13.08.2016

Briefwechsel J.W.v.Goethe und C.F.Zelter: An Goethe ohne Datum (354)



354. An Goethe

So wie mich alles an Dich erinnert, so habe ich eben das nämliche Glück, das mir widerfuhr, als ich vor 18 Jahren zum ersten Male in Weimar war: vor meinem Fenster steht ein Brunnen, und da diese Stadt kein genießbares Trinkwasser hat, so kommt nun alles und holt aus diesem Brunnen, der hier einzig ist, Wasser, und so lerne ich gleich den ersten Tag die ganze race der Weiber von Greifswalde kennen, ohne einen Fuß zu rühren, denn ich liege im Fenster und rauche mein Pfeifchen dazu.

Hieraus magst Du nun lernen, daß ich heute, Freitag, mittag, den 18. August 1820 in Greifswalde angekommen bin und Montag nach Stralsund zu gehn gedenke. Dem Städtchen sollte man ein Alter von 600 Jahren kaum ansehen, wenn nicht Kirchen und andere öffentliche Gebäude es bestätigten, die zwar nur von Backsteinen erbaut sind, doch in ihren Verhältnissen ein Geschlecht offenbaren, das sich seine Götter und Heiligen größer dachte wie sich selber. Die Kirche Sankt Nikolai hat drei Schiffe, der innere Raum kann leicht 100 Fuß hoch und 250' lang sein und ist aufs tüchtigste gewölbt. Der innere Anblick ist kolossenhaft und läßt den großen Willen erkennen, den alles für Eine Sache hat. Was die neue Zeit hat hinzutun wollen, ist stolze Dummheit in natura: an diesen einfachen tüchtigen Pfeilern haben sich nämlich im Anfänge des vorigen Jahrhunderts vornehme Einwohner große Verschläge mit dem reichsten Schnitzwerk machen lassen, um die Predigt ungestört verschlafen zu können, und ihre Namen daran geschrieben, von denen einer Kribbelfitz heißt. Wie kleinlich diese Privatissima sich gegen die Kirche ausnehmen, kannst du Dir denken, obgleich einige davon groß genug wären, nebenher noch ein Ruhebett, einen Spieltisch und einen Nachtstuhl aufzunehmen.

Die Universität hat über 80 Studenten, welches mir ein gutes Verhältnis zum Lande zu sein scheint; unser Minister denkt nun, noch zum Guten das Beste zu bringen. Die Bibliothek hier soll geordnet und vergrößert werden, und so weiter. An Platz fehlt es nicht, wie in Berlin. Die Universitätsgebäude wie alles, was hier öffentlich ist, geben sozusagen eine gesunde Regierung zu erkennen, indem nichts davon zerfallen ist. Der 30jährige Krieg hat hier viel Schaden getan. Die Restauration läßt sich noch erkennen, besonders an der Arbeit, die oft besser ist als das Alte. Gehudeltes linde ich nirgends.

Sonntag. Gestern habe ich den Nikolaiturm bestiegen und mein Auge an der schönen Umgebung geweidet. Das Meer sah man in einiger Entfernung durch den Hafen. Von hier auf die Universitätsbibliothek, die 40 000 Bände stark angegeben wird. Ein sehr brav gearbeiteter silberner Becher ward hier gezeigt, welchen die Universität Wittenberg Luthern und seiner Käthe v. Bora zum Brautgeschenke gemacht hat. Die Arbeit ist so gut wie die Proportion, und geht soviel hinein, daß sich zwei ordentlich satt trinken können. Dienstag, den 22. August. Dem Jupiter Pluvius zum Trotze versuchen wir, von Stralsund, wo ich gestern mittag angekommen bin, zu erzählen, sonst wäre ich schon heut nach Rügen übergeschifft. Das Meer fing an sich zu heben, und ich bin verdrießlich, es nicht von Rügen aus sehn zu können. Eine hübsche Stadt mit 4 Kirchen, von denen zwei ans Stattliche reichen, hätte man schon gesehen. Viermal bin ich auf die Rhede gelaufen, doch Sturm und Regen haben mich wieder aufs Zimmer gejagt.

