2016-08-17

A. Glasbrenner: Die verkehrte Welt- Aus meinem Merkbuche (23)



 Zweiundzwanzigstes Kapitel

Aus meinem Merkbuche

»Communismus! Gleichheit! Kein Selbsteigenthum!
Der Staat ist die Bürger-Caserne!
Kein Gesetz! Keine Liebe! Kein Kranz für den Ruhm!
Alles Große, hei, an die Laterne!«
Mit solchem Gebrüll und dem Weibergekreisch
Dazwischen: »Wir emancipiren das Fleisch!«
Zog täglich die roheste Klasse
Der Dummdummer wild durch die Gasse.

Am Anfang erregten die Tollen mir Graun
Mit ihren Schlachtbeilen und Messern;
Doch der Umstand, daß sie tagtäglich zu schau'n,
Belehrte mich bald eines Bessern.
Sie waren besoldet und spielten so graß,
Um das Streben, das edelste, heiligste, das
Nach Freiheit, durch solch Menetekeln
Dem Volk allgemach zu verekeln.

Ein Bürschchen sprach drüben im Heil-Institut
Für sittlich-verwahrloste Greise
Für den geistigen Fortschritt sehr warm und sehr gut
Und ... drehte dabei sich im Kreise! –
Daneben im Wasserverehrer-Verein,
Da schimpfte man wacker auf Schnaps und auf Wein
Und zechte hernach in Spelunken
Bis daß man sternhagelvoll trunken.

Es gibt hier 'n Collegium (Namens: Mies-Mies)
Alter Weiber mit pechschwarzen Hauben,
Das allen Dummdummern vorschreibet präcis,
Was sie sollen empfinden und glauben.
Und wer anders empfindet und Anderes glaubt,
Der wird in den Fuß- und den Hals-Block geschraubt,
           Und muß dies unglückliche Wesen
Des Sultans Gedichte dann lesen!

Niemals wag' ich einen Zweifel
Auszusprechen, kaum zu hegen,
Wenn hier alle Eltern sagen,
Aber ohne Ausnahm' alle:
Daß ihr Kind »merkwürdig klug sei!
Und gewitzt wie gar kein and'res!«

Aber wie's bei diesem Segen
An geiststarker Jugend möglich,
Daß man unter den Erwachs'nen
Eine solche ungeheure
Anzahl großer Esel findet,
Das ist's, was ich nicht verstehe.

Das Gymnasium, in welchem die Prüfung heut war,
Trägt die Inschrift: »Wissen macht Wühler.«
Der Director, ein alter und braver Husar,
Ward examinirt durch die Schüler.
Man ging scharf ihm zu Leibe, allein er bestand,
Denn jedwede Antwort gab dafür ein Pfand,
Daß vom Wissen in allen Gestalten
Er vollständig rein sich erhalten.

Und wie Er, so bewiesen die Lehrer, die noch
Vor's Examen der Schüler heut mußten,
Daß sie viel zwar vom Muftigefabel, jedoch
Von Gott und der Welt Nichts wußten;
Daß sie also das Ziel, und zwar wunderbar leicht,
Das höchste der Philosophieen erreicht,
Und daß für der Staatsschule Zweck hie
Durchaus und vollkommen am Fleck sie.

  Der Verlehrer

»Herein!« rief es draußen. Ich klopfte. Es trat
In mein Zimmer mit freundlichen Mienen
Ein Wesen, halb Mensch und halb Kranich, und bat
Mich, mich seines Talents zu bedienen.
»Ihre Kinder vom Leiden der Kunst zu befrei'n,
Dürften Wen'ge wie ich so befähiget sein.«
»Ich bin«, so sprach er, »ein hehrer
Pianoforte-Verlehrer.«

»Verlehrer?« fragte erstaunt ich und ließ
    Mir von Lotten, der Gräfin, erklären,
Daß die Mütter hier allesammt lauter Genie's
Für das Fortepiano gebären!
Daß der Säugling Sonaten, die schwierigsten, schon
Mit Bravour und mit technischer Perfektion,
Noch ehe »Mamachen« er plappert
Prima vista vom Blatte abklappert!

