2016-07-26

Gedichte von E. Geibel: Frühlingsmythus (50)



   Frühlingsmythus

Wie schauert heute durch die Lüfte
Ein allgewalt'ger Sehnsuchtshauch!
Es dringt bis in die tiefsten Klüfte
Der Sonnenstrahl durch Dunst und Rauch.

Und drunten hebt sich's ihm entgegen,
Wie er die eis'gen Schleier lüpft;
Du spürst es, wie in jungen Schlägen
Das Herz der Erd' erwachend hüpft.

Aus ihrem Busen ringt ein Fächeln
Wie leises Atmen sich hervor,
Sie schlägt mit träumerischem Lächeln
Des Wassers blaues Aug' empor.

Da geht aus uralt-dunkeln Tagen
Ein Klang durch meine Brust dahin,
Im Rätselwort verschollner Sagen
Vernehm' ich ahnungsvollen Sinn;

Und übers dampfende Gefilde
Sing' ich das Lied als Frühlingsgruß,
Wie einst vom Zauberschlaf Brynhilde
Emporgebebt vor Sigurds Kuß.
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