Eine kleine Freude ist mir dennoch worden. Der Sohn der bekannten Sängerin Schick ist bei der hiesigen Militärbesatzung Musikdirektor eines Bläserchors, das beinahe aus 40 Instrumenten besteht. Dieser junge Mann, der frühe Vater und Mutter verloren hat und den ich als Kind kannte, hat diesen Chor so geschickt zusammengewirkt, daß es eine Lust ist, Sinfonieen und Opernstücke von Mozart, Mehul, Haydn, Cherubini, Beethoven und ändern vorzüglichen Komponisten auf diese Art von lauter Blasinstrumenten ausführen zu hören.

Die Stadt ist einsam und wird nun dadurch belebt. Man klagt über gehemmten Handel; mehrere hundert Kauffahrteischiffe liegen abgetakelt auf der Rhede, doch ist man wohlhabend. Das Geschlecht ist kräftig, und wohl-, ja edelgebildete Frauengestalten aller Stände finden sich durch ganz Pommern. Auf dem Wege hieher kehrte ich in einem Hause ein, wo eine 40jährige Matrone mit 12 Kindern zu Tische saß. Der Hausvater war eben aufgestanden, seine Pfeife zu stopfen; nie habe ich schönere Arme, Schenkel und Schultern gesehn als an diesem Weibe, die dabei ein so redliches Pommerisch sprach, daß mir die Ohren noch klingen. Das Land ist fruchtreich, und ich vergesse einmal wieder, daß ich, ein Berliner, andere loben muß. Den größten Spaß macht mir dabei eine Reisebeschreibung durch Pommern vom Oberkonsistorialrat Zöllner, der kaum etwas Gutes gefunden haben will und auf die nämlichen Wirtshäuser schilt, die ich gut finde. Schon das dritte hübsche Mädchen bringt mir morgens den schönsten Kaffee, den man nur zu Hause so gut haben kann, und das Essen wie der Wein und Bier sind durchaus nicht zu verachten. Das Merkwürdigste an dieser ganzen Reisebeschreibung ist die Anmerkung, daß Stralsund gegen die Ostsee hin abschüssig angelegt ist: »ah que les gens d’esprit sont betes!«

Mittwoch, 23. August. Es hat die ganze Nacht geregnet, und der ganze Himmel ist wie ein Sack; so muß es einmal aufhören! Die Seeleute bemerkten diese Witterung schon vorgestern an den Seemewen, die sich dem Ufer näherten und schrieen. Es ist interessant, diese Tierchen zu beobachten. Sie fliegen in einer Art Tempo, bald hoch bald niedrig, über dem Wasser. Die größten messen von einer Spitze des Flügels bis zu ändern gegen 2 Fuß. So fährt der Körper ins Wasser, indem die Flügel ihn oben festhalten, und holt sich ein Fischchen. Ein ziemlicher Barsch war kräftig genug, sich in der Luft loszuarbeiten und dem Räuber zu entfallen, doch dieser fuhr hinterher und schnappte ihn noch in der Luft wieder auf. Hätte ich einen Zeichendeuter zur Hand gehabt, so hätte ich mir die Auslegung erbeten.

Ich wohne auf dem alten Markte und habe die größte Kirche der Stadt und das Rathaus vor Augen. Die Kirche, welche von Backsteinen erbaut ist, wird schöner, je mehr ich ihre Verhältnisse betrachte. Leider ist sie von krüppelhaften Häuserchen verbaut.

Das Rathaus hat die Gestalt einer dorischen Arkade mit 6 Bogen. Unten sind die Fleischbänke, oben der Rat. Um das hohe Dach zu verstecken, ist eine 30 Fuß hohe Stirnwand nach deutscher Baukunst mit 7 Türmchen, 6 spitzen Giebelchen dazwischen, 30 großen und kleinen Ochsenaugen und 36 Fensterlein so schnurrig verziert, daß das Ding trotz der widersprechenden Form doch ein leichtes Ansehn hat.

