17.08.2016

A. Glasbrenner: Die verkehrte Welt- Empfang und Unterricht (20)



Neunzehntes Kapitel

Empfang und Unterricht

Seine Zopfigkeit, der ernste
Ober-Mufti, mich nach guter,
Alter Sitt' empfangend, küßte
Meines Schlafrocks Saum und nahm dann
Meine rebenblut'ge Spende
Mit der größten Huld entgegen,
Während ich, gleichwie zum Segen,
Mußte meine beiden Hände
Ihm auf Bauch und Gurgel legen.

Und nachdem nun diese Handlung,
Ganz so geistvoll wie erhaben,
Ich vollbracht und seine Diener
Sich entfernt, ergriff der Mufti
Eine goldkrystall'ne Flasche,
Goß aus dieser in ein spitzes,
Goldkrystall'nes, frommes Kelchglas
Köstlich duftende und gold'ne
Feine Kräutertropfen, die er
»Wohlgefäll'gen Bittern« nannte,
Und von denen er betheuernd
Sagte, daß sie ganz so schmackhaft
Und belebend wie zuträglich
Der Gesundheit seien – goß er
Diese edeln Kräutertropfen
Langsam in den Mund und Schlund sich;
Schnalzete und sprach zu mir dann
Freundlich nickend: »Wohl bekomm's Euch!«

Ich erstaunte und sann drüber
Nach, woher es wohl mag kommen,
           Daß auf diesem Stern die Menschen
Alle, selbst die hochgestellten,
Stets den Aberglauben hegen:
Das, was sie nur für sich selbst thun,
Anderen gethan zu haben?

»Ihr seid von mir hergerufen,«
Sprach der Mufti jetzt, nachdem er
Sich auf einen goldbetroddelt-
Sammetrothen Sopha wohlig
In der ganzen Körperlänge
Ausgerecket und gestrecket,
Und ein Gleiches auf dem gleichen
Gegenüberstehnden Sopha
Mich zu thun bedeutet hatte:
»Ihr seid von mir herberufen,
Um die Kenntniß zu empfangen
Unsrer Mytheologie.
Sie ist einfach, und für Geister
Eures Schlages, welche schnell sich
Angeochst- und aufgedrung'nem
Wust entschlagen, leicht erfaßbar.
Gänzlich müßt Ihr Euch, zum Beispiel
Von dem christlich-jüd'schen Denken
(Wenn man dieses captivirte,
Abgezogne, blinde Tappen
Und dies Vorschrifts-Drumherumgehn,
Dies sophist'sche Absichschweißen
In dem Nichtigen und Flachen
Ueberhaupt kann Denken heißen!)
Oder Fühlen frei Euch machen.«

»Wie?« rief ich, erhitzt aufspringend
Von dem Lager, »wollt Ihr Alles,
Was im Geist und gegenständlich
Offenbart ist und als heil'ge
Ueberzeugung unvertilgbar
In Millionen und in mir lebt,
In dem Scheidewasser Eures
Irren, ewig wirren Grübelns
Und Vernünftelns, Eures heidnisch
Sogenannten abso ...«
»Nicht doch!«
Unterbrach der Mufti mich und
Gab Befehl mir, wieder langaus
Auf dem Sopha mich zu strecken.
»Ich will Euch durchaus nicht zwingen,
              Unsern Glauben anzunehmen,
Den zu glauben hier Gesetz ist.
Ihr hört ruhig an mich, höret,
Was Ihr denken, fühlen, glauben
(Denn Gedank', Gefühl und Glaube
Ist ja Eines!) sollt, und wenn dann
Noch nach eines Jahr's Verlauf Ihr
Christ seid – denn ich weiß, Ihr seid es,
Seid ein ächter Christ – so werdet
Nach dem Paragraphe Sechszehn
Unsres Toleranz-Ediktes
Ihr, wie's wörtlich heißt, ›aus Unserm
Horizont beseitigt,‹ nämlich,
Wenn Ihr nicht, was ich Euch lehrte
Anerkennt als letztes Wissen:
Aus dem Sterne, die Verkehrte
Welt, sofort hinausgeschmissen.

