16.08.2016

Briefwechsel J.W.v.Goethe und C.F.Zelter: An Zelter 09.11.1820 (359)



359. An Zelter 09.11.1820

Die Rübchen sind angekommen, wofür den ganzen Winter der schönste Dank bei Gastmahlen erschallen wird. Hofrat Meyer ist angekommen, der das Lob von Berlin motiviert ertönen läßt. Da er die positivste Natur von der Welt ist, so nimmt sich eine solche Königstadt, durch seine Augen gesehen, gar herrlich aus.

Mit Rauchs Büste bin ich sehr zufrieden. Hätte er sie sekretiert und in Marmor ausgearbeitet zuerst aufgestellt, so wäre das Problematische, was gegenwärtig noch darinne liegt, gar nicht zur Sprache gekommen.

Dem Bilde nach Albertinelli gibt auch Meyer das beste Zeugnis; ein Künstler, der 1520 dieses Erdenrund verließ, kann schon was Kluges zurückgelassen haben. Übrigens sieht man bei dieser Gelegenheit, wie die werten Berliner Freunde sich keines bibelfesten Standpunktes rühmen; man hat Mariä Heimsuchung wohl oft genug den 2. Juli im Kalender rot gedruckt gesehen, aber geglaubt, es sei gemeint, sie habe eine aufwartende Heimsuchung von der guten Elisabeth erhalten, da es doch der umgekehrte Fall ist, da die fromme, guter Hoffnung lebende Marie übers Gebürge gegangen, um eine Freundin heimzusuchen. Wie alles dieses im Evangelium Sanct Lucä im ersten Kapitel umständlich zu lesen ist. Ganz gewiß wächst der Wert des Bildes, wenn man die angeführte Stelle penetriert und sich eigen gemacht hat.

Dein Brief ist den 28. Oktober geschlossen; den 27. ging eine kleine Sendung noch von Jena, der ich guten Empfang wünsche. November und Dezember bring’ ich also die Abende mit Meyern unter euch zu; willst Du hereintreten, so bist Du schönstens willkommen: die Kinder verlangen, ich soll Dich einladen.

Weimar, den 9. November 1820. G.

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