2016-07-26

Gedichte von E. Geibel: Frühlingsoffenbarung (51)



Frühlingsoffenbarung

Kommt her zum Frühlingswald, ihr Glaubenslosen!
Das ist ein Dom, drin pred'gen tausend Zungen;
Seht diese blühnden Säulen, diese Rosen,
Die lichte Wölbung, Grün in Grün verschlungen!

Wie Weihrauchswolken steigt der Blumen Düften,
Gleich goldnen Kerzen flammt das Licht der Sonnen,
Als Jubelhymnen fluten in den Lüften
Die Stimmen all von Vöglein, Laub und Bronnen.

Der Himmel selbst ist tief herabgesunken,
Daß liebend er der Erde sich vermähle;
Es schauern alle Wesen gottestrunken,
Und, wie verstockt auch, schauert eure Seele.

Und dann sprecht: Nein! Es ist ein hohl Getriebe,
Ein Uhrwerk ist's, wir kennen jeden Faden!
Sprecht: Nein! zu diesem Übermaß der Liebe,
Und von der Lippe weist den Kelch der Gnaden.

Ihr könnt es nicht. Und tätet ihr's: verwehen
Ins Nichts würd' eure Lästrung sonder Spuren
Und keinem Ohr vernommen untergehen
Im tausendstimm'gen Ja der Kreaturen.
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