22.07.2016

Felix Dörmann: "Sensationen"- Eine Dichterkrönung (45)



 Eine Dichterkrönung

Einer bin ich, bin's in zwei Gestalten,
Doch die Menschen, an den Schein gebunden,
Heißen heut' Genie mich, morgen Wahnsinn,
Heißen Brüder uns getrennte Wesen;
Was nur eines Wesens Doppelformen.
Selig der, zu dem ich ungerufen,
Von der Mutter nur gesendet, trete,
Aber weh' dem, der mich zwingt zu kommen.

Ein gewölbtes, winkelreiches Zimmer,
Krause Möbel von verblich'ner Pracht,
Todtenstille; – gelber Lampenschimmer
Um ein Schreibpult, weiterhin die Nacht.
Halbgeschloss'nen Auges, schlummertrunken,
Tief im Lehnstuhl, überschlank und bleich
Ruht ein Jüngling, in sich selbst versunken,
Ohne Regung, einem Todten gleich.
Plötzlich aber fährt er aus den Kissen,
Wie berührt von Geisterhand, empor,
Dumpfgebroch'nen Lautes, qualzerrissen,
Rollt und grollt es jäh aus ihm hervor:
»Schwach und hilflos, aller Welt zum Hohne?
Alte Puppen im erneuten Kleid?
Nur ein lendenlahmer Epigone?!
Das mein Schicksal?! Nein! noch ist es Zeit!
Sei's durch Gift und Kunst auch, ich will denken,
Will unsterblich und ein Dichter sein!«
Zitternd zuckt die Faust nach trüben Tränken,
Gierig saugen sie die Lippen ein;
Fieberhaft beginnt das Blut zu kreisen,
Dunkler seine Wange glänzt und glüht,
Seinem Mund entquellen wilde Weisen,
Sein entflammtes Auge blitzt und sprüht.
Raubthierwüthig jagt er durch das Zimmer,
Von den Schläfen tropft's ihm heiß und kalt,
Jubel wechselt mit der Qual Gewimmer,
Und er donnert, säuselt, kreischt und lallt.
Da – auf einmal steht er traumverloren,
Nur sein Fieberauge starrt und starrt:
Ist's ein Mensch, gleich ihm in Fleisch geboren,
Ist's ein Trugbild, das die Sinne narrt? –
Majestätisch schreitet ihm entgegen
Eines Mannes mächtige Gestalt;
Um das marmorbleiche Antlitz legen
Sich die Locken schwer und dichtgeballt,
     Von den Schultern quellen reichgeraffte,
Königliche Falten, goldverbrämt,
Und das Haupt, das schöne, grausenhafte,
Räthselvolle, ist bediademt.
Seltsam-starre, dunkle Blicke senken
Sich vom Gaste zu dem Dichter her,
Sie verlöschten Dichten ihm und Denken
Löschen, löschen alles los und leer.
Schauernd vor dem Gast im Scharlachkleide
Mit dem düster-schönen Angesicht,
Mit dem kronengleichen Hauptgeschmeide,
Schauernd – der Poet zusammenbricht.
Da, wie sich im Fall die Augen wenden
Wie sein Blick mit eins zu Boden rollt,
Sieht er plötzlich in des Gastes Händen
Einen Kranz von dunkelrothem Gold.
Jubel wird und Lust sein banges Stöhnen
Siegestrunken, stolz sein Aug' erglimmt!
»Ach, Du kamst als Dichter mich zu krönen,
Mir zum Preis ist dieser Kranz bestimmt!
Lass Dein hämisch-zages Zaudern enden;
Das der höchsten Wonne mich beraubt,
Her den Kranz! Ich selbst will ihn vollenden
Meinen Sieg« – und er umzinkt sein Haupt. –
Klagend aber stürzt er, schreiend nieder,
Denn die Krone glüht auf seiner Stirn,
Zuckend wälzen sich die schlanken Glieder,
Und er stöhnt: »Mein Hirn, mein armes Hirn!«
Will vom Haupte sich die Krone reißen,
Immer tiefer frisst sie sich hinein.
Roth und röther ihre Zacken gleißen,
Schauerlich umloht ihn Purpurschein.
Im verglasten Aug' ein letztes Schimmern,
Halberstickt von rettungsloser Nacht,
Schaumbedeckt die blauen Lippen wimmern:
»Diese Krone, wer hat sie gebracht?
Mann, wer bist Du, wer hat Dich gesendet?
Nein, zuerst die Krone mir vom Haupt,
Dass die Qual, die Todesqual doch endet,
Die den Schädel mir zu Scherben schraubt.
Soll ich vor Dir winseln?, soll ich beten? –
Sag', was Deinen Qualenhunger stillt!
Willst Du meine Seele ganz zertreten?
Nicht den Blick, aus dem der Wahnwitz quillt,
Weg mit Dir! Wer trug nach Dir Verlangen?,
Dein Geschenk ist Untergang und Graus!
Deinen Bruder glaubt ich zu empfangen,
   Warum tratest Du zu mir in's Haus?«
Und, mit hochgespreizten Geierkrallen,
Springt er brüllend auf den dunklen Gast,
Taumelt rückwärts mit verthiertem Lallen,
Stürzt zu Boden, von der Wuth erfasst;
In den Kleidern wühlt er mit den Nägeln,
Bis er sich auf Fleisch und Knochen gräbt,
Seine Fäuste schleudert er gleich Schlägeln
Sich in's Antlitz, bis es Blut verklebt.
Nimmer ahnt er, dass er je gesungen,
Nimmer ahnt er, dass er je gedacht,
All sein Wollen hat mit eins verschlungen
Rettungslos, für immerdar die Nacht.
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