26.07.2016

Gedichte von E. Geibel: Ein Ruf über den Main (41)



 Ein Ruf über den Main

Nun steht das Haus gegründet
Und prangt im Frührotschein,
Nun ist das Wort verkündet:
Kommt her und tretet ein!
Kein Fremdling soll euch hindern,
Kein Machtspruch fern und nah,
Nach allen ihren Kindern
Verlangt Germania.

Ihr sollt nicht länger tragen
Der Waisen schwarz Gewand,
Ihr sollt nicht fürder fragen:
Wo ist das Vaterland?
Den Hort euch zu gewinnen,
Der jüngst ein Traum noch war,
Reicht nur in treuen Sinnen
Die Hand den Brüdern dar!

Ihr raschen Alemannen,
Glückauf! Mit Jubelton
Aus eures Schwarzwalds Tannen
Antwortend grüßt ihr schon.
Ihr habt die heil'ge Lohe
Der Freiheit stets genährt,
Nun schürt getreu die hohe
Auf größerm Opferherd!

Was säumt ihr ernsten Schwaben,
Vorkämpfer einst im Reich?
Wohl ist an Geist und Gaben
Kein Stamm dem euren gleich;
O laßt den Schatz nicht rosten,
Ihr sollt auch überm Main,
Wo Lichtgedanken sproßten,
Die Bannerträger sein.

Ihr löwenherz'gen Bayern,
Ihr Franken klug und kühn,
Wie lange wollt ihr feiern,
Wo Deutschlands Ehren blühn?
Den Arm, erprobt im Schlagen,
Den Blick voll Weltverstand,
Wollt ihr sie träg versagen
Dem großen Vaterland?

Empor! Ihr hofft vergebens,
Ein Volk im Volk zu sein,
Schon reißt der Strom des Lebens
Die dumpfen Schranken ein.
Vertraut euch seinen Wogen
Und sucht ein besser Heil!
Allmächtig angezogen
Zum Ganzen strebt der Teil.

Wohl habt ihr's oft vernommen,
Vom Eberhard das Lied,
Wie er, dem Reich zum Frommen,
Sein stolzes Herz beschied
Und großen Sinns die Krone,
Darnach er selbst begehrt,
Des Nordens starkem Sohne
Darbot am Vogelherd.

 O laßt sein Bild euch mahnen
Und zieht aus Süd und West,
Zieht hin mit euren Fahnen
Zum schönsten Sühnungsfest
Und bringt, die uns verloren,
Doch nie vergessen war,
Dem Haupt, das Gott erkoren,
Die Kaiserkrone dar!
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