Ja, daß Manche, den Beutel des Lutsch's noch im Mund,
Schon sehr geistvoll und tief phantasirten,
Ja, sogar Generalbaß durchgrübelten und
In den Windeln bereits componirten!
Und daß, falls man ihnen entzieht das Klavier,
Die armen, geniekranken Würmerchen schier
Wie Rasende strampeln und trappeln,
Und balde zu Tode sich zappeln!

Und so sei denn in keinem Familienkreis
Der Verlehrer allhier zu entbehren,
Der, die Kinder zu retten, mit Sorgfalt und Fleiß
Ihre Kunst sie verlernen muß lehren,
Auf daß sie, anstrebend ein nützliches Ziel,
Sich selbst nicht verzehren im tobenden Spiel,
Und nicht martern die lieben Verwandten
Und alle die guten Bekannten.

Ich lachte hell auf und erklärte dabei
Des Meisters der Umkehr-Kunst Bitte
Als nicht hier am Platz, da ich kinderlos sei
Und Selbst am Piano nicht litte.
Denn daß ich mit Einem der Finger der Hand
Arndt's deutsches, stets fragliches Vaterland
Könn' spielen, das, meint' ich, sei schwerlich
Für meine Gesundheit gefährlich.

   Volksspruch

Der Mann:

10 Jahr: was frißt er!
20 Jahr: Philister.
30 Jahr: Pantoffelheld!
40 Jahre: scharrt nach Geld.
50 Jahr: wird wieder jung.
60 Jahr: noch Spiel und Trunk.
70 Jahre: frei vom Zopf.
80 Jahre: Schüttelkopf.
     90 Jahr: nennt Alles Wahn.
100 Jahr: noch Unterthan!

Das Weib:

10 Jahre: Lärmerin.
20 Jahre: Schwärmerin.
30 Jahr: am Kinderbett.
40 Jahr: noch nett kokett.
50 Jahr: will Keiner kommen.
60 Jahr: geht zu den Frommen.
70 Jahre: weiß und weise.
80 Jahr: im Enkelkreise.
90 Jahre: engelgleich.
100 Jahr: vor'm Himmelreich.

  Ein Sultanchen

Ein fürchterlich Geheul durchtönt die Gasse.
Was schreit, worüber klagt des Volkes Masse?

Was ist's, um das das Weib so fest umklammert
Den Gatten und mit ihren Kindern jammert?

Wie kommt's, daß ich die ernsten Männer sehe
Verzweifelnd stehn, und daß sie rufen: Wehe!?

Was schrein so schmerzlich selbst die Millionäre
Als ob der Zins herabgegangen wäre?

Welch Schicksal, daß die Mufti's an den Säulen
Des Tempels stehn und mit den Junkern heulen?

»Die Antwort, Fremdling, brüllen vor den Thoren
Kanonen Dir: Ein Prinz ist heut geboren!

Es ist der Fünfunddreißigste des Schlosses,
Des Sultan Pumpel-Pampelschen Gesprosses!

Wir klagen nicht um uns; denn uns ist Segen
Jedweder Prinz! Wir klagen seinet wegen.

Es schmerzt uns, daß schon wieder, ach! ein Wesen
Zum Opfer für das Volkswohl auserlesen!

Ein Wesen, o! auf dem schon in der Wiegen
So schwere Lasten für das Volkswohl liegen!

Ein Wesen, dem das Loos, statt eins zu wählen,
Bestimmt ist, sich für's Volkswohl abzuquälen!

Das deutet unser Jammern, Heulen, Schreien,
Daß er sein Leben muß dem Volkswohl weihen!«

Ich nickte schmerzlich, ging hinab zur Gasse
Und schrie laut auf und heulte mit der Masse.