Man sieht nichts Zerfallnes, und auch die Bürgerhäuser sind in- und auswendig reinlich wie die Straßen und Plätze; man könnte die Pflastersteine zählen. Der Hafen und das Binnenwasser geben einen großen heitern Blick, die offenbare See ist noch nicht zu sehn. Gegen Mittag klärt sich’s vielleicht auf, und dann setze ich gleich nach Tische über nach Rügen.

Und das war wieder nichts! Wind und Wetter waren so ausgelassen und widerwärtig, daß an keine Überfahrt zu denken war. Wenn ich ersaufen will, kann ich’s näher haben. Es ist Abend, und Du magst lachen über meinen Tag. In meinem Gasthofe habe ich schon gute pommer’sche Bekanntschaften gemacht, und da sie mir gefielen, habe ich ihnen wiedergefallen wollen. So bin ich diesen Nachmittag
in eine Bierkneipe geraten. Der Wirt, ein zärtlicher, gefühlvoller, kränkelnder Pommer von 50 Jahren, von Fülle der Gesundheit strotzend, im Betragen gesetzt, in der Aufwartung fix, klagte über Migräne, Husten und Schnupfen, welche mit den gewöhnlichen Landesmitteln: Schnaps, Bier und Schinken kuriert werden. Kaffee, Bier, Punsch, Grog vollkommen gut. Die Gesellschaft war eine geschlossene von 24 Personen, durch 5 bis 6 Oktaven oder Dezimen. Der Jüngste konnte 20 Jahre alt sein, und der Älteste gab sich 80 minus drei Monate an. Dieser, ein alter Musikus, Musikdirektor, Stadtpfeifer, Turmbläser und was mehr, war der Munterste, und wie er merkte, daß ich seine saillanten Pommereien für neu nahm, geriet er so in Zug, daß ich das Ende seiner Sonate nicht abgewartet habe. — Nun komme ich eben aus der Kirche, von der ich heut früh sprach und die innerlich ganz so trefflich ist, wie sie von außen sich ankündigt. Drei Schiffe im besten Stile. Man sieht sich nicht satt. Ein kolossaler Baldachin über dem Taufstein ist [wegen] des eisernen Gitters darum her höchst merkwürdig, denn ich habe nie was Schöneres von Zeichnung und Schlosserarbeit zugleich gesehn; nur die Rafael’schen Arabesken kann ich damit vergleichen. Morgen vor meiner Abreise werde ich’s noch einmal ansehn, nur der Abend hat mich heut davon getrennt.

Freitag, den 25. Putbus. Das Wetter gestern zur Überfahrt hieher war das schönste. Ich fuhr sogleich an die See und nahm ein Seebad noch vor Tische. Der Weg von der alten Fähre bis hieher, 3 Meilen, ist reich an schönen Aussichten aufs Meer. Die Landwirtschaft ist im guten Stande, und den Fürsten fand ich persönlich mit derselben beschäftigt.

Außer dem fürstlichen Schlosse ist hier das meiste neu gebaut. Ein allgemeiner Plan (wie zu Marienbrunn in Böhmen) scheint zu fehlen. Man baut hier kostbar, ohne Bequemlichkeit. Das Badehaus ist eine kleine Stunde von der Stadt, und man muß dahin fahren. Die neuen Häuser sind ungeschickt inwendig: Ofen, Türen und Fenstern sind ebenso hinderlich als notwendig. Häuserchen, die kaum aus der Erde reichen, 10 Fuß hoch bis ans Hauptgesims, sind mit freien Säulen verziert, die einen Balkon tragen, auf den man zum Dache heraussteigt. Auch die öffentlichen Gebäude, zum Exempel des Schauspielhaus, sind ungeschickt. Die meisten Dächer sind noch einmal so hoch wie die Häuser; sie werden mit den Dachpfannen gedeckt, welche die Schiffe als Ballast anhero bringen; sie sind schlecht gemacht, schlecht gebrannt und schwer.

