2016-08-17

A. Glasbrenner: Die verkehrte Welt- Das Billet (10)



 Neuntes Kapitel

Das Billet

»Fremdling, nie der Liebe noch
gedacht' ich,
Eh' gesehen ich in Deiner
Pracht Dich!
Frühinge erlebte Zehn und
Acht ich;
Schaukelnd in der Jugend bunten
Jacht mich,
Sah ich meine Tage fließen;
macht' ich
Schöne Reime, spielte, sang und
lacht' ich,
Und es störte keines Kummers
Fracht mich.
Da nahmst Du, den in der fremden
   Tracht ich
An dem Fenster sah, in Deine
Acht mich,
Fesseltest durch Deiner Reize
Macht mich,
Schlepptest in der Lebenssorgen
Wacht mich,
Wo nun seufzend liege Tag und
Nacht ich,
Rufend, während Thränen schleichen
sacht sich
Aus dem Aug', durch Tausend O und
Ach Dich,
Dich, den Jüngling, der so weit
gebracht mich!
Lange kämpfte in der Zweifel
Schlacht ich:
Ob nicht träf' ein niedriger
Verdacht mich
Dieses Briefes wegen, doch jetzt
acht' ich
Mich als Sieg'rin rufend: offen
tracht' ich
Darnach, daß in Deines Herzens
Schacht sich
Gleiche Gluth entzünde, wie
entfacht sich
In dem meinen! Und nun, Theurer,
schmacht' ich,
Bis Du kurz die Antwort schreibst:
›Es macht sich!‹

Lilia Linda,
Tugend-Holzweg Nr. 80.«

Nachdem als Herr den Inhalt des Billetes
Pflichtschuldigst ich der Dienerin erklärt,
Rief ich mit wahrhaft königlicher Würde:
»Die Bitte dieser Dame sei gewährt!«

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