Der Hauswirth

Mein Hauswirth, der pünktlich nach jedem Quartal
Mir bezahlte die schuldige Miethe,
Anschnauzte mich heut, daß zu wenig Skandal
Und Spektakel mein Hiersein ihm biete.
Auch hätt' er, kaum glaublich! noch gar nicht verspürt,
Daß ich eine der Töchter des Hauses verführt!
Und endlich sei Lotte zu reinlich,
Und im Punkte der Sitte zu peinlich!

Ich müsse, im Fall daß die Dinge nicht bald,
Die verdrüßlichen, Wandelung nähmen,
Bei Vermeidung rechtsexecutiver Gewalt,
Das Logis mich zu räumen bequemen.
Wonach dann den Rest meiner Miethe-Caution,
Von der er ein Achtel zurückgezahlt schon,
Er mir würde nach Landes-Manieren
»Auf ewige Zeit reserviren.«

Ich schwur bei den Göttern, ich würde sofort
So handeln nur, wie's ihm gefiele,
Und warf, zum Beweise wie ernst mir mein Wort,
Zur Thür' ihn hinaus auf die Diele,
Und schmiß ihm verschiedentlich Waschgeschirr nach,
Das ihn und die Wände befluthend zerbrach,
Und werde ihm künftig bereiten
Noch weitere Aufmerksamkeiten.

      Zunftrecht

Welch ein launisch-wildes Wetter!
Aber, sieh! es warf dazwischen
Gottes Auge, unsre Sonne,
Einen wonnig milden Blick und –
Und aus einer rothen Wolke
Hagelte es rasselnd, prasselnd:
Große, süße Zuckererbsen!

»Dank Dir, Himmel! Dank, Gott Schtille! «
(Welcher nebenbei dem Amt des
Wind- und Wettermachens vorstand).
»Dank Dir, güt'ger Gott der Ordnung!«
Rief das Volk, begierig sammelnd
In Geschirren und in Körben,
Was dies meteorologisch-
Ungesetzliche Ereigniß
Seiner Armuth freundlich darbot.

Aber schon am selben Abend
Stürmten alle Zuckerbäcker,
       Demüthigst petitionirend,
In das Schloß des Ober-Mufti's,
Und nach dreimal dreißig Wochen
(Daß sich die Behörden hierorts
Keine Zeit zur ruh'gen Prüfung
Eingegangner Bitten lassen,
Fand ich immer unverzeihlich!
Hab' es aber nie geäußert.)

Kam ein muftiger Erlaß schon
An des Reiches Zuckerbäcker,
Wörtlich also lautend:
»Schafe!
Nach gewissenhafter Sitzung
Meines zopf'gen Mufti-Rathes
Und nach dessen Anerkennung
Der Gerechtigkeit der Klage,
Welche ihr Mir übergeben,
Habe Ich dem Standbild Ego' s
In das linke Ohr gerufen,
Daß die Zuckerbäckerei sei
Euer gutes, alt-ehrwürd'ges
Monopol und Zunftrecht, ergo
Er, der große Gott der Götter,
Schtille' n, seinem Gott der Ordnung,
Gnädigst möge anbefehlen:
Niemals wieder Zuckererbsen
Auf das Volk herabzuhageln,
Und dadurch den Zuckerbäckern,
Welche concessionirt sind,
Frechlichst in's Gewerb' zu pfuschen,
Und – da Schtille' s Zuckererbsen
Feiner, süßer als die ihren
Und herabgefallen gratis –
Sie, die guten Zuckerbäcker
So an Nahrung, wie an Ehre
Zu beschäd'gen und verletzen:
Widerigenfalls genöthigt
Ich und fest entschlossen wäre
Ihn auf zehn Jahr abzusetzen!

