2016-07-29

Briefwechsel J.W.v.Goethe und C.F.Zelter: An Goethe 15.01.1819 (319)



320. An Goethe 15.01.1819

Berlin, den 15. Januar 1819. 

Sollte Dir einmal ein Gedanke zu einem Liede für unsern Künstlerverein durch den Kopf gehen, so möchte ich Dich wohl dazu veranlaßt sehen. An festlichen Tagen werden die Frauen mit dazugezogen und wird an Tafel gesungen. Da ich jedoch meistens Männerlieder komponiert habe, so paßt nur weniges, und unsre Poeten kennst Du ja: man kann nichts machen aus dem schwammigen Wesen.

Bei meiner letzten Anwesenheit in Weimar suchten wir das »Dir zu eröffnen Mein Herz«, und es war abhänden. Hier schicke ich’s nun wieder. Es ist besser, daß Du es zweimal hast, als gar nicht. Der junge Bassist, den ich bei Gelegenheit des Gottesdienstes Deiner Kaiserlichen Hoheit bewundert habe, würde es gewiß mit seiner rührend-klaren Stimme zu Deiner Zufriedenheit singen können.

Dein Hafiz: »Aus wie vielen Elementen« würde Dich vorigen Dienstag an unserer Liedertafel gewiß erfreut haben. Das Stück hat sich ein ruhiges, sicheres und lebhaftes Pathos angeeignet, so daß ich es selber nicht ohne Erbauung höre, und da mir eben beim Kramen der erste Entwurf durch die Finger läuft, so sende auch dieses mit, wenn Du es auch schon einmal haben solltest.

Gestern abend hat mir Langermann zum ersten Male den »Pillalu« vorgesungen. Das Stück ist durchschlagend und rührend, und ich wünschte wohl ein Wort von Dir darüber. Meine Empfindung bei der Arbeit war geteilt zwischen Irisch und Irokesisch, was mir eigentlich gleichviel ist, da ich beides nicht kenne: es werden denn doch Menschen sein.

Gott zum Gruß! Dein

Z.

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