2016-08-22

Briefwechsel J.W.v.Goethe und C.F.Zelter: An Zelter 14.10.1821 (375)



375. An Zelter 14.10.1821

Der empfohlene Rellstab hält sich noch in Weimar auf, um sich zum Heidelberger akademischen Leben vorzubereiten. Meine Kinder haben ihn freundlich aufgenommen und die Weibchen ihn bei dilettantischen Exhibitionen freundlich und nützlich gefunden. Gestern erst brachten sie die mir bestimmten Exemplare, an welchen freilich Herr Negeli seine typographische Kunst und der Porträtiste wenig Sinn für Gestalt und Charakter bewiesen hat.

Daß ich von Deinen guten Absichten auch etwas durchs Ohr vernehme, dazu macht Eberwein Anstalt. Wenn ich aber im Chorgesang »Dichten ist ein Übermut« den Autor gegen Deine Emendationen wiederherstelle, ohne dem musikalischen Rhythmus Eintrag zu tun, wirst Du’s wohl verzeihen. Dem Dichter ist wunderlich zumute, wenn er erfährt, daß man ihm mitspielt wie den alten Herrn vor dritthalbtausend Jahren.

Das gute Wort, das Du über den Prolog sagst, erfreut mich sehr; es trifft mit allem zusammen, was ich gehört habe und noch höre. Gar sehr dient es zu meiner Beruhigung, daß ich, in der stillsten Klause, so weit vom lebendigsten Leben entfernt, das zu produzieren wußte, was dort in einem höchst bedeutenden Momente schicklich und erfreulich war. Ich hoffe, man wird nach und nach das Gelegenheitsgedicht ehren lernen, an dem die Unwissenden, die sich einbilden, es gäbe ein unabhängiges Gedicht, noch immer nirgeln und nisseln. Unter den »Zahmen Xenien« wirst Du künftig finden:

Willst du dich als Dichter beweisen,
Mußt du nicht Helden noch Hirten preisen;
Hier ist Rhodus! Tanze, du Wicht,
Und der Gelegenheit schaff ein Gedicht!

Dieses erlasse gegenwärtig, mein Teuerster, am 14. Oktober in Jena, an demselben Punkte, wo vor soviel Jahren alles zusammen nur ein Untergang war; heute dagegen, als am Sonntage, ist es hier außen so stille, daß, wenn nicht zu einer Staatstaufe die Gevattern und andere Zeugen zusammengefahren würden, man die Räume für ausgestorben halten sollte. Indessen grünen die alten Linden noch ganz herrlich, welche jenem Schlachtgetümmel und Bränden ruhig zusahen, und ich schleiche noch manchmal aus meiner unscheinbarsten Hütte in den botanischen Garten, wo ich freilich Deine schöne Schülerin vermisse; Du kannst sie immer wieder einmal von mir grüßen.

Daß sich Boucher und Frau so gut halten, freut mich; denn es ist Naturell hinter großem Fleiß und Übung. Was Du von der Menschenstimme sagst, hat ganz meinen Beifall. Als ich die Catalani in Karlsbad hörte, sagte ich ganz eigentlichst aus dem Stegreife:

Im Zimmer wie im hohen Saal 
Hört man sich nimmer satt,
Und man erfährt zum erstenmal,
Warum man Ohren hat.

Möchtest Du mir gelegentlich kurz und gut, nach beliebter und belobter Weise, die eigentlichen Gravamina gegen die innere Einrichtung des neuen Berliner Theaters mitteilen, so wär’ ich in Klarheit über einen Zustand, an dem ich teilnehme.

Ein Exemplar der »Wanderjahre« folgt nächstens. Begegnest Du einem Karl Ernst Schubarth von Breslau, so sei ihm freundlich in meine Seele; er hat über meinen »Faust« geschrieben und gibt jetzt heraus: »Ideen über Homer und sein Zeitalter«, ein Büchlein, das ich höchlich loben kann, weil es uns in guten Humor versetzt. Die Zerreißenden werden nicht damit zufrieden sein, weil es versöhnt und einet.

Treulichst

Jena, den 14. Oktober 1821. G.

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