Denn zwar, rief Ich zürnend weiter
In das linke Ohr Gott Ego' s,
Ist Herr Schtille Gott der Ordnung,
Und wer ehrte mehr als Mufti's
Hier die alte feste Ordnung?
Aber das ist keine Ordnung,
        Plötziglich sich zu erfrechen
Das Gewohnte durchzubrechen,
Und zum Vortheil und Vergnügen
Der gesammten Volkesmasse,
Welche ewig gier und leckern:
Unsern edeln Zuckerbäckern
So an Ehre, wie an Kasse
Schweren Nachtheil zuzufügen!«

      Bemerkungen

Ich sah' manchen Herrn promeniren, der Blut
In der steifesten Halsbinde schwitzte,
Den Kopf eingezwängt in 'nem Filztopf-Hut,
Der vor Sonne und Regen nicht schützte,
Und vom Knappstiefel an bis zum borstigen Haar
Durch Kleider gepeiniget ganz und gar,
Die die Menschenfigur ihm verhunzten!
Und das ... Einer dem Andern zu Gunsten!

Ich hörte den dumm-philiströsesten Tropf
Um alte Gesetzlasten klagen,
Und sah' ihn voll Wuth mit dem eigenen Zopf
Auf jedwede Neuerung schlagen;
Ich sahe Hetären mit Myrthe geschmückt,
Die rosigste Unschuld vom Leumund erdrückt;
Sah' wie Geier sich Dichter auffingen
Und sie ließen im Käfige singen!

Ich bemerkte Kameel, Ochs, Esel und Gans
Als weise Geschöpfe geachtet;
Sah' Schweine und Säue umgeben mit Glanz,
Und Böcke als Heil'ge betrachtet;
Sah' Füchse und Tiger im Lammesornat,
Kreuzspinnen, die giftigsten, sitzen im Rath;
Sah' die bissigsten Hunde verwegen
Den Menschen Maulkörbe anlegen!

Vorwurf

Mehr, Freund, als Du aufgestellt,
Uebersahst Du, wir vermissen
Vieles Wicht'ge, Deine Welt
Ist nichts Ganzes, ist zerrissen!

  Antwort

    Vieles, was hier fehlt, erhellt
Wohl aus Dem, was Euch beschieden;
Viel mit Fleiß ist aufgestellt,
Einiges mit Fleiß vermieden;
Rundung und Vollendung, gelt?
Laß' ich besser bessern Köpfen:
Ich erschuf zwar eine Welt,
Doch ich kann sie nicht erschöpfen.

     Einfall

Des Märchens Scherz und Lüge lehrt
Dir Ernst und Wahrheit klar;
Der Spiegel zeigt Dein Bild verkehrt
Und doch so klar und wahr!

Nein, was ist doch Das für ein wunderlich Reich!
Steinhart sind die Betten, das Pflaster ist weich!
Champagnerwein stellet auf Kohlen man heiß,
Den Thee und den Plumpudding aber in Eis!
Steigt geputzt in das Bad, sielt nackt sich im Sand,
Küßt der reizendsten Weiblein und Jungfrauen – Hand!
Spuckt's Fleisch weg vom Steine der Kirsche,
Und benutzt nur die Hörner vom Hirsche!
Stellt in's Wasser der Blumen sich viele
Nach unten! nach oben die Stiele.

Man gähnt in dem göttlichen Tempel: Natur!
Und erbaut in dem eigen erbauten sich nur;
Wichst Stiefel und Schuh' sich mit Caviar blank,
Und tractirt sich mit Wichse und schmierigem Trank!
Ist zum Grübeln nach Unsinn allstündlich bereit;
Zwängt Liebe und Lust in gemessene Zeit!
Schmeißt's Glück aus der Thür um halb Zwölfe;
Nährt am Busen sich Schlangen und Wölfe;
Wirft die Auster beim leckeren Mahle
Auf die Erde und kaut an der Schaale!

Lammdemüthig seufzt man im härtesten Fluch,
Und martert und mordet sich oft um ein Buch!
Und schnuppert nach Mist, und hat Ekel vor Duft,
Hat die Früchte vor'm Maule und beißt in die Luft!
Tritt die blühende Rose mit Füßen
Um am Dorne die Sünde zu büßen!
Und verochst sich die herrliche Jugend!
Und das Alles heißt:

Sitte und Tugend

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