2016-07-26

Gedichte von E. Geibel: Ein Brief (37)



 Ein Brief

Das waren goldbeschwingte Tage,
Die ich im sonnigen Waldrevier,
Der Welt entrückt und ihrer Plage,
Noch einmal jung, verschwärmt mit dir.

Nun kehrt in seine stillen Gleise
Zurück mein Leben allgemach,
Doch klingt in tiefster Brust mir leise
Das Echo meines Glückes nach.

       Zwar bannt die Pflicht mich streng in Schranken,
Und manchmal nur im Tageslauf
Taucht überm Strome der Gedanken
Mir wie ein Stern dein Bildnis auf.

Doch wenn getreu beim Abendneigen
Das Werk, das mich erfüllt, vollbracht,
Dann steuert, wieder ganz dein eigen,
Die Seele durch das Meer der Nacht.

Dann red' ich wach zu dir und walle
Vereint mit dir des Traumes Bahn,
Die trauten Stätten grüß' ich alle,
Die unsrer Liebe Werden sahn:

Den Buchengang, den uns der Morgen
In herbstlich goldnen Duft getaucht,
Als du von meiner Stirn die Sorgen
Mit liebem Wort hinweggehaucht;

Das Hüttlein in des Parkes Schatten
Von Ros' und wildem Wein umkränzt,
Auf dessen Schwelle du dem Matten
Den frischen Trunk so oft kredenzt;

Das graue Jagdschloß überm Weiher,
Wo wir entzückt ins Laubgewog
Hinabgelauscht, indes der Reiher
Durchs Spätrot seine Kreise zog.

Und wieder hör' ich froh erschrocken
Den Laut, der meine Seele bannt,
Mich streift das Wehen deiner Locken,
Den Druck empfind' ich deiner Hand.

Ach, alles, alles kommt aufs neue,
Was mich so reich und froh gemacht;
Das sanfte Mondlicht deiner Treue
Schwebt über mir die ganze Nacht.

Und morgens dann in goldner Frühe,
Wenn kaum der letzte Stern erblich,
Gestärkt zu jeder Lebensmühe
Erwacht mein Herz und segnet dich
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