2016-08-10

Briefwechsel J.W.v.Goethe und C.F.Zelter: An Zelter 02.05.1820 (339)



340. An Zelter 02.05.1820

Karlsbad, den 2. Mai 1820. 

Dein lieber Brief vom 19. April trifft mich den 2. Mai in Karlsbad und erfreut mich gar höchlich. Zuvörderst will ich zu eurem Rafaelischen Fest Glück wünschen, es war gut ausgedacht und hat sich gewiß auch so ausgenommen; es macht es euch niemand so leichte nach. Laßt es immer Sitte werden, daß man die Heroen aller Art feiert, welche über die Atmosphäre des Neides und des Widerstrebens erhoben sind.

Die Musik hätte ich wohl hören mögen. Zu dem, was Du sagst, kann ich mir wenigstens einen Begriff aufstellen. Die reinste und höchste Malerei in der Musik ist die, welche Du auch ausübst: es kommt darauf an, den Hörer in die Stimmung zu versetzen, welche das Gedicht angibt; in der Einbildungskraft bilden sich alsdann die Gestalten nach Anlaß des Textes, sie weiß nicht, wie sie darzu kommt. Muster davon hast Du gegeben in der »Johanna Sebus«, »Mitternacht«, »Über allen Gipfeln Ist Ruh« und wo nicht überall? Deute mir an, wer außer Dir dergleichen geleistet hat. Töne durch Töne zu malen: zu donnern, zu schmettern, zu plätschern und zu patschen, ist detestabel. Das Minimum davon wird als Tüpfchen aufs i in obigen Fällen weislich benutzt, wie Du auch tust. Und so verwandle ich Ton- und Gehörloser, obgleich Guthörender, jenen großen Genuß in Begriff und Wort. Ich weiß recht gut, daß mir deshalb ein Drittel des Lebens fehlt; aber man muß sich einzurichten wissen.

Vom 23. April an habe ich acht schöne Tage verlebt, vollkommen heiteres Wetter, leidlich Befinden, zur Beobachtung aufgelegt, Wetterzustand und Wolkenbildung mit Teilnahme betrachtend. In Alexandersbad besah ich mir die titanischen Felsenverstürzungen, die vielleicht ohnegleichen sind. Seit dreißig Jahren, daß ich sie nicht gesehen habe, hat man sie durch architektische Gärtnerkünste spazierbar und im einzeln beträchtlich gemacht. Das Andenken eurer Königin schwankt und schwebt wundersam dazwischen.

Dann besuchte ich Marienbad, eine neue bedeutende Anstalt, abhängig vom Stifte Töpel. Die Anlage des Orts ist erfreulich; bei allen dergleichen finden sich schon fixierte Zufälligkeiten, die unbequem sind; man hat aber zeitig eingegriffen. Architekt und Gärtner verstehen ihr Handwerk und sind gewohnt, mit freiem Sinn zu arbeiten. Der letzte, sieht man wohl, hat Einbildungskraft und Praktik, er fragt nicht, wie das Terrain aussieht, sondern wie es aussehen sollte; abtragen und auffüllen rührt ihn nicht, und ein solcher ist besonders in gegenwärtigem Falle nötig. Mir war es übrigens, als wäre ich in den nordamerikanischen Einsamkeiten, wo man Wälder aushaut, um in drei Jahren eine Stadt zu bauen. Die niedergeschlagene Fichte wird als Zuläge verarbeitet, der zersplitterte Granitfels steigt als Mauer auf und verbindet sich mit den kaum erkalteten Ziegeln; zugleich arbeiten Tüncher, Stukkatur [er] und Maler von Prag und andern Orten im Akkord gar fleißig und geschickt; sie wohnen in den Gebäuden, die sie in Akkord genommen, und so geht alles unglaublich schnell. Ein Haus, das noch nicht unter Dach ist, soll im August schon zum Teil wohnbar sein; ich mag wenigstens nicht hineinziehen. Diese Eile jedoch und der Zudrang von Baulustigen (denn alle Baustellen nach einem regelmäßigen Plan sind schon vergeben) wird eigentlich dadurch belebt, daß ein Haus, sobald es f ertig ist, im nächsten Sommer zehn Prozent trägt; es kommt nun auf die Dauer an. Das Wasser läßt sich verschicken und geht auch schon stark nach Berlin. Schreib mir doch, ob jemand von Deinen Freunden Gebrauch davon machte; ich habe gutes Zutraun dazu.

Profit vom gestrigen Jahrmarkt.

Parabel.

Zu der Apfelverkäuferin 
Kamen Kinder gelaufen,
Alle wollten kaufen!
Mit munterm Sinn 
Griffen sie in die Haufen -
Sie hörten den Preis 
Und warfen sie wieder hin,
Als wären sie glühend heiß.

Was der für Käufer haben sollte,
Der alles gratis geben wollte.

Karlsbad, den 2. Mai 1820.

Nächstens mehr. G.

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