2016-08-18

Briefwechsel J.W.v.Goethe und C.F.Zelter: An Zelter 18.02.1821 (362)



362. An Zelter 18.02.1821

Dem guten vieljährigen Freunde Max Jacobi habe den besten Dank abzustatten, daß er ein flüchtiges Blatt von Dir herausgelockt, auf welchem Du mich mit einem Hymnus auf »Romeo und Julie« endlich wieder einmal begrüßest.

Seit dem Besuch meiner Kinder bei euch, dem tätigen Gegenbesuch der Künstler und Kunstfreunde, der dortigen Anwesenheit des umsichtigen Meyers, steh’ ich in einem stillen wunderlichen Verhältnis zu Berlin; ich begreife nämlich kaum, wie ihr, hastig lebend, soviel genießend, euch grenzenlos zerstreuend, doch noch nebenher auch wieder fürs Leben sorgen könnt. Deshalb man gern verzeiht, wenn euch eine Wirkung in die Ferne nicht immer anwandlen kann.

Solche Vorstellungen und Betrachtungen sind denn wohl dem Einsiedler zu verzeihen, der diesen ganzen Winter über weder Haus noch Stube verlassen, sich körperlich und geistig wohl befindet und keinen Tag, durch krankhafte Hindernisse genötigt, diesmal zu verpassen brauchte.

Zu Ostern denke ein frisches Heft »Kunst und Altertum« den Freunden darzubringen, sowie einen Band »Wilhelm Meisters Wanderjahre«.

Dieses ist denn doch das höchst Reizende eines sonst bedenklichen Autorlebens, daß man seinen Freunden schweigt und indessen eine große Konversation mit ihnen nach allen Weltgegenden hin bereitet.

Der Musiker ist in demselben Fall, er muß sich aber anders benehmen wie gewisse Freunde, die weder die Reuetöne zarter Magdalenen noch den Appell an das allgemeine Weltgenie ihren stillen Abwesenden zugute kommen lassen.

Dem allen ohngeachtet will ich das letzte Heft »Morphologie« nicht länger zurückhalten, sondern solches mit dem Wunsch übersenden, daß auch Dir darinnen etwas Erfreuliches bereitet sein möge.

Zum Schluß melde noch, daß Fräulein Ulrike sich beschwert, von Dir seit langer Zeit keinen Gruß vernommen zu haben. Kinder und Enkel befinden sich übrigens wohl und grüßen.

Treulichst

Weimar, den 18. Februar 1821. G.

alle Briefe                                                                                                                                     weiter

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Nachrichten an:

geologe.ef@gmx.de