29.07.2016

Gedichte von E. Geibel: Im Harz (65)



 Im Harz

Ich klomm vom Ilsengrunde
Durch Waldgeklüft und Moor
In früher Morgenstunde.
Den Brockenpfad empor.

In Busch und Wipfeln sauste
Der Wind mit frischem Schall,
Dazwischen wogt' und brauste
Von fern der Wasserfall.

Und steiler ward's und steiler,
Jetzt schloß der Forst sich auf,
Und stärker quoll vom Meiler
Der Brandgeruch herauf.

Und jetzt, vom Dunst umwoben,
Erblickt' ich überm Tann
Auf schroffer Wand ihn droben,
Vom Berg den wilden Mann.

Im Eichenkranz, die Lenden
Umspannt vom Blätterschurz,
Stand er, die Keul' in Händen,
Hoch überm Wassersturz.

Und wie der Schaum die Klippen
Hinabschoß ohne Ruh',
Sang er mit bärt'gen Lippen
Ein mächtig Lied dazu:

»Zwei Dinge lernt' ich preisen
Von alters her zumeist:
Im Berge wächst das Eisen,
Im Walde rauscht der Geist.

Die beiden halt in Ehren,
So wird im Zeitenlauf
Kein Feind dich je versehren;
Glückauf, mein Volk, Glückauf!«

Er sang's, und steigend wallte
Der Nebel um ihn her,
Und als das Lied verhallte,
Gewahrt' ich ihn nicht mehr.
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