2016-08-20

Briefwechsel J.W.v.Goethe und C.F.Zelter: An Goethe 08.08.1821 (371)



371. An Goethe 08.08.1821

Berlin, 8. August 1821. 

Herr Catel will ein Briefchen an Dich mitnehmen, da soll denn die gute Gelegenheit nicht versäumt werden.

Das Nest wird hier immer leerer. Auch Fürst Radziwills sind gestern nach Posen abgegangen. Graf Brühl ist auch abwesend, und unser neues Theater nimmt sich aus wie ein altes Lazarett: die eine Hälfte ist krank, und die andere kränkelt. Auf das neue Haus schelten sie, und Schinkel kriecht aus einem Winkel in den andern.

Eine Lektion, von der ich eben komme, geht Dich an. Erstlich habe die neue Ausgabe des Herrn Schubarth mit Vergnügen durchstrichen und hier und dort meine eigene Gedanken gefunden.

Sodann sind wir zu den Quedlinburger »Wanderjahren« übergegangen, die ich sine ira vom ersten bis zum letzten Worte durchgelesen habe.

Da der Mann in Deinem gewandten Kleide einhertritt, so wird er manche Türe offen finden. Eine Kleinigkeit scheint ihm eben dabei nicht eingefallen zu sein: daß er nämlich weder so noch das schreiben könnte, wenn er nicht von seines Herrn Tische käme. So habe ich ihm aus meinem Fenster abgemerkt, daß er von denen ist, die Du klug gemacht hast; denn wo Ein Weiser ist, sind auch gleich viele. Ein Herr Schütz, dessen Vornamen ich vergesse habe, wird als Verfasser genannt.

13. August. Mit dem Urteile ist es eine eigene Sache, da es doch nur innerlich stattfindet. Will man es nach außen klarmachen, so tritt die Sache gern ins alte Geheimnis zurück, und unvermutet steht man vor der Türe, wo man stand, ehe man ins Haus gelassen war. Was der eine als Vorteil zugesteht, will der andere für Mangel erkennen. Man gibt, was man hat, und schreibt, was man kennt und weiß, und jener verlangt, was die nicht leisten wollen. Mit dem Weinstocke will er dingen und handeln. — So machen wir es freilich alle: drum wollen wir ihn geduldig tragen und mit dem Weinstocke ihm zurufen: Dummer Teufel! was ich dir gebe, ist ja Wein! Geh hin und danke zuerst dem, der dir den Durst gegeben hat; hast du aber keinen Durst, so kannst du keinen löschen.

Isegrim scheint zufriedner zu sein mit diesem Schützen als mit dem ersten, der etwas scharf geladen hat; nur hatte ich, als er mir davon sprach, das Schützenbuch noch nicht gelesen. Heut hat er mich mit Seebeck zu sich hinaus nach dem Gesundbrunnen gebeten, wohin er seit einiger Zeit gezogen ist.

Boucher ist noch hier und will nach Posen, Radziwills nachreisen, wo er schon willkommen sein wird. Er wird wohl wieder zurückkommen; das Publikum hat er sich gewonnen, der Kerl ist wie ein Aal. Es läßt sich leben mit ihm, und wir stehen auf gutem Fuße miteinander. Vorigen Sonntag hat er ein paar von meinen Schülern gehört, mit denen er nicht unzufrieden war. Er hat sich ein Violinkonzert von Sebastian Bach geben lassen und tut, als wenn ihm’s gefiele; zweimal hat er es schon privatim gespielt und kostet sich damit die Liebhaber aus. Wir lernen voneinander, und die Meinung, daß alte gute Musikstücke gehackt und geschuppt sein wollen, will er ablegen. Er weiß, daß ich das Außerordentliche an ihm schätze und zugleich das Ordentliche außerordentlich finde. Er ist aber in der Tat ein verständiger Mensch. Dich hat er in besondere Affektion genommen; hast Du ihn denn gehört?

Eberwein, der mir getreulich seine Lieder schickt, habe ich loben müssen und ihm eins dagegen gesandt, das ich mir aus dem »Diwan«, Seite 26, für die Liedertafel zugerichtet habe. So wie es da steht, konnte ich’s nicht geradezu anwenden, weil sie es mir sonst nicht ordentlich singen, und endlich verlangt auch die Melodie ihr Recht; ja wenn diese getroffen ist, pflegst auch Du wohl Gnade für Recht ergehn zu lassen, denn ich habe Deine Verse angegriffen und daran gemodelt.

Was mir von den Liedern des »Diwan« vielleicht am meisten gelungen ist, ist: »Worauf kommt es überall an.« Das könnte Dir gefallen, weil es mir gefällt und auch sonst Beifall hat.

Dein

Z.

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