2016-07-26

Gedichte von E. Geibel: Fausts Jugendgesang (46)



 Fausts Jugendgesang

Durch Klippen, die im Frührot baden,
Durch schwarzer Täler Einsamkeit
Hinzieh' ich auf entlegnen Pfaden,
Und Geister nur sind mein Geleit.
Mein Herz, das im Gewühl verdorrte,
Hier fühlt sich's heimatlich erwacht,
Die Wildnis lehrt mich ernste Worte,
Und Rätsel deutet mir die Nacht.

Und du, o Sturm, wenn laut im Grimme
Dein Tosen durch die Klüfte bricht,
Mir ist's wie eines Bruders Stimme,
Die Mut und Kraft ins Herz mir spricht;
Ihr Wogen, die zu Tal ihr brauset,
Ihr Fichten an des Sturzes Rand,
Ich weiß es, was ihr schäumt und sauset,
Denn ich, auch ich bin euch verwandt.

Tränkst du nicht mich auch, Mutter Erde,
Mit deiner Milch aus heil'ger Brust?
Erziehst du, daß gestählt ich werde,
Mich nicht durch Kampf zu jeder Lust?
Neigst du den Blick, den strahlend hellen,
Nicht, Vater Äther, zu mir her
Und zeigst mir meine Spielgesellen
In Berg und Luft, in Wald und Meer?

Den Geier seh' ich einsam schweben,
Und mein Gedanke holt ihn ein,
Der Wolke Dunstbild seh' ich weben,
Und ihr verhaltner Groll ist mein.
Und wenn erlöst dann in den Schlünden
Der Donner springt von Hang zu Hang,
Dann jauchzt's in meiner Seele Gründen,
Und meine Brust wird voll Gesang.

O Blitzeslodern, Felsenkühle,
O Sturm und Waldnacht, nehmt mich hin,
Und wie ich ganz mich euer fühle,
Gebt Liebesantwort meinem Sinn!
In euern Füllen untergehen
Laßt dieses Herzens Einzelschlag,
Bis ich von eures Odems Wehen
Mein eigen Lied nicht scheiden mag!
Alle Gedichte von Geibel                                                                                                         weiter


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Nachrichten an:

geologe.ef@gmx.de