, wisse ich aus damit angestellten Versuchen; die Interpunktion dazwischenzusetzen, wäre allenfalls eine Arbeit der Philologen, die einmal gewohnt wären, Garben zu sammeln nach der Saat und nach der Ernte, und oft froh wären, ein ausgefallnes Korn aufzulesen, das der Schnitter nicht achte. Daß daraus kein gutes Blut wächst, kannst Du Dir vorstellen, aber ohne dies wäre es nicht auszuhalten, und man wird immer wieder gut miteinander.

Also noch einmal: vom Sonntag, den 15. dieses, an bis den 20. erwartet Dich um jede Stunde

Dein

Z.

Friedrichsstraße No. 129 
am Oranienburger Tore.

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