2016-08-20

Briefwechsel J.W.v.Goethe und C.F.Zelter: An Goethe 20.08.1821 (372)



372. An Goethe 20.08.1821

Berlin, 20. August 1821. 

Eine längst bekannte Entdeckung, die sogar ich selber schon zum zweiten Male mache, muß ich mitteilen.

Indem ich in meinem »Lessing« blättre, stoße ich im 23. Bande des »Theatralischen Nachlasses« auf den »Rasenden Herkules« des Seneca und finde darin das glücklichste Sujet für eine Oper, und was noch mehr ist, gegen das Ende hält es Lessing selbst dafür.

Es müßte in drei Akte zerlegt werden, und um nicht ein zu tragisches Ende zu nehmen, könnten vielleicht Mutter und Kinder am Schlüsse wieder belebt werden. Solche Arbeit könnte dem Freunde Theseus aufgetragen werden, der soeben seinem Befreier aus der Unterwelt einen frischen Dank schuldig geworden ist und jetzt Bescheid wissen kann, wie es dort unten aussieht. Möchtest Du mir doch hierüber ein belehrendes Wort gönnen.

Ich habe einen jungen Schüler, der jetzt in der Arbeit seiner 3. komischen Oper begriffen ist und dem ich auch wohl etwas Ernsthaftes aufgeben möchte. Der Knabe ist ein gesundes Talent; seine Arbeiten haben Fluß, und er ist fleißig aus Drang zur Sache. In Jahr und Tag dächte ich ihn nach Italien zu schicken und auf eigene Füße zu bringen.

Kunersdorf bei Wriezen, den 25. August. — »Nichts von gutem Boden, Nichts von Magdeburger Land!« Endlich auf dem Wege hieher habe ich unsern Sandpoeten von Angesicht gesehen. Beim Pferdewechsel in Werneuchen besuchten wir ihn in seinem reinlich-ärmlichen Gehöftchen. Härter möge kein Versemann bestraft werden, solche Gegend zu besingen, als dieser gute Landpastor; denn jetzt bearbeitet er schon seine dritte Frau, und zweimal ist ihm das Fleckchen (und zwar, wie gesagt worden, durch Bosheit) abgebrannt. Und noch ist er unermüdet, seine Natur, die für ihn so wie Er für sie expreß gemacht zu sein scheint, hochzupreisen. Dazu paßt denn seine rundliche stattliche Figur mit einer Art von Kohlhaupte, dem Augen und Mund eingeschnitten zu sein scheinen.

Hier in Kunersdorf ist es der Mühe wert, die Landwirtschaft zu beobachten. Was darüber im »Wilhelm Meister« vorkommt, findest Du hier vollkommen real, in Bewegung eines guten Uhrwerks. Die gräflich Itzenplitz’sche Familie bringt den größten Teil des Jahres hier zu. Bekannte Gäste sind stets willkommen und niemals zu viele, weil auf viele gerechnet ist. Man ist nicht fremd, man befindet sich in einer Aisance wie in eigenen Wänden, ja wer es will, wird auch als Gast nicht eher bemerkt als bei Tische, wo denn der Nachmittag besprochen wird, indem etwa die in der Nähe liegenden Vorwerke besucht werden, bei welcher Gelegenheit der Gast sich unterrichtend erfreut und die Herrschaft ihr Geschäft verrichtet, weil nichts verpachtet ist und alles aus dem Centro bewirtschaftet wird.

Pritzhagen, ein bedeutendes Erbvorwerk, gleicht vollkommen der besten böhmischen Gegend, man ist mit einem Male aus dem Sande in ein Gebirg versetzt, wo Höhen gegen Tiefen, Seen gegen Gelände von Natur ein grandioses Verhältnis haben. An Gewächshäuser, Orangerie und dergleichen ist nicht gedacht, dafür aber Korn, Weizen, Fischwerk, Laub- und Nadelholz in Fülle und Gesundheit. Auch das Vieh zeichnet sich aus durch schöne Gestalten. Die Kühe sind fast durchgängig schwarz auf weiß gefleckt; groß und strack, und mäßige, aber außerordentliche schöne Bullen; alles Federvieh im ganzen schneeweiß. Man erfreut sich, wenige Meilen von der Residenz einen schönen Schlag zufriedener Menschen zu finden. Sooft ich schon hier war, habe ich noch keine schwächliche, verwachsene, rothärige junge Leute bemerkt. Die sehr verständige Gräfin waltet auch über diesen Punkt. Ihre eigene Kinder sind nicht vom gesundesten Schlage, so scheint sie denn im stillen über die Ehen um sich her zu wachen und gibt gern zusammen, was zusammen gehört. Außerdem laufen ganz allerliebste Jungen und Mädchen herum, die dem Gutsherrn so ähnlich sehn, als wenn er sie sich so bestellt hätte. Die sämtliche Dienerschaft, schon vom vorigen Regimente her, ist eingeboren und von Jugend auf, und das Alter ist versorgt. Man hört nicht schreien, man sieht nicht rennen, alles ist beschäftigt nach seiner Art, und doch ist Dienstfertigkeit und guter Wille gegen Fremde einheimisch.

