28.08.2016

Briefwechsel J.W.v.Goethe und C.F.Zelter: An Goethe 19.12.1821 (381)



381. An Goethe 19.12.1821

Berlin, 19. Dezember 1821. 

Die gute Gelegenheit durch den geistlichen Herrn aus Marienbad, der Dich in Weimar besuchen will, soll nicht ohne einige Begleitung sein.

Daß wir und wie wir hier angekommen sind, werden die Mägdlein wohl vollständigst berichtet haben.

Die von Dir entlehnten 50 rh. hatte ich schon wieder assigniert, ehe ich Deinen Brief aus Weimar vom 25. November erhielt. Wolltest du indessen hier etwas bezahlt haben, so kann ich auch wohl einmal vorschießen.

Vorderhand wirst Du ein ausgesuchtes Stück Hamburger Rauchfleisch recta von Hamburg aus erhalten, wo es bereits bestellt ist. Dieser Weg ist nicht bloß der kürzeste über Braunschweig, die Sache selber ist viel ökonomischer, da das Pfund hier acht gute Groschen kostet. Die Rechnung dafür lasse ich mir anhero schicken.

Wegen feinerer Weine habe gleichfalls geschrieben; man findet es bedenklich, solche in jetziger Jahrszeit zu versenden, und Du würdest Dich also gedulden.

Muskat-Lunel, Muskat-Rivesaltes, Dry-Madeira (alter), Malaga von 1811, Tokaier, Aleatico und dergleichen sind schon hier zu haben; in jedem Falle wünschte doch zu wissen, was Du brauchen kannst und in welchen Portionen.
Unsre Kinder sind gesund und vergnügt; was mich betrifft, so bin ich eben auch wieder ein paarmal Großvater worden, und damit wird’s kaum genug sein.

Das Blatt von Polidor besitze ich nicht, wiewohl einige andere von demselben, die ich Dir gern schicke, wenn Du sie nicht schon besitzest: zwei gleich große Oktavblätter, ä 6" lang, 4" hoch, scheinen aufgekratzt zu sein. Das eine stellt einen Sabinerinnenraub vor. Auf dem ändern stehn 3 gebundene Krieger vor einem unbesetzten Richterstuhle, hinter welchem ein alter ernsthafter Mann, und neben diesem steht ein etwas jüngerer Mann, der seinen Arm mit flacher Hand heftig gegen die Gefesselten ausstreckt. Ein drittes Blatt ist 15^ lang und 8" hoch: Mädchen und Jünglinge tragen angefüllte Gefäße emsig einer Anhöhe zu, auf der sich in der Entfernung ein altes Gebäude sehn läßt, das dicht von Waldung umgeben ist. Im Vor gründe liegt eine Frau, die ihre Last abgesetzt hat und sie eben wieder aufzuheben scheint. Ein alter Mann auf der rechten Seite, mit einem Buche unter dem Arme, zeigt mit der Rechten den Weg zum Gebäude. Darunter steht: »Polidorus de Caravaggio inv.«

Außerdem muß es einen Kupferstecher namens Polidor gegeben haben. Ich besitze 4 Blatt nach den Rafael’schen Logen, von denen das eine die Taufe Christi im Jordan, das 2. die Anbetung der Hirten, 3. das Christuskind im Stalle (mit Ochs und Esel), dem Geschenke gebracht werden, und 4. das Abendmahl (sehr ruiniert).

Die Blätter sind Dir gewiß bekannt und, obgleich ruiniert, doch schöne Abdrücke.

Wenn Du diese Sachen nicht hast und zu haben wünschest, so stehen sie zu Dienst; Du tust mir ja Gutes genug.

Den 22. Der geistliche Herr ist nicht gekommen, seinen Brief abzuholen, den ich nun mit der Post sende. Das Rauchfleisch ist von Hamburg bereits abgegangen. Hättest Du wohl Appetit zu einigen Hummers? Die müßten freilich bei Frostwetter versendet werden.

Dein

Z.

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