Hört nun weiter! Wir besitzen
Religion in Eurem Sinne
Gar nicht; wir besitzen Glauben,
Aber jenen äußerst starken,
Der mit Wissen synonym ist.
Was Ich, was der Ober-Mufti
Glaubt, ist Wissen und ist Glaube
Jedes Einzelnen der Icher,
Wie wir, Ego' s Volk, uns nennen.
Was ich glaube, das ist Wahrheit,
Denn in mir ist Ego selber,
Sind die Icher alle, gleichwie
Ich in ihnen. Und da Glauben
Eins mit Fühlen ist und Denken:
Fühl' und denke ich im Grunde
Ganz alleine, denn die Freiheit
Alles Wissens, Fühlens, Denkens
Ist beschränkt im Ober-Mufti.
Oder,« sprach er seufzend weiter,
» Sollte es doch sein, denn leider
Gibt's hier rationale Hetzer,
Die den Denkerplebs bethören;
Giebt's hier, wie Ihr gleich sollt hören
Auch in unserm Reiche Ketzer!

Ego ist, wie Euch bekannt schon,
Gott der Götter und der Zeiten.
Ihm der nächst' an Macht und Herrschaft
Ist Gott Te, der Gott der Prügel.
  Nos heißt unser Teufel, Satan,
Und der Gott des Reichthums Natan.
Schtille ist der Gott der Ordnung,
Me, sein Weib, Göttin des Schlafes,
Pruda die der Langenweile,
Tibi, Vater Te' s, der Keile
Gott und der gemeinen Hiebe;
Roma endlich Gott der Liebe.

Früher hatten wir noch Andre,
Die jedoch ob ihres Starrsinns,
Den sie den prophet'schen Worten
Unsres Ober-Muftithumes
Gegenüber sich erfrechten,
Bis auf Weit'res suspendirt sind.
Welches Recht, die Götter – Ego
Ausgenommen nur und Tibi –
Abzusetzen, der Funktionen
Sie zeitweilig zu entheben,
Wenn sie störrig, eigensinnig,
Jedem Ober-Mufti zusteht.«

»Darf ich mir an Eure Zopfheit
Eine Frage wohl erlauben?«

»Geme!«

»Wie ist's möglich, daß Ihr
Für so nah verwandte Dinge,
Wie die Prügel sind und Keile,
Zwei der Götter habt statt Eines?«

»Nah' verwandt? Quod non! Ihr irrt Euch,
Und seid nah' daran, den Ketzern
Beizutreten, welche eben
Unsern Te nicht haben wollen
Und als schlechte Egoisten
Nur den Tibi anerkennen;
Weßhalb wir sie Ateisten
Oder Tibianer nennen.«

»Euer Zopfigkeit verzeihen,«
Sprach ich, »doch es wird von Eurer
Mytheologie so dumm mir
Als ob (Göthe'n sehr verbessernd)
Drei mal drei zelot'sche Rabbi's
Und raviate Kirchenväter
Tappten in dem Kopf herum mir.«

       »Es soll bald Euch Licht drinn werden,«
Lächelte der Mufti, seine
Ausgestreckte Sophalage
Beibehaltend und sprach also:
»Zwischen Prügel, Freund, und Keile
Ist nach Unserem Begriff hier
Ein tieffrommer Unterschied noch.
Keile, und so fassen sie die
Ateisten-Ketzer auf auch,
Ist das rohe, allgemeine,
Demokratische, profane
Element, sind Püff' und Hiebe,
Welche unter Tibi's Obhut,
Gleichberechtigt, gegenseitig
Sich mit Stöcken, Peitschen, Händen
Mensch und Thier tagtäglich spenden.
Prügel aber ist das göttlich-
Te -aristokrat-spezifisch-
Heil'ge Element, mit Einem
Worte: ist die höhere Keile!
Tibi's Macht erstreckt sich einzig
Ueber die von Uns und Pampeln
Nicht gesetzlich sanctionirten
Kleinen Knecht- und Kinderstrafen;
Ueber Püffe, Ruthenhiebe,
Fußtritte und Katzenköpfe,
Kantschu-, Faust- und Backenschläge,
Oder höchstens über Tabagieen-
Klubb's und Kneipen-Saufereien,
Und Casino's-, Harmonieen-
Oder Volksfest-Raufereien.
Te, Freund, Te ist viel erhab'ner!
Te ist Gott des Ehren-Zweikampfs,
Gott der Schlachten, Ego's Zorn-Gott!
Und so fassen die Teisten,
Unsres Tempels guten Schafe,
Auch die Prügel auf und nehmen
Sie als süße Himmelsstrafe.«

»Also«, fragt' ich, »die Tibianer
Oder Ateisten wollen
Prinzipiell nicht Prügel haben?«

