12.08.2016

Briefwechsel J.W.v.Goethe und C.F.Zelter: An Goethe 02.06.1820 (346)



346. An Goethe 02.06.1820

Berlin, 2. Juni 1820. 

Das liebe »Nepomukehen« hat sich auf der Stelle wollen absingen lassen. So lege ich’s bei, und laß Dir’s gelegentlich hübsch kindlich-fromm und fließend vortragen, ohne Eile und ohne Schleppe. Es wird eigentlich von Einer Stimme gesungen. Die zweite Stimme habe ich erst gestern dazu gesetzt, indem ich’s der Prinzeß Elisa Radziwill ans Herz gelegt habe, um es mit ihrer Singmeisterin zusammen singen zu können.

Der »Paraklet« wurde auch sogleich angefangen, liegt aber schon die ganze Zeit und erwartet seine gute Stunde. Gestern bei Tafel ließen sich dem Fürsten Radziwill drei Sänger melden und wurden sogleich vorgelassen. Sie scheinen polnische Juden, zwei Männer und ein Jüngling.

Das allerseltsamste haut-goüt und hors-goüt von der Welt treibt sich im Umfange von Kontra-C bis zum drei-gestrichnen E durcheinander, doch mit ganz eminenter Meisterschaft der Ausführung, die alle Geringschätzung beseitigt.

Den Eindruck dieses Vogelkonzerts vom Adler bis zur Bremse (wenn man auch die Blasebalgsgesichter gar nicht sieht) magst Du Dir etwa vorstellen, als wenn alles Gefieder zusammengeflogen wäre, dem Jupiter die Ohren zu waschen, weil die Hanfkörner und die Beeren nicht geraten sind.

Auch verhielt sich, was zum Hause und zur Tafel gehörte, zum Herrn wie der Olymp zum seinigen: die Kinder schrieen sich tot vor Lachen; Mutter und andere Leute von Geschmack dachten ihr eignes; die Dienerschaft gleichfalls; am wenigsten zufrieden, ja neidisch erschienen der Dompfaff, der Papagoi und der Hühnerhund, denen offenbar das Wort vorm Maule weggeschnappt war. Am zufriedensten waren die Sänger selber über dem Effekt ihrer Kunst.

Endlich ist unser intendant general der Königlichen Kapelle angelangt und seine längst erwartete Ankunft mit einer seiner Opern gefeiert worden, die er mit großer Zufriedenheit aufgenommen hat.

Hier ist an jetzt von weiter nichts die Rede, als wie es zu machen, Dich nach Berlin zu zaubern; denn Locken, Ziehen, Rufen und dergleichen will uns nicht zukommen. Daß alle Welt bei der Hand ist, Dir das Bett zu legen, den Schirm zu halten, den Tisch zu decken und so weiter, hättest Du zu hoffen, und da Du Dich nun einmal als Faust gezeigt hast, so bist Du nicht sicher, vom Mephistopheles hergeholt zu werden.

Ich weiß nicht, ob ich’s recht gemacht habe, Dir meine Briefe nach Weimar zu adressieren; nach Deinem letzten Schreiben muß Dich dieser Brief in Weimar antreffen. Da wünschte ich denn zu wissen, wenn Du etwa Dich diesen Sommer noch einmal von Weimar entferntest, indem ich wohl Lust hätte, einen kleinen Abstecher zu Dir zu machen, denn weit darf ich dies Jahr nicht gehn.

»Nun, Fauste, lebe wohl! bis wir uns wiedersehn.«

Dein

Z.

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