Abends. Um alles zu versuchen, habe heut ein warmes Bad genommen, werde aber morgen wieder in See stechen, weil das Seewasser gewärmt einen Übeln Geruch annimmt. Die Stadt Bergen, welche eine starke Stunde von hier liegt, hat ein Kloster und liegt etwa 500 Fuß über der See. Von dem Rugardberge daneben, der noch 100 Fuß höher sein kann, habe ich heut das unendliche Meer gesehn. Eine verfluchte Rührcomedie von der Frau v. Weissenthurm, die jedoch zum Erstaunen gut gespielt wurde, hat den Tag beschlossen. Dieser Gesellschaft fehlt nur ein ordentlicher Anführer. Sie sprechen gut, aber zu stark, und die Frauen zärteln zu viel. Das Theater führt neben ändern Unbequemlichkeiten eine Art von Widerhall mit sich, man nennt es Bullern, und es ist sehr unangenehm, es verschlimmert die Stimmen der Redenden.

Den 30. August. Vorgestern habe ich im Gedanken an Dich die aufgehende Sonne von Stubbenkammer aus begrüßt. Diese Landspitze gegen Morgen ist, so wie Arkona, ein Kreidefelsen, der, vom Meere gegen 400 Fuß hoch, dicht am Strande liegt. Die Meereswellen haben von unten, und von oben Regenströme, die wunderlichsten Gestalten in der Kreidemasse ausgebildet. Man müßte sich eine Zeitlang hier herumtreiben können, um sich mit den Rätseln, welche der Zufall hier aufgibt, beschäftigen zu können. Arkona sieht sich von hieraus sehr schön an, und segelnde Schiffe geben von Zeit zu Zeit Erinnerung an das Verhältnis menschlicher Kunst und Kraft zu dem unendlichen Meere, und endlich läßt ein so vollkommen heiterer Abendhimmel, mit Sternen besäet wie gestern, wieder vergessen, was unten ist. Wie sich ohne Anstrengung der Geist beim Anblicke solcher Gegenstände ausstreckt, ist nicht zu sagen; ich weiß nur, daß ich es so rein und bequem noch nicht empfunden habe. Dabei fällt mir »Mahomets Gesang« ein, und ich wünschte zu wissen: wann und wo er entstanden.

Die Insel, wie sie wieder aus Inselchen und Halbinselchen besteht, enthält gegen die Küsten zu viel fruchtbares Land: Weizen und Klee wachsen fast von selber. Das Klima ist erträglich, Nachtfröste werden von der See abgehalten, und was unser Einsiedler in 10 Jahren hier an den Tag bringen würde, dürfte sich ergeben.

Bei einem Landgeistlichen namens Franke, in Bobbin wohnhaft, sprachen wir ein. Das Haus war in großen Freuden, und eine rote Fahne war ausgesteckt. Der Sohn, ein junger Ostindienfahrer, war gestern nach dreijähriger Abwesenheit angekommen. Das Schiff war gestrandet, der Kapitän und viele Mannschaft waren umgekommen und die ganze Ladung verloren. Der junge Frank[e] mit wenigen ändern hatten sich gerettet. Vater, Mutter und Schwestern erzählten uns eben angekommenen Wildfremden heulend, jauchzend, schreiend das große Glück, und mitten in diesem Wirrwarr ging der Vater mit seiner Krücke (denn er ist lahm) mit uns an seine Schränke, um uns mit großer Gelassenheit seine gesammelte rügische Altertümer zu zeigen. Ein Tisch war stattlichst aufgeputzt mit einer Bescherung von raren ausländischen Muscheln, welche der Sohn mitgebracht hatte, und der alte Papa hüpfte darum her mit seiner Krücke wie ein neckisches Kind. Hier fand ich nun den
Inhalt rügischer Hünengräber, welche sich in kleinen Bruchstücken in der Welt umhertreiben, weil sie bei ungeschickter Ausgrabung meistens zerstört werden. Eine Urne war ganz unversehrt herausgenommen, sie war 15 Zoll hoch und im Bauche —.......—8 Zoll im Durchmesser, schwarz, von gebrannten Tone, in schönster Proportion, mit verbrannten Knochen halb angefüllt. Daß sie auf einen Mann deutete, bewiesen die daneben gelegen gewesenen Streitäxte von Feuerstein, aufs glattste und schärfste ausgebildet. Eine kleinere Kinderurne war etwa 1/4 so groß, mit Knochen gefüllt und ganz leichte kleinere Waffen daneben. Die Hünengräber, welche man in Menge sieht, bestehn aus Hügeln, wie sie wohl die Strömung der Flut mag gebildet haben, von verschiedenen Dimensionen von 15' zu 50' Diameter und anständiger Höhe. In diese Hügel sind die Gräber eingegraben, inwendig mit Graniten ausgesetzt und oben mit einem Deckstein versehn, darüber dann Erde, in welche ein Baum gepflanzt, und ringsumher von kleinern und großem Kolossen von Granitblöcken bewacht.

