2016-08-18

Briefwechsel J.W.v.Goethe und C.F.Zelter: An Goethe 14.01.1821 (361)



1821

361. An Goethe 14.01.1821

Berlin, 14. Januar 1821. Abends. 

Nach dem vielen schlechten Zeuge, woran Augen, Geschmack und Herz verderben, habe mich soeben an Shakespeares »Romeo und Julie« wieder gesund gesehn: ein unverwüstliches Stück Arbeit und in seiner borstigen Gestalt so rund wie ein Planet. Madame Stich und Herr Wolff mit allgemeinem Beifalle und vieler Anstrengung.

Das Stück dürfte sich allein spielen, wenn man’s gehn ließe; vielleicht wäre der Beifall geringer und die Wirkung noch größer. Eine ganze Welt von altem Hasse und Morgenliebe, und alle moralische Deutung derselben — Firlefanz. Die Sonne weiß viel, was sie bescheint. Gleich drauf habe ich Vossens Übersetzung nachgelesen und sage noch einmal: das Stück ist unverwüstlich. Wer es gesehn, geschaut, gelesen, englisch, deutsch, der lese es auch Vossisch: es ist unverwüstlich!

23. Januar.

Der Obermedizinalrat Jacobi aus Düsseldorf erbat sich einen Brief an Dich, und so wird es wohl einmal wieder Zeit sein, aneinander zu rücken. Daß Du gesund bist, hoffe ich, daß Du fleißig bist, erfahre ich, und doch kann ich nicht zufrieden sein, bis ich Deine Hand sehe. Ich habe an den Augen gelitten, und das trübe Wetter hat mir auch wehe getan. Schultz ist bedenklich krank, und die Not macht er sich dazu, das wäre das Neuste von hier. Sonnabend geht das Karneval an, vielleicht kann ich darüber künftig melden, wenn mein einsiedlerisches Leben es zuläßt; man kann bei solcher Witterung nicht zum Hause hinaus.

Dein neustes Stück »Morphologie« habe ich noch mit keinem Auge gesehn und sauge daher noch am letzten Stücke von »Kunst und Altertum«. Laß doch vernehmen, was die Ostermesse von Dir bringen wird, und vergiß nicht

Deines

Z.

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