20.08.2016

Briefwechsel J.W.v.Goethe und C.F.Zelter: An Zelter 28.09.1821 (373)



373. An Zelter 28.09.1821

Ob Dir gleich, mein Teuerster, in Deinem stundstündlichen sündlichen Berliner Musikantenleben, wie ich gar wohl begreife, zu einer Wirkung in die Ferne keine Zeit übrig bleibt, so wünscht’ ich doch, daß Du manchmal, was Dir so wohl gelingt, mit einigen Federstrichen den Augenblick festhieltest und ihn einige dreißig Meilen weiter schicktest. Ich dächte doch, meine Bemühungen um euch, o ihr Athenienser! wenn sie auch nicht jedem einzelnen, sondern der lieben Gesamtheit gesendet werden, verdienten einige Erwiderung.

Meinen Sommer hab’ ich glücklich und kurhaft zugebracht; das Unglück von Karlsbad gab eine schlechte Nachkur, denn ich bin zu sehr mit diesem Orte verwachsen, als daß ich mir ihn zerstört denken dürfte. Von den Höhen über Franzenbrunnen sah ich, gerade am 9., jenes Unheil in die mir gar wohl bekannte Tepelregion herunterstürzen, und ohne wunderliche Zufälligkeiten wäre ich in das Unglück mit verwickelt worden; ich hatte sodann weder Mut noch Beruf, in den folgenden Tagen hinzugehen, und die zu einer Fahrt dorthin bestellten Pferde brachten mich nach Hause.

Hier find’ ich nun Deine lieben Zuschriften und Sendungen, wofür der beste Dank gesagt sei; ich habe nun einen vieloktavigen Streicherischen Flügel angeschafft, man sagt, er sei glücklich ausgefallen, und ich hoffe, daß mein Winter dadurch etwas musikalischer werden soll.

Wollten Ew. Liebden also zum Besuch, Urteil und Genuß sich selbst an Ort und Stelle verfügen, so bitte, daß es in der zweiten Hälfte des Oktobers geschehe, und zwar auf Anmeldung, nicht mit Überraschung.

Noch gute vierzehn Tage hab’ ich hier zu tun, wo Dich zu empfangen weder Ort noch Zeit, weder Gesellschaft noch Gelegenheit sein möchte. Laß mich nächstens wissen, wie Du darüber denkst, was Du vorhast und ausführen kannst, denn ich darf in meinen Jahren und Tagen nicht mehr aus dem Stegreife leben.

Die Musik wirkt nur gegenwärtig und unmittelbar, und so wirke denn auch wieder einmal als ein echter zuverlässiger musikalischer Freund.

So weit war geschrieben, als ich erst Deine erwünschten Blätter vom 20. August bis 20. September erhielt und, wie Du leicht denken kannst, ganz zufriedengestellt bin. Gegenwärtiges erhältst Du durch einen Klavierspieler Hartknoch, einen Schüler unseres Hümmels, der sich Dir am Flügel selbst empfehlen möge; und so den schönsten Dank für alles Mitgeteilte!

Treulichst

Jena, den 28. September 1821. G.

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