2016-08-12

Briefwechsel J.W.v.Goethe und C.F.Zelter: An Zelter 06.06.1820 (348)



347. An Zelter 06.06.1820

Jena, den 6. Junius 1820. 

Also will ich vor allen Dingen melden, daß Deine Briefe sämtlich, früher oder später, zu mir gelangt sind:

vom 19. April, 
vom 13. Mai,
Pfingsttag,
»Evangelium am Pfingstmontag«,
vom 2. Juni, mit dem lieben »Nepomukehen«,

woran ich mich denn durchaus höchlich erbaut habe und mich zu dem allerschönsten Dank hiedurch bekenne. Einzelne Betrachtungen, wozu mich Deine Worte verleiteten, wurden sogleich aufgeschrieben, und ich werde sie Dir nach und nach aus meinen Papieren ausziehen. Gegen alles so vielfache Gute hab’ ich freilich nur zu erwidern: daß ich, in meiner Einzelnheit mannigfaltige Existenzen berührend, in fremde Zustände eindringend, gar viel Gutes und Nützliches erfahren habe. Auch hat sich in vielen einsamen Stunden eine solche Schreib- und Diktierseligkeit bei mir entwickelt, daß mehr Papier in diesen sechs Wochen ist verschrieben worden als sonst jemals, welches viel heißen will, wobei manches Erfreuliche aus den letheischen Untiefen herausgefischt wurde, wovon Dir Dein gebührendes Teil nicht vorenthalten werden soll.

Vier Gedichte zum »Diwan«, und zwar zum »Buche des Paradieses«, haben mich selbst überrascht, deshalb ich nicht zu sagen wüßte, wie sie geraten sind.

Nun will ich also in umgekehrter Ordnung auf Deine Briefe einiges erwidern. Eigentlich bin ich so früh ins Bad gegangen, um die Monate Juni und Juli, auch den halben August in diesen Gegenden zuzubringen. Dein Besuch sollte mir höchst erfreulich sein, nur bitte um Meldung und Verabredung, weil ich die ganze Zeit über von mancherlei Äußerlichkeiten abhänge. Deine Gegenwart wird mir die erfreulichste Ermunterung werden. Soll ich aber nun nach Berlin denken, so macht mir’s eine traurige Empfindung, daß ich des Guten, was mir dort zuteil werden sollte, mich nicht erfreuen darf.

Ich habe auf der letzten Reise zwar mancherlei gewagt und unternommen, und es ist mir alles geglückt, aber, genau besehen, bloß deswegen, weil nicht allein jeder Tag und Stunde, sondern auch jeder Augenblick von mir abhing; ich konnte bis ans Ende meiner Kräfte gehen und zuletzt ohne Rücksicht rechts, links wenden oder auch umkehren. Wie ist dies in einem so großen komplizierten Zustande denkbar? Wenn Du kommst, wollen wir das Weitere behandeln.

Was soll ich aber nun zu eurer Faustischen Darstellung sagen? Die treue Relation, die ich Dir verdanke, versetzt mich ganz klar in die wunderlichste Region. Die Poesie ist doch wirklich eine Klapperschlange, in deren Rachen man sich mit widerwilligem Willen stürzt. Wenn ihr freilich wie bisher zusammenhaltet, so muß es das seltsamste Werk sein, werden und bleiben, was die Welt gesehen hat.

Für den singbar zurückkehrenden Heiligen danke zum allerschönsten; der »Heilige Geist« wird sich zu seiner Zeit schon selbst auszubilden wissen, und so will ich nach und nach das Weitere vermelden, und für unser Zusammentreffen soll doch noch manches übrigbleiben, was von Angesicht zu Angesicht am besten sich ausnimmt.

Zu Ausfüllung des Platzes erzähle folgendes: Vor etwa einem Jahr erzähl’ ich meiner Schwiegertochter, da wir gerade allein sitzen, ein Geschichtchen, dergleichen Du manche kennst und wie ich noch verschiedene im Sinne habe. Sie verlangt es zu lesen, ich muß ihr aber sagen, daß es nur in meiner Einbildungskraft waltet. Die Zeit her hab’ ich kaum daran gedacht. Jetzt komm’ ich nach Schleiz, etwas früh, und habe lange Weile, ziehe gerade ein Buch Schreibpapier und einen leichtschreibenden Wiener Schwarzkreidestift aus meinem Portefeuille, fange an, die Geschichte zu schreiben. Jetzt, da ich sie abdiktiere, wo ich wenig zu verändern weiß, find’ ich sie ziemlich in der Hälfte; das Weitere wird sich wohl geben.

Jena, den 7. Juni 1820.                 G.

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