31. August. »Alles hat seine Zeit«: ein Wort, das seit kurzem zum Deinigen worden ist, indem Du es der Welt nach etlichen Tausend Jahren wieder zugerufen. Seit ich auf dieser Insel bin, beschäftigt sich mein Auge mit dem, was über mir vorgeht. Es folgt den Wolken, beobachtet die Bewohner der Luft; der Geruch des Meeres hat eine Bedeutung, kurz — was ich niemals gelernt, sollte ich jetzt wissen, weil ich’s brauche, denn ich habe eine Seereise vor. Um meinen Sohn zu sehn, welches der einzige vorgebliche Zweck dieser Reise ist, habe ich von hier nach Stolpe so weit als bis nach Berlin. Diesen Weg kann ich in einem einzigen Tage zur See machen und also Zeit und Geld sparen; eigentlich aber will ich nur wissen: wie man seekrank ist, und so will ich zur See fahren.

Berlin, den 14. September. Einen Traum muß ich Dir wohl erzählen: Ich saß auf einem Schiffchen und sah die große Sonne über dem Meere aufgehn. Ein Sturm entstand. »Gräßlich schlug die Flut, Doch lohnte Gott bescheidnen Glaubensmut.« Ich sang von Deinen Gedichten, und als ich erwachte, war ich in Swinemünde.

Das Wahre von der Sache ist folgendes. Mir ist hohe Ehre widerfahren: mit eigenen Augen habe ich einen kompletten Seesturm gesehn und bestanden. Unser 5 verabredeten eine Seefahrt von Rügen aufs Meer, wozu ein Fahrzeug gemietet werden sollte. Viere ließen absagen, und so stand die Sache. Nun ging ich zu einem Bootsmann und behandelte mir ein Boot auf 10 Meilen, von Rügen bis Swinemünde. Sonnabends, den 2. September, früh um 3 Uhr ward ich geweckt. Ein Polizeigendarm und ein Student aus Berlin, die sich zu mir gesellten, die beiden Bootsleute und ich bestiegen das Schifflein, und um 5 % Uhr ward das Ankerchen gehoben.

Wir hatten Nordostwind uns gerade entgegen, doch die Sonne zeigte sich in höchster Pracht, und der Steuermann wollte wissen, der Wind werde herum ins Land gehn. Unsre kleinen Segel pfiffen und knarrten, und der Kiel farzte und brummte gegen die kurzen Wellen, daß es eine Lust war. Bei dem Küstendorfe Neukamp waren wir eingestiegen und kreuzten durch den Rügen’schen Bodden, um den Vilm herum, dem Hager Wiek vorbei, durch das Neue Tief über drei Stunden, ohne recht vom Flecke zu kommen. Endlich stachen wir in See, wo wir bessere Fahrt bekamen, doch der Wind blieb, wie er war. Gegen 9 Uhr vervielfältigten sich die Windwolken, gingen aneinander, um 10 Uhr war nichts mehr von der Sonne zu sehn, der Horizont und das graugrüne Meer waren Eine Masse. Die Wellen gingen höher und höher auf uns her, von beiden Seiten über Bord, und einer hatte beständig Wasser auszuschütten.

