2016-08-17

A. Glasbrenner: Die verkehrte Welt- Begräbnis und Kirchhof (18)



Siebzehntes Kapitel

Begräbniß und Kirchhof

Ein Gelächter, ein Jauchzen! Es lockt mich hinaus,
Was seh' ich? Ein Leichenbegängniß!
»Er hat's überstanden,« so rufen sie aus,
»Das traurige Daseinsverhängniß!
Der Sklav, der den Kerker des Lebens verließ,
Geht ein nun in's ewige Lustparadies,
Juchhe! wo die Engel, die holden,
Uns von unten bis oben vergolden!

Wo die Häuser aus funkelndem Edelgestein;
Wo gebraten die Vögel 'rumfliegen;
Wo in Strömen von köstlichem, feurigem Wein
Weißzuckerne Schwäne sich wiegen;
Wo die seligen Sultane all von Konfekt,
Und das selige Volk sie beliebig beleckt;
Wo die Mufti's uns waschen, und Nixen
Und Feeen die Stiefel uns wichsen!

          Wo als adlige Ritter man wieder begrüßt
Unsere klügsten, plebegischsten Töffel;
Wo man Alles, die Luft selbst, die freie, genießt
Höchst vornehm mit silbernem Löffel!
Wo man Nektar verweigert, Ambrosia häuft,
Und Perlen, die köstlichsten, schwitzt, wenn man läuft;
Wo man Arien singt, wenn man prustet,
Und Volkshymnen reimt, wenn man hustet!

Wo die Dirne Moral uns den Becher kredenzt,
Kein Genuß von der Lust'gen bedroht ist;
Wo den ewigen Lenz man durchfaullenzt,
Und die Arbeit das einz'ge Verbot ist!
Wo zwei Magen man, also in einem stets hat
Appetit, wenn man just in dem anderen satt;
Wo der einzige Doctor der Schankwirth,
Und Keiner der Seligen krank wird!«

Das war's, was vom Jubelgeschrei ich verstand. –
Auf dem Kirchhof begruben die Leiche
Viel Mufti's und machten dabei allerhand
Narrethei'n und possierliche Streiche.
Sie heulten und blafften, umtanzten das Grab,
Ueberhopsten's und warfen Kartoffeln hinab,
Und sammelten dann auf 'nem Teller
Sich Scudi's ein, Groschen und Heller.

Und zum Schlusse verlief die Beerdigungsschaar
Sich, den lachenden Erben noch bringend
Ein Hoch, ganz wie sie gekommen war,
Aufjauchzend, lärmend und singend.
Ich aber, ich ging durch den friedlichen Hain –
Beleuchtet von wunderbar magischem Schein –
Und las, was da meldeten Tafel und Stein
Von den Ruhenden allen, den Lieben,
Und hab', was davon mir geblieben
Im Ged-enkbuch, hier niedergeschrieben.

† Krusel-Kresel †

Hier ruht Herr Krusel-Kresel.
Er war –
Was wir bisher uns mußten leise klagen,
Nun aber frei und deutlich dürfen sagen:
Fürwahr
Ein alter, grober Esel!

     Seine Verwandten.

 † Netta Reseda †

Hier ruht mein Weib, die immer treu mir war,
Und auch an meine Treue glaubte!
O, daß nach einem Vierteljahr
Sie schon der schnöde Tod mir raubte!

Der traurige Gatte und Hofrath Reseda.

    † Gottlieb Tauber †

Auf den Jüngling, der hier ruht,
Hab' ich eine grimmige Wuth!
Wand'rer, denk' Dir, er ist Sieben
Skudi's bei mir Rest geblieben!

Bock, Schneidermeister.

 † Vornox-Hornox †

Er soff bedeutend, war sehr dumm und roh,
Stand aber hoch in Amt und Ehren.
Kannst, Wand'rer, Du Dir's nicht erklären?
Sein Vetter war Geheimer Staats-Rock. O!

Die Polizeibehörde der Residenz.

† Barbara Keif †

Ein Weib nur war mir unausstehlich!
Und das, o Pein!
War mein!
Jetzt ist sie todt und ich – bin selig!

Ihr Mann.

    † Wolf-Marder †

Die Erde, die zu lange Dich, Du Lump, auf sich geduldet,
Macht nun durch ihre Würmer gut, was Dein Papa verschuldet.

Die Erben.

   † Mathilde †

Mathilde!
Du, dieser Ego-Gilde
Liebreizendstes Gebilde
Mit Engelshuld und Milde:
Trotz Deiner Tugend Schilde,
Warf Dich der Tod, der wilde,
In dieses Schmerzgefilde!
Dein Grab ist mein's:
Mathilde!

Ihr Mann.

      † Hassan-Lucks †

Ich sinn' auf Lob für Dich vergebens!
Denn, ach! die einz'ge Handlung Deines Lebens,
Durch die Du meine Achtung Dir erworben,
War die: daß Du gestorben.

Sein dankbarer Erbe Lieb-Lucks.

       † Rosaura Mager †

Du starbst für mich, Rosaura!
Jetzt nehm' ich mir die Laura.

Ernst Mager, ihr Gemahl.

