10.08.2016

Briefwechsel J.W.v.Goethe und C.F.Zelter: An Goethe Evangelium am Pfingstmontage, 1820 (345)



345. An Goethe

Evangelium am Pfingstmontage, 1820

Da traten sie abermal zusammen und fragten: »Herr, was wilt du, daß wir dir tun sollen?» — Er aber sprach: »Singet euer Lied von gestern, auf daß ihr wisset und behaltet, was ihr tut, wenn der Tag kommt!« — Und sie täten also, und darauf aßen sie und tranken, und als sie gessen und getrunken hatten, gingen sie von dannen, denn es war Mitternacht.

Die Szene, wo Faust mit dem Pudel in sein Zimmer tritt, ist in der Tat zu loben, wie sie hier durch Musik gehoben ist. So ist gleichfalls die Stelle, wo Gretchen vor dem Spiegel sich den Schmuck anlegt, allerliebst idealisch, wie sich Eitelkeit zufällig der Unschuld naht und gastlich und huldreich empfangen wird. Der schöne Hals ist nicht mehr bloß schön, er ist genießlich worden.

Gestern als den 24. dieses, am Geburtstage der Fürstin Radziwill, ist endlich unser »Faust« glatt und rund vom Stapel gelaufen. Der König war so zufrieden mit uns, daß ich sein Lob aus seinem Munde honigsüß vernommen habe und hinterher wohl sagen mag, daß ich selber zufrieden war.

Was ich nächstdem nun noch für Dich zu bemerken finde, besteht in der Anerkennung des Ganzen. Die Sensation unserer ersten Versuche seit zehn Jahren hatte bis heut einen Bitterschmack, der in Einzelheiten und Worten seinen Grund hatte. Einige konnten darüber nicht wegkommen, bissen die Lippen und konnten nicht begreifen, wie man öffentlich nennen könne, was sie sich genug schuldig wissen. Daher mußten Worte mit ändern vertauscht und vertuscht werden. Nun fangen sie schon an, die rechten Worte zu vermissen, und eine Dame ließ sich gestern vernehmen: da man so viel sage, so sei nicht zu begreifen, wie man nicht alles sage, was geschrieben steht.

Es ist dies der nämliche Fall wie mit den beiden kolossalen Apollen, welche hier am Eingänge unseres Tiergartens aufgestellt sind. Diese beiden Statuen von Sandstein erinnere ich mich von Jugend an in puris naturalibus gesehn und niemals eine Anmerkung darüber vernommen zu haben. Gott weiß, welcher züchtige Staats-, Kunst- und Kultmann vor kurzen auf den Einfall gekommen ist, den beiden Apollen ein Blatt nebst Stengel vor die Scham anbringen zu lassen. Dies Blatt ist mit eisernem Dübel befestigt, der den Rost herbeigezogen und die ganze Stelle so verunziert hat, daß es ein wahres Spektakel ist, weil das Auge mit Gewalt auf die Stelle gezogen wird, indem die ganze Statue weiß ist. Am unzufriedensten sind die Weiber, welche sich eben verraten, indem sie sich nichts wollen merken lassen.

So mit dem »Faust«: nun wollen sie alles wissen und alles haben, indem sie ihn alle lesen und wieder lesen. Die Herzogin von Cumberland war wieder voll Deines Lobes und bedauerte, daß sie nicht allen Proben hatte beiwohnen können, weil das Stück eigentlich eine Sache sei, die man sich nicht zu oft vorführen könne, um in ihre Tiefe zu schauen. Dein Vivat bei Tische war aus Einem Munde, es bestand in einem hundertstimmigen dreimaligen Akkorde.

Wenn Radziwills Komposition auch gar kein eigenes Verdienst hätte, so würde man ihm das zugestehn müssen: dies bisher im dicksten Schatten verborgen gewesene Gedicht ans Licht zu bringen, was jeder, indem er es gelesen und durchempfunden, glaubte seinem Nachbar vorenthalten zu müssen; ich wüßte wenigstens keinen ändern, der Herz und Unschuld genug gehabt hätte, solchen Leuten solche Gerichte vorzusetzen, wodurch sie nun erst Deutsch lernen.

(Wie ich höre, hat er eben seinen Prozeß gewonnen, der ihm die Einkünfte von 80 000 Dukaten jährlich sichert, die ihm jeder gönnt, besonders seine Gläubiger.)

Denkst Du Dir nun den Kreis dazu, in dem dies alles vorgeht: einen gebornen Prinzen als tüchtigen Mephisto, unsern ersten Schauspieler als Faust, unsere erste Schauspielerin als Gretchen, einen Fürsten als Komponisten, einen würklich guten König als ersten Zuhörer mit seinen jüngsten Kindern und ganzem Hofe, eine Kapelle der ersten Art, wie man sie findet, und endlich einen Singchor von unsern besten Stimmen, der aus ehrbaren Frauen, mehrenteils schönen Mädchen und Männern vom Range, worunter 1 Consistorialrat, 1 Prediger, 1 Consistorialratstochter, Staats- und Justizräten besteht, und dies alles angeführt vom Königlichen Generalintendanten aller Schauspiele der Residenz, der den Maschinenmeister, den Dirigenten, den Souffleur macht, in der Residenz, in einem Königlichen Schlosse, so sollst Du mir den Wunsch nicht schlimm heißen, Dich unter uns gewünscht zu haben.

Alles fragte nach Dir und freute sich Deines Wohlseins, worüber ich aus Deinem letzten Briefe erwünschte Nachricht geben konnte. Der König wunderte sich, als ich sagte, daß Du schon seit Mitte vorigen Monats in Karlsbad seist.

Nun soll das neue Schauspielhaus, wenn es fertig ist, von Dir besprochen werden, daß Apoll es vor Schaden bewahren [möge] und Musen und Grazien nicht ungeduldig darin werden, wenn wir uns mit unserer Bildung mehr Zeit nehmen, als vielleicht billig ist.

Bin ich nun von je anmaßend genug gewesen zu glauben: ich verstünde nur allein, Dich von Grund aus zu lieben, so kitzelt mich’s über Maßen, wenn die Leute nach und nach etwas von mir wider Willen lernen, da sie recht gut wissen, daß ich weiter nichts verstehe.

»Nur vor einem ist mir bang:
Die Zeit ist kurz, die Kunst ist lang.«

Und sie sollen Arbeit finden, es nachzutun                 Deinem

Z.

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