So kreuzten wir auf Insel Rüden (Rüden) los, dann wieder links auf die Greifswald’sche Oie, und endlich abends gegen sechs Uhr erblickten wir die Rhede von Swinemünde, die an den Masten der vor Anker liegenden Schiffe erkannt wurde; denn vor hohen Wellen, und weil’s ziemlich dunkel geworden, war der Hafen nicht zu erkennen. Als ich diese Schiffe, worunter 4 Dreimaster waren, hier auf den Wellen tanzen sah, daß die Enden das Meer küßten und die Wellen an den Masten hinaufschlugen, ward mir die Gefahr meines Schiffleins deutlich, auch waren wir noch über 2 Meilen in See. Nun wurde rechts gesteuert, der Wind gewonnen, und nun hättest Du sehn sollen, wie der Wind, unsre kleinen Segel auf den Armen, uns wie durch die Luft davontrug, so daß wir in weniger als 30 Minuten zwischen den Rhedeschiffen schwammen. Alles, was darinne war, kam an Bord und schrie uns ein freudiges Hurra entgegen, das sich mit dem Heulen des Windes und Walzen der Wogen recht harmonisch machte.

Da ich seekrank zu werden fürchtete, hatte ich mir Strohsäcke ins Boot bringen lassen. Diese nun hatte mein Herr Polizeigendarm eingenommen und seinen ganzen Katechismus drauf gespieen. Wie dieser Herr von Hafen reden hörte, wurde er lebendig und wollte den Weg im Hafen besser wissen, als ihn uns die guten Schiffer zugerufen hatten. Es lag eine weiße und eine schwarze Tonne auf dem Hafen, zwischen welchen wir einfahren sollten; wegen Dunkelheit sahen wir die eine Tonne nicht, und so geriet das Boot zu weit links auf die sogenannte »Platte«, wo uns eine 50 Fuß breite Welle so empfing, daß unser Boot noch hier konnte umgeworfen werden, wenn ich mich nicht mit Gewalt über das hohe Bord gelegt und es so erhalten hätte. Wasser hatten wir im Boote und in unsern Kleidern keinen Mangel. So gelangten wir denn gesund und frohen Mutes ans Bollwerk, wo ausgestiegen wurde, und so hat Amor seinen und Deinen Freund und Priester seinem Dienste erhalten. Poseidon habe ich im Zorne gesehn; der alte Herr nahm sich recht borstig aus, doch Aeolus hob unsre kleinen Segel, und das Schifflein bestieg wie ein stolzes Roß die höchsten Wellen auf und ab. Als wir ausgestiegen waren, fanden wir den Lotsenkommandeur, die Wachtlotsen und den Schiffahrtsdirektor, die unsere Fahrt für vollkommen gewagt erklärten und unsere beiden Bootmänner naseweis nannten. Das Boot ist 20' 8" im Kiele lang und 9 Fuß breit; seine Bauart wurde von den uns umgebenden Seeleuten vollkommen genannt. Einer der Lotsen sagte: »Nu, eenmaal geit et!«

