13.08.2016

Briefwechsel J.W.v.Goethe und C.F.Zelter: An Goethe 29.07.1820 (353)



353. An Goethe 29.07.1820

Sonnabend, 29. Juli 1820. Tausend schönen Dank soll ich sagen und tausendmal wiederholen für die schöne »Pandora« mit der schönen Inschrift. Und was die Freundin anbetrifft, der das Geschenk bestimmt war, die soll anders entschädigt werden, nur das kleine, liebe, nette Büchlein wird einbehalten.

Gestern abend also war ich bei der Herzogin von Cumberland. Der König ist abwesend, doch war der Kronprinz mit dem ganzen Geschwister da, und Fürst Radziwill und noch viel anderes, auch eine meiner Akademistinnen, die sich mit einer hübschen Stimme artig und flink zu bewegen versteht. Die »Pandora« sollte gelesen werden, doch es wurde nichts vom Lesen, vielleicht der Kinder wegen, die lieber singen hören, und dann war es zu spät. Desto mehr wurde dann gesungen: Fürst Radziwill hatte einige Deiner Gedichte und ein junger Mann aus meiner Schule eben welche recht gut in Musik gesetzt. Es geht denn doch immer besser, und nach und nach wird sich’s schon heben.

Man war schon von Tafel aufgestanden, als die Prinzeß noch eine neue Flasche Champagner geben ließ und mit mir expreß auf Dein Wohl zusammenstieß, und wenn’s damit treu gemeint war, so muß ich noch sagen, der Champagner verdiente auch sein Lob.

Dem Prinzen Karl von Mecklenburg und Fürsten Radziwill las ich die Stelle Deines letzten Briefes vor, welche also lautet: »Die Poesie ist doch wirklich eine Klapperschlange, in deren Rachen man sich mit widerwilligem Willen stürzt.«
Der Gedanke fand großen Beifall; ob sein ganzer Inhalt durch und durch empfunden worden, sei dahingestellt; ich will nur sagen, daß ich ihn in seiner ungeheuern Schwere erst recht gefühlt, als ich ihn eben diesen Personen vorlas.
Denn an den Poeten ist nicht viel zu verderben; wer ihr aber sonst noch nachläuft, der vergesse nicht, sein Kreuz auf sich zu nehmen.

Lebe wohl, mein Hafis! Gott weiß, wie dieser Weinsofi mir den Kopf wie ein Fliegenpflaster nach allen Seiten zieht. Ich gehe mit ihm ins Bette und stehe auf mit ihm.

»Was soll das werden!
Will ihn umarmen
Und kann es nicht!«

Um mir und dem guten Werneburg ein Postgeld zu ersparen, schicke ich sein Manuskript an Dich zurück. Du bist wohl so gut, es ihm nebst dem Briefe abgeben zu lassen.

Seinen Brief habe ich absichtlich, Dir zur Ansicht, offen gelassen; Du bist denn wohl so gut, eine Oblate hineinzulegen.

Die brave Seele dauert mich, er will uns den besten Spaß verderben, und dazu sollen wir ihm selber helfen. Ja wenn die Kunst in den Zeichen stäke und in den Klaven, dann wäre unser Geheimnis auf eins verraten. Das kann man ruhig beobachten; denn wie Er Recht hat und nichts zu verschlucken, so läuft kein Hund um die Ecke mit ihm.

Ein neues Stück unter dem Namen: »Die Zwillingsgeschwister« hat sich eingefunden. Ein Herr v. Ziethen hat Shakespeares »Was ihr wollt« seine Brühe übergegossen, um es für die freuden- und lustlose Welt schmacklich und des Autors Fehler durch Verbesserungen unleidlich zu machen. Beim Shakespare sieht man augenscheinlich, was Fehler sind, und eine unwahrscheinlichere Intrigue als diese mag man vergeblich suchen, und doch —

Mit nassen Augen lacht man sich das Herz aus, und durch das fratzenhafteste Zeug erstickst du in Tränen der Liebeslust; »was du willst, das sollst du haben«, und was du nicht willst, auch, und beides soll dich erfreuen, erquicken.
Nun lebe wohl, mein Allerschönster! ich wollte nur das weiße Blatt noch voll schreiben. Weißt Du doch das alles besser, doch indem ich’s schreibe, erfahre auch ich was davon, und hat man die Feder in der Hand, so muß man denken, wozu man im Leben nicht sehr geneigt ist.

Dienstag, 1. August 1820. Z.

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