2016-08-04

Briefwechsel J.W.v.Goethe und C.F.Zelter: An Zelter 29.05.1819 (323)



324. An Zelter 29.05.1819

Daß meine Festgedichte Dir Wohlbehagen, ist in der Regel; denn ich habe die Zeit in Berka, wo ich sie schrieb, indem ich den Marperger las und Schütz spielen hörte, unablässig an Dich gedacht und uns ein näheres Zusammensein gewünscht. Mehr, als ich irgend sagen kann, hast Du schon aus diesem Heftlein genommen. Die Mannigfaltigkeit und Freiheit der Silbenmaße ist mir unvorsätzlich unter dem Arbeiten bei Beschauung der vielfachen Gegenstände geworden. Neuere Künstlichkeit habe ich kaum berührt; die achtzeiligen Strophen waren mein letztes Ziel, und recht merkwürdig ist es, daß kein Sonett in diesen Zyklus passen wollte; auch Dein Gefühl wird schwerlich einen Punkt angeben, wo es stehen könnte.

Für die freundliche Aufnahme der Kinder danke Dir herzlich. Ich werde durch sie genießen, was ihr mir längst günstig bereitetet. Mir will nun nicht mehr wohl werden als in meinem Hause, das besonders den Sommer alle Vorteile genießt und wo mir so vieljährig zusammengetragene Besitztümer zu Gebote stehen, die mir Freude und Nutzen bringen, ob sie gleich vor den Nagelischen Kunstschätzen verschwinden möchten.

Habe Geduld mit den Kindern und lasse sie nach ihrer Weise aus dem großen Born ihr Teil schöpfen und genießen. In Augusts Briefen finde ich weder Wolf noch Hirt genannt; sorge, daß diese Freunde nicht übergangen werden.

Die jenaische Druckerei verspätet meinen »Diwan« unverantwortlich; indessen, hoffe ich, soll er euch auch noch immer zur rechten Zeit kommen. Damit nun aber diese Sendung nicht ganz leer und leicht ausfalle, so folgen ein paar Bogen »Aufklärungen« zum »Diwan«. Ich wünsche, daß sie Dir die folgenden wünschenswert machen.

treulichst

Weimar, den 29. Mai 1819. G.

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