Da ich nun meinem treuen Boote und seinen jungen verständigen Führern ihr Recht getan (der Steuermann, dem das Boot gehört, heißt Krüger und ist ein 25jähriger, gesetzter und wohlwollender Mensch), so darf ich auch wohl von mir sagen, daß ich ad 1) keinen Augenblick seekrank gewesen und mich auf der ganzen i3stündigen Fahrt wohlgemut und munter dem Anschaun der unendlichen Bewegung überlassen habe, wodurch sich das Meer von großen fließenden Wassern unterscheidet. Der Strom, der ins Meer tritt, erscheint hier wie ein Kind, das aus der Schule kommt; so verging mir alle Wichtigkeit meiner selbst, wie mein ganzes Sein nichts als Aug’ und Ohr war. Wenn ich nun jetzt bedenke, wie ein halbzölliges Brettchen zwischen mir und der offenbaren See die Scheidewand machte, wie ich Dich durch meinen frühem Tod und mein Haus in Trauer gesetzt hätte, so schaudre ich, ohne daß ich mich einer ähnlichen Empfindung an Ort und Stelle zu erinnern wüßte. Es fielen mir unzählige Stellen der Dichter ein, die ich rezitierte, ohne sie gelernt zu haben, und was mich am meisten unterhielt, war, wie ich selbst in manchen meiner Kompositionen Sturm und Wetter nicht als solche, sondern als Sensationen zu verstehn gegeben habe. —

»Nun, ihr Musen, genug!«
Sonntags, den 3., früh ging ich mit meinem jungen Begleiter zuerst in die Kirche zu Swinemünde. Die Kirche ist als die einzige im Orte groß genug, eine Gemeine von 5000 Seelen zu fassen. Inmitten derselben hing statt aller Zierraten ein dreimastiges Kauffahrteischiff von der Decke herab. Es war vor der Predigt und erst wenige Frauen anwesend. In diesem ruhigen leeren Raum erkannte ich abermals den Eindruck einer Kirche in stiller Tiefe und ging vor der Predigt wieder hinaus, um mir diesen Eindruck nicht zu vermischen.

Vor Essens besah ich mir den neuen Hafenbau, der mir das größte Vergnügen gemacht hat, indem ich zugleich einen ziemlichen Teil der gestrigen Kreuzfahrt in Gedanken wiederholte. Man erzählte mir zugleich, der Sturm habe bis Mitternacht so zugenommen, daß, wenn wir noch eine Stunde in See gewesen wären, uns die Wellen gewiß verschlungen hätten.

So bin ich endlich über Stettin und Schwedt vorgestern hier angekommen und habe mein Haus gesund wiedergesehn.

Unterwegs fand ich bei einem Prediger in Fiddichow in einem pommer’schen Journale das Leben des Seemanns Nettelbeck, das ich mit dem größten Interesse auf Kennerart gelesen habe, und mußte herzlich lachen über meine kleinen Fata, indem ich sie gegen die ungeheuren Begebenheiten dieses Seemanns hielt.

Den 15. Gestern wurde ein neues Trauerspiel: »Die Fürsten Chawansky« gegeben, von Dr. Ernst Raupach. Madame Schröder die Sophie recht gut und brav und — wie sonst. Die Frau ist eine Summe von Talenten, die sich immerfort untereinander zanken; keins will sich zum ändern gesellen. Unsere Zeitungen wissen sie nicht auszuloben, doch habe ich gestern den allgemeinen Eindruck aufs Korn genommen und deutlich genug bemerkt den Unterschied zwischen Wollen und Müssen.

Das Stück ist historisch interessant, doch aus lauter halben Charaktern zusammengeflickt. Recht gute Verse. Das Ganze kam mir vor, als wenn aus lauter Schi Iler’schen Stücken die besten Einzelheiten nacheinander hergesagt würden; man stak abwechselnd in einer Thekla, in einer Jungfrau von Orleans, Braut von Messina, und keins wollte ganz in dieser Sophie Raum nehmen, die, bald vornehm, grausam, gemein und was noch, eine Zarewna von Rußland sein will.

Den 16. Heut vor 4 Wochen bin ich von hier abgereist, und in all der Zeit habe ich von Dir keine Zeile gesehn. Wie mir Langermann sagt, hast Du Besuch von hieraus gehabt; nun, dächt’ ich, ließest Du auch einmal wieder von Dir hören. So lebe denn wohl und gedenke Deines

Treuen

Und was macht denn das junge Völkchen? soll man denn von ihm gar nichts hören?

alle Briefe                                                                                                                                     weiter

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Nachrichten an:

geologe.ef@gmx.de