»Nein!« erwiederte der Mufti.
»Diese unfromm-demokrat'schen
     Wichte nennen Keile: Keile!
Sondern nicht von der gemeinen
Unsre höhere. Sie schelten
Krieg und Zweikampf: Luxus-Keile,
Oder Keile nur im Großen;
Leugnen Te und opponiren
Gegen unsere dictirte
Balsam-Prügel, die verlor'ner
Ehr' und Tugend Wunden heilet,
Nur Diejen'ge anerkennend,
Die der Mensch kraft angebor'ner
Freiheit selber sich ertheilet.«

»Eine Frage noch erlaubt mir,«
Sprach ich nach erlangter Prügel-
Kenntniß, »Eine noch, betreffend
Euern Gott der Liebe, Roma.
Mir fällt's nämlich auf, daß er dem
Namen nach ist der verkehrte
Liebesgott der Alten: Amor.
Und so möcht' ich gerne wissen,
Ob er anders auch geartet
Als der unmoralisch-lose,
Kleine, flatterhafte Pfeilschütz?
Als der Bringer süßen Schmerzes;
Als der himmlisch-holde Schalk
Jener großen, ernsten Liebe
Die das All schuf und gestaltet,
Der, so klein, als größter Heros
Ueber alle Wesen schaltet?
Als Cupido, Amor, Eros?«

»Roma«, sprach der Ober-Mufti,
»Sohn des Ego und der Pruda,
Hat in unserm Reich mit Alten
Wenig oder Nichts zu schaffen.
Er ist Knabe noch an Jahren
Aber ernster, würd'ger Haltung,
Sittig, anstandsvoll gekleidet;
Eine Peitsche in der Rechten,
Strebt er, Maid- und Jünglingsseele
Stets zur Liebe anzufeuern,
Auf daß nimmer es an Knechten
Unserm theuern Staate fehle
Oder, deutlicher, an Steuern.«

»Also Knabe ist er auch?«
    »Ja,
Freilich! Knabe ist und bleibt er,
Muß der Gott der Liebe bleiben!
Denn wenn größer er und älter
Würde, könnte er vielleicht ja
Sclave werden, wo er herrschte;
Könnte er ein Mädchen finden,
Dem er weihete sein Leben;
Könnt' sich ehelich verbinden
Und dann sein Geschäft aufgeben!«

»Das heißt: wenn er Eh'mann wäre,
Wär' die Liebe nicht sein Reich mehr?
Ihr habt hier höchst wunderbare«
(Wagte ich hinzuzufügen)
»Ansichten von Eh' und Liebe!
Und noch wunderbarer sind,
Wie ich leider selbst vor Kurzem
Schon erfahren mußte, diese
Ansichten manifestiret.
Denn sich trauen lassen, heißt hier:
Seiner Seele schön're Hälfte
Ach! auf immerdar verlieren;
Heißt: die Herzerkor'ne, statt in
Süßer Eh' mit ihr zu leben
Als – ich will's so nennen – Gattin
Euern Dienern übergeben!«
Währenddem ich diese Worte
Schmerzbewegt, entrüstet sprach,
Hielt der Mufti einen scharfen,
Prüfenden Blick auf mich gerichtet,
Ließ denselben aber fallen,
Als ich ihm mein Haupt zuwandte,
Und gab dann mir diese Antwort:

»Heißt denn, Freund, sich trauen lassen,
Nicht bei Euch und überall auch:
Die Geliebte seines Herzens
Opfern auf der Frau Gemahlin?
Wahre Liebe ist schon Segen,
Himmlischer als irgend einer!
Wahre, gegenseitige Liebe
Ist schon heiligste Verbindung!
Lieb', die Würde, Halt und Glanz sucht
Mehr als sie in sich empfindet,
Retten wir durch schnelle Trennung,
Deren Wunde bald vernarbt ist,
         Vor dem grausen Schmerz und Elend
Zwangvereinigten Entzweitseins.

Aechte, wahre Liebe hütet
Ihre süße Freiheit besser
Als die flücht'ge, die den Titel
Sucht und findet, der ihr Schutz giebt. –
Hier, Freund, schließt die Liebes-Ehen
Wirklich und allein der Himmel,
Wirklich und allein Gott Roma.
Hier bleibt jeder Liebste Liebster!
Hier bleibt der Verbindung Myrthe
Blühend, wie das Haar auch graut!
Hier bleibt von den Liebe-Frauen
Jede eine Himmelsbraut!
Hier, Freund, läßt man sich nicht trauen,
Weil man selber sich hier traut!«

alle Kapitel der Sammlung                                                                                                       weiter

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Nachrichten an:

geologe.ef@gmx.de