             † Schluck †

Sein Glauben, Hoffen, Lieben war die Flasche!
Des Weines Feuer, das durch ihn gerannt,
Hat seine Seele – ach, zu früh! – verbrannt.
Sanft ruhe seine Asche!

Sein Weinlieferant Freundlich.

    † Fürchtegott Fuchs †

Hier ruht mein Mann. Er war galant,
Sehr artig, geistvoll, amüsant;
War überall beliebt, begehrt,
Galt als verdienstvoll, ehrenwerth,
Als redlich, fromm und tugendsam,
Und war doch so grundschlecht, infam;
Vom Sporen an bis zu dem Helm
So durch und durch ichsücht'ger Schelm;
So böser, heuchlerischer Schuft
Wie Keiner athmet Gottes Luft!
Genug! Denn wollt' sein Tugendkleid
Auftrennen ich in all' die feinen
Einzelnen Lug- und Laster-Fetzen:
Ich brauchte hundert Jahre Zeit
Und müßt' im wahrlich, statt des Einen,
Zehntausend solcher Steine setzen!

Seine Gattin.

  † Norma von dem Worte †

Hier durch dieses Grabes dunkle Pforte
Ist die holde Jungfrau von dem Worte,
Mutter eines einzigen und kleinen Rangen,
Heut zu dessen Vätern heimgegangen.

Am 3. des Dornenmondes 76.

Ihr Letzter.


     † Raugraf Jambus †

Dreimalhundertsechsundsiebzig
Scudi ist mir dieser Raugraf,
Der im Leben führt' ein großes
Haus und itzo ruht im kleinen,
Mir für meine Tischlerarbeit
Annoch schuldig! Aber treff' ich
Jenseits einst mit ihm zusammen,
Soll Gott Tibi mich verdammen:
Will ich diesen fashionablen
Raugraf noch ein Mal vermeublen!
Will ich diesem edlen Jambus,
Herr auf Schmalen, Kahlen, Prahlen,
Mit dem allerdicksten Bambus
Seine Schuld mit Zinsen zahlen!!!

Knorre, Tischlermeister.


   † Hans Michel †

Er, der hier ruht,
War nicht ganz gut
Und nicht ganz schlecht:
Für Euch, gemüthlich-freundliche Canaillen,
Die Ihr den Lorbeer pflanzt und pflückt am Galgen,
Gerade recht!

Wurm, Philosoph.


  † Klette-Kette †

Bürgermeister.

Zur Steuer sei's gesagt, der Wahrheit, deren Würger
Zum Wohl der Stadt
Sich hier gebettet hat:
Er war zwar Bürgermeister, jedoch kein Meisterbürger.

Der Magistrat der Residenz.

     † Pluto-Plutus †

Dr. der Medizin.

Liebst Du das Leben, Wand'rer, mußt Du danken
Dem Himmel für dies Glück!
Von dem Besuche aller seiner Kranken
Kehrt Pluto nicht zurück!

Die Ober-Sanitätsbehörde.


    † Schnüffel-Windhund †

Der Hundsmensch, der hier unten ruht,
Bei trocknem Ostwind ziemlich gut,
War, schlug es um nach Nord und Süd,
Von bösem Sinne und Gemüth.
Bald war er hitzig-liberal,
Bald kalt und schmeidig, wie ein Aal,
Selbstsüchtig-gier in allen Phasen,
Die Schnauze voll der schönsten Phrasen,
Dummstolz und eitel, zeigte er
Die Zähne oft und blaffte sehr,
Doch drohte irgend ihm Gefahr,
So sträubte sich vor Furcht sein Haar;
Er heult', krummbuckelte und kroch
Schwanzwedelnd in's gemeinste Loch!
Bei all' dem aber war ein Mann
Von Welt und Schliff er. Kurz man kann
Charaktrisir'n ihn anders nicht
Als durch: Charakterloser Wicht!

Seine Verwandten.

     † Camillus †

Heldenführer.

Der, dem er oft entlaufen,
Der Held im Flieh'n,
Warf ihn doch über'n Haufen
Und dann hier unter ihn.

Die Ober-Kriegsbehörde.

   † Rentier Ochs †

So dick Dein Renten-Bauch, so mager war Dein Witz,
Du zähltest, was Du warst, Dein Werth war Dein Besitz.
Was, Capital-Ochs, hier von Dir der Wurm verspeist,
Das war Dein besser Theil, Dein Adel und Dein Geist!

Seine Erben.


 † Louis Iltis †

Er ist mir noch für Kleider
Bedeutend schuldig leider
Der ... Cavalier!

Sein Schneider.

   † Bürger Schwein †

Zu faul, daß für's gemeine Wohl
Er jemals sich bemühte,
War's Kegelspiel nur, Wurst und Kohl,
Für die sein Herz erglühte,
Und dennoch war sein drittes Wort:
Ich bin ein Bürger hier am Ort!
Und dennoch wollt' dieß Menschenschwein
Freiherr im freien Staate sein!

Wenn alle Wir als Menschenkind
Vom Hause »Staub zu Staube« sind,
Ist Er, der ruht auf diesem Fleck,
Ein Bastard vom Geschlechte »Dreck.«

Das Cultus-Ministerium.

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