2016-08-09

Briefwechsel J.W.v.Goethe und C.F.Zelter: An Goethe 19.04.1820 (338)



339. An Goethe 19.04.1820

Berlin, 19. April 1820. 

Unser Künstlerverein hat sich mit der Königlichen Akademie zu einer Feier des Geburtstags von Rafael verbunden, die nach unserer Art ganz artig ausfiel.

Man hatte ausgefunden, daß Rafael auf den 18. April, neuen Stils, geboren sei, und also lieber diesen Tag als den Karfreitag erwählt, der schon mit eignen Heiligtümern besetzt ist.

Drei große Bilder: die »Madonna del Sisto«, die »Madonna del pesce« und das Bild der heiligen Cäcilia waren am Ende eines 110 Fuß langen Saals in der Höhe nebeneinander aufgestellt. Unter denselben stand Rafaels Katafalk auf einer Estrade von 7 Fuß hoch. Auf beiden Seiten des letztem die vier Lieblingsmusen des Helden: Poesie, Malerei, Architektur und Musik, Statuen von Gips, 6 Fuß hoch und von Tieck in der Tat schön drapiert. Zwischen jeden zwei Musen ein brennender Kandelaber, über die Figuren hinausragend, was sich gut couronnierte. Uber dem Katafalk das Brustbild Rafaels, gut von Weitsch kopiert.

Alle Zwischenräume waren mit färbigen Tüchern gut behängen, sowie der ganze Vorplatz von 40 Fuß tief.

In diesem Vorplatze war ein Singchor von 100 ausgewählten Personen, Frauen (weiß) und Männer hinter ihnen (schwarz gekleidet), im Halbkreis auf gestellt. Gesungen ward:

1) ein »Requiem« von mir;

2) das Leben Rafaels, abgelesen vom Professor Tölken;

3) »Crucifixus« von Antonio Lotti, eines großen Stils wegen merkwürdig;

4) las ich etwas zum Verständnis dieses alten Stücks, in Verbindung mit

5) »Gloria in excelsis Deo!« von Joseph Haydn, um den Unterschied der Zeitalter in Absicht des Stils bemerkbar zu machen.

Die Sache war in einer starken Stunde abgemacht. Was ich gelesen, lege ich zur Deutlichkeit bei, und magst Du mir doch ein förderndes Wort darüber sagen.

Nun schönen Dank für alles Gute, was Du mir tust! Deinen »Philipp Hackert« habe ich schon wieder durchgelesen, und kurz vorher hatte ich den 2. und 3. Teil Deines »Lebens« wieder nachgelesen.

Der »Diwan« ist jetzt meine Bibel, in deren Anbetung ich täglich mehr versinke. Gott gebe Dir Gesundheit und Lust, Deine alten Schätze ans Licht zu bringen. Man hat seine Freude über die Gesichter, wenn sie solch ein Buch zuerst wie eine Zeitung lesen und Jahr und Tag nachher immer wieder daran gehn, um noch einmal zu sehn, wie sich die Sache eigentlich verhält, und immer sachter urteilen und zuletzt stumm sind wie Fische.

Laß doch ja von Dir hören, wo Du bist; ich bin eben jetzt wieder ein schlechter Korrespondent. Kann man doch über der Flut von Nichts kaum an sich selbst gelangen.

Da ich auf Michael meine Wohnung verlasse, so werde ich wohl den Sommer hier verweilen. Und nun: Gott befohlen!

Dein

Z.

Den »Prometheus« habe ich mir abgeschrieben; das ist ein Kerl!

(Beilage)

»Crucifixus etiam pro nobis sub Pontio Pilato, passus et sepultus est«.

Der eben ausgeführte Gesang auf die obigen Worte darf so wahr als kühn genannt werden, insofern er sich anmaßt, mit seinen eigensten Mitteln zugleich malerisch, ja plastisch, außer sich ein Bild aufzubauen, um es in der Seele des Hörers zur Idee zu erheben, die ihm selber inwohnt, und insofern darf sich dieses Stück im eigensten Sinne eine Musik nennen.

Das Stück ist aber auch zugleich geschichtlich merkwürdig, indem es den Wendepunkt anzugeben scheint, von dem an die Kirchenmusik bis auf unsere Zeit sich mehr und mehr von sich selbst entfernt und der Belehnung hergegeben hat.
Die in der Christenheit bekannten Worte »Crucifixus« und so weiter sind von unserm Meister zu einer Grundfläche, einer malerischen Unterlage ausgebreitet, um dem Ohre das Bild des Kreuzes darauf abzubilden.

So wie in Rafaels vor uns aufgestellter »Cäcilia« das beschauende Auge zum Ohre, so wird in dieser Musik das Ohr durch innere Vorstellung zum geistigen Auge, vor dem sich das ewige Kreuz wunderwürdig nach und nach aufrichtet, woran die Sünde und Schmach aller Welt abgebüßt worden.

Gegen das Ende erhebt sich das Stück immer mehr zu einer kolossalen harmonischen Masse, worin Verstand und Sinn untergehn, indem sie sich in Demut und Anbetung auflösen.

Wenn der große Venetianer Anton Lotti in dem eben vernommenen Stücke durch einen tiefen, derben, ins Bittre greifenden Stil unsere Bewundrung davongetragen hat, so mögen wir nun getrost einem eingebornen Meister huldigen, der weit über ein Jahrhundert später geblüht und die Ehre der Kunst seiner Zeit für unsere deutsche Nachkommen auf alle Zeiten befestigt hat.

Das nachfolgende »Gloria in excelsis Deo!«, womit das heutige Fest beschließt, ist ein Werk unseres unsterblichen Joseph Haydn.

Beide genannte echte Meister sind an Produktionskraft, Kunstfertigkeit, Fleiß und Gemüt von gleichen Gaben, und was sie voneinander unterscheidet, gehört ihrer Nation, ihrer Zeit und dem Zustande ihrer Kirche an.

Der wohlwollende lebensfrohe Sinn in Haydns sämtlichen Kunstwerken, der auch dies herrliche »Gloria« belebt, möge nun zugleich die Apotheose des ewigen Rafael Sanzio sein, dessen Andenken gefeiert werden wird, solange diese Erde von bildungsfähigen Geschlechtern bewohnt ist.


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