2016-08-13

Briefwechsel J.W.v.Goethe und C.F.Zelter: An Goethe 21.10.1820 (356)



356. An Goethe 21.10.1820

Da Du mich so gelinde bestrafst über meine tolle Seereise, so muß ich aus Dankbarkeit gegen Deine Verzeihung wohl Deinen großen Fleiß loben, der mir noch dazu eher zugute kommt als meinen Mitlebern.

Unterdessen ist nun Dein lieber Brief vom 27. September mit der schönen Abschrift meiner Irrfahrt angelangt. Langermann hat das Zeug zuerst lesen müssen, denn ich selbst ziehe seit den letzten Tagen des vorigen Monats aus einem Bivouac in den ändern und kann heut, den 19. Oktober, noch nicht zur Ruhe gelangen.

Nun hat sich auch Hofrat Meyer gezeigt, der seit 3 Wochen unsere Museen und Sammlungen durchwandert und Dir wohl sagen wird, was und wie er es gefunden. Besonders trage ich ihm auf, Dir meine neue Wohnung zu beschreiben, worin ein geräumiges Plätzchen für Dich und die Deinigen abermalen bereit ist.

Meine Wohnung ist in der Georgenstraße No. 19, wo ich ein besonderes Haus, Hof und Garten ganz allein bewohne, mit hübschem Spaziergang an der Spree, wo die meiste Einfahrt von der Havel und Elbe her sich still und zugleich lebendig vorüberbewegt. Das große Vorderhaus gegen die Friedrichsstraße, 35 Fenster lang, ist von vielen meiner Bekannten bewohnt; der große Garten liegt dazwischen, wodurch in den Winterabenden Zusammenkünfte möglich werden. Ob hiervon großer Gebrauch wird können gemacht werden, wird sich zeigen, denn ich spinne mich auch nach und nach ein.

Dein neuestes Heft von »Kunst und Altertum« macht uns viel Freude; die »Zahmen Xenien« werden, der Jahreszeit gemäß, wie Lerchen genossen und lassen sich verbeißen.

Frau Förster ist nicht schlecht verliebt in Dich zurückgekommen und kann nicht genug erzählen, wie liebreich sie von Dir aufgenommen sei. Sie ist gut musikalisch und hat eine schöne helle und sichere Stimme.

Du wirst Dir nun damit alle meine Singvögel auf die Stange locken, wiewohl ich diesmal Dank weiß, da ich das Weibchen mit Lust unterrichte. Sie ist die jüngste Tochter des verstorbenen Schuldirektors Gedike, der in den 1780er Jahren mit Biester die »Berlinische Monatsschrift« herausgab.

Von unserer Kunstausstellung wüßte ich nur zu sagen, daß in jedem Kunstfache was Gutes zu finden wäre. Hofrat Meyer wird Dir schon sagen, was er gefunden.

Einige ganz junge Leute tun sich günstig auf, indem sie anfangen, wo der Anfang ist, und sich den Weg zum eigenen Innern aufsuchen; dahingegen freilich viele die Türe vom Dache her suchen, von woaus schon mancher das Ende des armen Elpenor gefunden hat.

Ganz besonders, und gewiß im Namen jedes Freundes, darf ich danken für den Kommentar zu Deinen orphischen Stanzen.

Was mich betrifft, so hatte ich ihnen, wie allem, was von Dir kommt, schon in mir eine weiche Tiefe bereitet. Nun ist ein gutes Wort mehr da, und sieht man jetzt, wo Du heraus-kommst, so sucht man zu erraten, wie Du in diese Tiefen den Eingang fandest.

Jemehr ich nun an Jahren zunehme, drängt sich, was allgemeines Verständnis betrifft, ein Gefühl der Billigkeit mir auf, bedenkend, daß das Talent sein geheimes Verhältnis zur Muse wie die Last einer Schwangerschaft schamhaft verbirgt, ja dem frechen Lichte zu entziehn sucht.

So kommt es mir vor mit Dir: Du gehst mit dem Ei am Herzen manchen Tag umher, ehe Du den Ort findest, wickelst es schamhaft in unscheinbaren Stoff und legst es in ein fernes Eckchen.

Da es nun hier nicht gleich entdeckt und entwickelt wird, Zu Brief Nr. 356: Zeltersche Zeichnung: Situationsplan seiner Wohnung so ist es kein Wunder, wenn die Welt erst heut von dem zu reden weiß, was ihr vor einem halben Jahrhunderte geboten ward.

Darüber wollen wir nun nicht ungeduldig werden und ändern die Zeit lassen, welche sich die Natur selber genommen, uns zu Offenbarem ihrer Geheimnisse zu erwählen, welches ja auch nicht eher geschehen, als bis es an der Zeit war.

Den 20. Oktober. Indem ich überlese, was ich hier geschrieben, sollte ich wohl sagen, wie ich dazu komme, Dir so etwas zu schreiben: eine Iliade nach dem Homer. Und nun besinne ich mich erst, wie mir zu Mute war, als ich diese Stanzen in der »Morphologie« las.

Ein Schriftsteller, den Du öffentlich gelobt hast, stellte mich schon vor mehrern Jahren zur Rede: wie ein Mann Deiner Art die Beschreibung seines Lebens so einleiten könne, wie Du es getan, indem du Dich bei Deiner Geburt einer glücklichen Konstellation der Planeten rühmst.

Ich weiß nicht mehr, was ich in dem Augenblicke geantwortet habe, und erinnere mich bloß, daß es eine Grobheit war, die ohngefähr so herauskam:

»Sie haben Recht, nicht an die Einwirkung der Gestirne zu glauben; Sie sehn aber auch darnach aus.«

Hätte ich nun damals Deine Stanzen schon gekannt oder gar den Schlüssel dazu gehabt, so hätte man sich billiger und höflicher ausdrücken können; Du mit Deinen Rätseln also bist oft schuld, wenn ich täppisch auf gute Leute herfahre und für einen Grobian passiere.

Zu mehrerer Verdeutlichung sende einen aufgekritzelten Plan anbei, auf welchem dir der Eingang aus der Friedrichsstraße in die Georgenstraße No. 19 ins Auge fallen wird, und füge noch an, daß die Friedrichsstraße unter der Mittagslinie liegt. Da nun mein 7 Fenster langes Haus ein Parterre, eine Etage und eine Mansarde hat, welche letztere ich mit meinen Kunstvorräten bewohne, so habe ich in der beletage meine Musikstuben, und die Kinder wohnen unten bei der Küche.

Lächle nur immer über die ausführliche Wichtigkeit, womit ich meine Wohnung beschreibe; da der zweite Bogen angefangen ist, so weiß ich ihn mit nichts Besserm vollzumachen.

Hofrat Meyer ist, wie ich höre, nach Potsdam. Er wollte diesen Brief mitnehmen an Dich; ich will nicht hoffen, daß er von da sogleich zurück nach Weimar geht. Geheimer Rat Schultz hält ihn warm.

Das Lustspiel »Der Pfingstmontag« wird jetzt von mir gelesen mit sauerm Vergnügen. Wäre ich nicht am Rhein und besonders in Straßburg gewesen, so müßte man das bleiben lassen.

»Olfried und Lisena« sind soeben auch angekommen, darüber soll es morgen hergehn. Lebe wohl.

Sonnabend, 21. Oktober 1820. Z.

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