27.07.2016

Gedichte von E. Geibel: Hirsch und Reh (61)



Hirsch und Reh

Auf dem hohen Berg Olympos, wo der Wald von Tannen rauscht,
An dem Quell im hohen Kraute steht ein Hirsch, der talwärts lauscht;
Tränen weint er, dicke Tränen, groß wie Beeren, rot wie Blut;
Wie aus liebem Menschenauge strömet seine Tränenflut.

Kommt ein Rehlein hergesprungen, Rehlein mit geflecktem Fell,
Sieht des Hirsches Tränen fallen auf die Kräuter, in den Quell,
Spricht: »Was weinst du solche Tränen, groß wie Beeren, rot wie Blut?
Wie aus liebem Menschenauge strömet deine Tränenflut.«

»Türken sind ins Tal gekommen. Als empor den Berg ich sprang,
Sah ich ihrer Säbel Blitzen, hört' ich ihrer Trommeln Klang;
Hört' ich auch ein großes Bellen: denn sie haben sich zur Jagd
Aus der Stadt Konstantinopel sechzig Hunde mitgebracht.«

Rehlein spricht: »Das grämt mich wenig; Läufe hab' ich flink und gut,
Jede Kluft zu überspringen, zu durch schwimmen jede Flut,
Und vom Berg die Klephten haben Pulver, Kugeln und Gewehr,
Um die Türken und die Hunde fortzujagen bis ans Meer.«

Aber als die Sonn' hinabging, lag das Rehlein schon im Staub,
Blutig das gefleckte Hälschen, und sein Fleisch der Hunde Raub;
Eh' der Morgen wieder graute, war der stolze Hirsch erjagt,
Und die Türken höhnen jeden, der sie nach den Klephten fragt.
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