22.07.2016

Gedichte von E. Geibel: Auf dem Rhein (9)



Auf dem Rhein

Es fährt das Schiff im Morgenglanz hinauf den dunkelgrünen Rhein,
Vorbei an Städten voll Geläut, an Burgen hochumkränzt mit Wein,
An jenen Bögen, draus hervor der Silberarm der Mosel wallt,
Und an der Lurlei schwarzem Fels, von dem das Echo dreifach hallt.

Und sieh! Am Mast des Schiffes steht gelehnt ein fröhlicher Gesell,
Die Wange brennt ihm gar so tief, das Auge blitzt ihm gar so hell,
Und wie empor aus hohem Schlot des Dampfes schwarzer Wirbel zieht,
Da singt er in der Räder Takt mit lauter Stimm' ein frisches Lied:

»So sei gegrüßt, du schöner Strom, so klar und tief und doch so wild.
Fürwahr, du bist in deiner Pracht des deutschen Sinnes schönstes Bild,
Drum, wer das Auge nur versenkt in deine Flut, gewalt'ger Rhein,
Der denket unbewußt mit Stolz des Glücks, ein deutscher Mann zu sein.

O heil'ger Strom, behüt' dich Gott! O deutsches Reich, sei stark und eins,
So weit das deutsche Wort erklingt, so weit man trinkt des deutschen Weins,
Halt fest zusammen, doch nicht wie ein Bettlermantel bunt geflickt,
Nein, einem Banner sei du gleich, in dreißig Farben froh gestickt.

Kein Haufen sei von rohem Stein, der formlos sich zusammenfand,
Nein, ein Gebäude stolz und hoch gefügt von eines Meisters Hand,
Mit Giebeln und Altan geschmückt, mit Bögen, Erkern, Zinn' und Turm,
Auf sichern Pfeilern aufgeführt zum Trotz dem Wetter und dem Sturm.

Wenn Quader fest an Quader schließt, so steht die Burg durch Gottes Kraft,
So brauchen wir nicht Frankentum und nicht Baschkirenbrüderschaft;
Nur fülle jeder seinen Platz, und wer zum Eckstein nicht ersehn,
Dem sei's der Ehre schon genug, als Mauerstein im Bau zu stehn.

Ihr Fürsten, denen Gott verlieh des Purpurs und der Krone Zier,
O dämmet nicht am Strom der Zeit, die Zeit ist mächtiger als ihr,
Nein, weis' und mäßig steuernd nutzt, indem ihr sie beherrscht, die Flut,
Gebt frei das Wort! Vertraut dem Volk! Fürwahr, das Volk ist treu und gut.

Ihr Ritter, die ihr reich und hehr auf euren Adelsschlössern haust,
Die ihr im hohen Rate sitzt und führt das Schwert in eurer Faust,
Die ersten steht in jedem Kampf, wo's Recht und Licht und Wahrheit heißt,
Denn eure Würd' ist hohler Schall, so ihr nicht adlig seid von Geist.

Ihr Bürger, schaffet fröhlich fort am Herd im sichern Eigentum,
Ein treu Gemüt sei euer Dank, und eure Pflicht sei euer Ruhm,
Seid eurem Land ein fester Wall, ein fester Wall dem alten Recht,
Denn wer sich willig knechten läßt, verurteilt selber sich zum Knecht.

 Und du mit Spaten, Hack' und Pflug, Gott grüß' dich, wackrer Bauernstand,
Er gebe deinen Hügeln Wein und goldne Ernten deinem Land,
Sei fromm und einfach, schlecht und recht, halt fest an Gott und Fürstenhaus,
Gewiß, des Landesvaters Huld, des Himmels Segen bleibt nicht aus.

Und ihr, ihr Dichter, wachet auf! Es ist genug gescherzt, gespielt,
Legt ab das bunte Schellenkleid, und wenn der Welt ihr drin gefielt,
Nicht singet dumpfen Sinnenrausch, Unfrieden nicht und herben Spott,
In keuscher Schönheit führe sanft das Lied des Volkes Herz zu Gott.

Wie vor dem blütenvollen Lenz als Herold zieht die Nachtigall,
So schreitet vor der neuen Zeit im Feierkleid mit Klang und Schall,
Des Geistes Ritter sollt ihr sein, der Väter Glauben sei euch wert,
Ein klarer Spiegel euer Sinn, und euer Wort ein flammend Schwert.

Fürwahr, sie irrten, die gesagt, die deutsche Poesie sei tot,
Nein, wenn ein Abend wirklich kam, so dämmert bald das Morgenrot;
Schon seh' ich fern am Horizont des neuen Tages goldnen Schein,
O laßt in seiner Frühe mich der ersten Lerchen eine sein!«

So sang der Sängerknab' und fing im hellkristallenen Pokal,
Darin das Gold der Rebe schwamm, des Morgens sonnenroten Strahl;
Dann schwenkt er hoch den Wein und goß ihn opfernd von des Schiffes Rand,
Und von den Bergen klang es nach: Gesegnet seist du, deutsches Land!
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