Den 29. Berlin. Gestern abend ist Dein Geburtstag in der Singakademie durch Miltons »Morgengesang« gefeiert worden. Weiß ich doch kaum, ob Du lebst; so muß ich mir Dein Andenken nach meiner Art lebendig erhalten.

5. September,; abends. Soeben ist Deine »Stella« mit dem tragischen Schlüsse über die Szene gegangen. Madame Stich hat sich zum ersten Male als eine von innen heraus Liebende bewiesen. Madame Wolff hat mit gewohnter Sicherheit die Cäcilie gespielt, wie sich’s gehört: nichts zuviel und eben genug, und vollkommen gut gesprochen.

Dem Stücke schien freilich in der vorigen Gestalt etwas abzugehn, wiewohl ich das Ganze immer als episodisch gefühlt habe, und dieser Charakter ist ihm, selbst nach der poetischen Gerechtigkeit gegen die Schuldigen, noch geblieben.

Das Kunststück, durch freiwillige Selbstopferung der Liebenden erkennbar zu machen, welche von beiden Frauen am meisten liebt und geliebt wird, tut seine Wirkung, läßt mir aber einen neuen Anstoß zurück: die Treue, von der Leidenschaft besiegt, geht, wie enterbt, leer aus und kommt sogar ums Pflichtteil, den Trost. Wäre es tunlich gewesen, den Tod der Liebenden zufällig herbeizuführen, ohne Selbtentleibung, die doch immer ein Produkt der Verzweifelung ist, so wäre die Natur gerächt, die Schuld versöhnt und für Mutter und Tochter, die leben sollen und wollen, die Welt wieder offen. — Gelt! das hättst Du Dir wohl nicht träumen lassen, wie ich klug bin?

Eine neue Oper: »Der Freischütz« von Maria v. Weber, geht reißend ab. Ein einfältiger Jägerbursch (der Held des Stücks) läßt sich von Schwarzkünstlern, die ebenso einfältig sind, verführen, vermittelst mitternächtlicher Zauberkoche-rei sogenannte Freikugeln zu gießen, um durch den besten Schuß seine eigene, schon mit ihm versprochene Braut zu gewinnen, die er endlich mit solcher Kugel - erschießt? Bewahre! Auch diese trifft er nicht. Das Mädchen fallt nur vom Knalle, steht gleich wieder auf und läßt sich Knall und Fall heiraten. Ob nun der Treffer das letztere besser kann, ist nicht angegeben.

Die Musik findet großen Beifall und ist in der Tat so gut, daß das Publikum den vielen Kohlen- und Pulverdampf nicht unerträglich findet.

Von eigentlicher Leidenschaft habe vor allem Gebläse wenig gemerkt. Die Kinder und Weiber sind toll und voll davon; Teufel schwarz, Tugend weiß, Theater belebt, Orchester in Bewegung, und daß der Komponist kein Spinozist ist, magst Du daraus abnehmen, daß er ein so kolossales Werk aus obengenanntem nihilo erschaffen hat.

17. September. Boucher hat vorigen Dienstag sein zweitesletztes Konzert gegeben und über 1000 rh. damit gewonnen. 

Madame Campi aus Wien ist angekommen und hat zweimal nacheinander ein leeres Haus gehabt. Gestern hat sich ferner eine Mademoiselle de Sessi, auch vor leeren Bänken, hören lassen. Beide Sängerinnen sind bedeutend und nur darin unterschieden, daß die letztere mit einer Cäsarsnase ganz jung und die erste mit einer polnischen Nase (sie ist eine Polin) ganz alt ist. Beide vergleichen sich zu ihrem Vorteile mit der Catalani, wovon sie jedoch nicht reicher werden, und man merkt: die Natur mag sich gebärden, wie sie will, so trägt sie den Sieg davon.

Den 20. Das reißt nicht ab: schon wieder eine neue Sängerin! Eine Mademoiselle Kainz hat sich gestern bei mir hören lassen. Eine Wienerin und zwar ein tüchtiges Mädchen. Von Figur und Ansehn leidlich, könnte etwas größer sein, doch schöne Augen, Zähne, Nase gorge und was sonst ziemlich; aber eine Stimme und eine Übung und eine Sicherheit, Kraft und Umfang, wie mir lange nicht vor den Schnabel gekommen ist. Rund, klar, weich und aus der Mitte. Egal, zu Herzen und willig.

Nun habe ich einmal die Rossini’schen Sprudeleien so gehört, wie ich’s mir wünschte. Sie erfindet sie von neuem, und sie laufen ihr ab und in die Welt hinaus ohne Druckwerk wie der Markebrunner Quell. Nein! es geht nichts über eine gesunde Menschenstimme, und was ich längst begreife und was mir keiner glauben will: die Italiener wissen allein, was eine Oper sein kann. Gluck hat viele Umstände mit der Oper gemacht, und was er gewollt hat, ist ihm zur Bewund-rung gelungen; aber Eine Stimme, die Gott macht, schmeißt ein ganzes Zeughaus von Kunstmitteln nieder, und wer die in Bewegung zu setzen versteht, den soll mir keiner schelten. Boucher wird nun ein drittes letztes Konzert geben, worin sich Mademoiselle Kainz hören lassen will. Er selbst nennt es in der Zeitung das zweite; ich glaube aber, er hat sich verzählt, wenn auch nicht verrechnet.

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