29.07.2016

Briefwechsel J.W.v.Goethe und C.F.Zelter: An Goethe 20.05.1819 (322)



323. An Goethe 20.05.1819

Berlin, den 20. Mai 1819. 

Deine Festgedichte machen ein Leckermaul aus mir. Wenn ich sie zuerst hintereinander weglas, um mit dem Ganzen bekanntzuwerden, so lasse ich mir nun, zum Frühstück, vor dem Essen, nach dem Essen, gegen Abend und vor dem Schlafengehn, eins nach dem ändern, oder wie sie sich greifen lassen, schmecken, daß die Lippen nicht wieder voneinander wollen. Sie kommen mir fast vor wie 8 Haydn’sche Menuetten, die ich auf ähnliche Weise genieße. Allerliebste Sternschnuppen: fix, klar und wahr. Und allerliebste Verse, und Reime voller Musik — und Gedanken zum Küssen.

Über das neue Heft »Kunst und Altertum« ein andermal. Der Artikel »Antik und Modern« hat mich über das Buch hinausgeführt, so daß ich zuerst die Schubarth’sche Schrift gelesen habe und sie noch einmal lesen werde. Jetzt lese ich den »Werther« wieder.

Unsre Kinder lassen sich Berlin gefallen, wie sie müssen, da sie nun einmal hier sind. Wenn sie einige Zolle kürzer wieder nach Weimar kommen, so gebt ihr jedoch mir und meiner geliebten Vaterstadt nicht schuld, denn es wohnen zwei Lohnkutscher dichtan bei uns. Bis heut haben sie sich die Füße durch Schuh und Strümpfe bis ins Fleisch durch -gelaufen, und wenn sie sich nicht belehren lassen wollen, so haben wir reine Hände wie die Wallensteiner. Heut ist Himmelfahrtstag, und sie — laufen nach dem Tiergarten. Wir Berliner sind schon müde, wenn wir davon reden hören.
Herz und Gruß meiner kleinen, schmächtigen, im stillen Angebeteten von Deinem Z.

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