24.07.2016

Gedichte von E. Geibel: Deutsches Leben (23)



Deutsches Leben

Was steht ihr düster und betroffen,
Die ihr ein deutsch Panier doch tragt,
Nun endlich, endlich unsrem Hoffen
Ein Morgen der Erfüllung tagt?
O bannt von eurer Stirn die Wolke!
Verscheucht den wüsten Traum der Nacht,
Als wär' es aus mit unsrem Volke,
Weil's anders kam, als ihr gedacht.

Denn als der Sturm der sieben Wochen
Die Welt erschüttert nah und fern,
Wohl hat er morsche Zier gebrochen,
Doch nimmer unsres Wesens Kern.
Aus tausend Quellen um die Wette
Braust unversiegt von Ort zu Ort,
Braust stolzer nur im neuen Bette
Der Strom des deutschen Lebens fort.

Noch wettert durch der Schlacht Gedröhne
Das Schwert, ein Blitz in deutscher Hand,
Noch wissen lächelnd unsre Söhne
Zu sterben für das Vaterland.
Und die in schwindelnden Gedanken
Die Herrn der Welt sich schon geglaubt,
Mit bangem Neide sehn die Franken
Den Kranz des Siegs auf unsrem Haupt.

Noch waltet am ererbten Herde
Der deutsche Bauer schlicht und stark,
Beharrlich, wie die Kraft der Erde,
Die treu ihn nährt mit ihrem Mark.
Noch wächst auf hohem Schloß, dem Ruhme
Nacheifernd, den der Ahn gewann,
Manch kühner Sproß zum Rittertume
Des Geistes und des Schwerts heran.

Noch blüht gesegnet in der Runde
Der Städte Wandel, Kunst und Fleiß;
Noch wurzelt dort im festen Grunde
Des Bürgersinns der Freiheit Reis.
Im Wettkampf jeder Kraft erschaffen,
Gedeiht das Neue Tag für Tag,
Doch bürgt die ernste Pflicht der Waffen,
Daß alte Zucht nicht rosten mag.

Noch läßt zu nimmermüdem Streben
Die Forschung ihre Fackel wehn,
Der Vorzeit reichen Schatz zu heben,
Der Schöpfung Rätsel zu verstehn;
Und wenn bekränzt und vielbewundert
Die goldne Zeit der Dichtung schied,
Noch rauscht dem eisernen Jahrhundert
Begeistrung manch geflügelt Lied.

Noch steht in unsres Lebens Mitte
Wie eine feste Burg das Haus
Und strömt den Segen edler Sitte
Vom Herd auf die Geschlechter aus;
Noch birgt sich in der Jungfrau Sinne
Der Unschuld und der Ehren Hort,
Noch scheucht der Cherub reiner Minne
Vom Jüngling den Versucher fort.

Noch wacht mit brünstigen Gebeten
Die Mutter über ihrem Kind,
Noch treibt's den Mann, vor Gott zu treten,
Wenn er ein ernstes Werk beginnt;
Und bricht durch starrer Satzung Schranke
Der ungedämpfte Geist sich Bahn,
Nur treuer wipfelt sein Gedanke
In freier Andacht himmelan.

Drum laßt vom Zagen, laßt vom Grollen!
Im Sturme wuchs uns nur die Kraft,
Und mächtig in Gezweig und Schollen
Den Lenz verkündend treibt der Saft.
Erstorbnem weint ihr nach vergebens,
So kommt und tut den Brüdern gleich,
Und auf dem Grund des alten Lebens
Helft uns erbaun das neue Reich!
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