2016-08-10

Briefwechsel J.W.v.Goethe und C.F.Zelter: An Goethe ohne Datum (342)



343. An Goethe ohne Datum

Deinen Himmelfahrtsbrief, der gestern angekommen ist, fange sogleich im Namen des heiligen Paraklet zu beantworten an; denn heut ist »Pfingsten, das liebliche Fest«.

Zuerst also von gestern, das ist: von der ersten Probe des »Faust«, von der ich nicht viel mehr zu sagen weiß, als daß die heutige besser ausfallen wird. Die neuen Chöre: »Wird er schreiben?« und der Abfahrtschor gingen, trotz des spillerigen Stils, zum ersten Male nicht zu schlecht. Der Dilettant kann sich nicht verleugnen, indem er alles auf die Spitze stellt und gar zu viel ausdrücken will. Dem ist nun nicht zu helfen, weil ihm schon dies soviel Arbeit macht, daß er froh ist, nur einmal davon zu sein. Mit einem Chore von unserer Zucht wird ihm der Schaden gar nicht merklich; kommt er aber endlich damit auf ein wirkliches Theater, so werden sie es ihm wohl beibringen.

Ferner wurde die Szene mit dem Schmuckkästchen in Gretchens Stube zum 1. Male gegeben, und zwar nicht ohne einige Affektation von Madame Stich, welche, mäßig gesprochen, um die Hälfte zuviel tat. Das aber wird sich geben, denn sie ist eine Person, mit der man über solche Dinge noch wohl reden darf.

Das Zimmer war von Schinkel ausnehmend hübsch angeordnet, wenn es auch etwas kleiner hätte sein können. Das Fenster mit den Blumen, der Spiegelpfeiler, der Schrank, der Tisch mit seiner Decke, das Rädchen, das Bett, das Bild der Schmerzensmutter, das Kruzifix und so weiter waren so würde man im Bauche der Erde und in der Brust der Sterne das Leben der Allmacht erkennen.

Was ich hiergegen an den Tag gebracht habe, ist eben von der Art, daß ich darüber nichts Verständliches zu sagen wüßte. Daß ich aus Neigung und Glück aus obigen Schätzen manches herausgeahnet habe, was also nichts weniger als einzig ist, mag darinne bestehen: aus wenigen Noten einen Knäul zu wickeln, woraus sich abwickeln läßt, was der Faden langt, und dahin haben mich Deine Gedichte gebracht, die ich verstehe, ohne sie zu erklären; welches letztere mir oft genug zum Vorwurf wird, der mich nicht befremdet und nicht kränkt, weil ich weiß, was darin ist, wenn ich es auch nicht herausschaffe.

So erschrak ich ganz anmutig, als ich im »Diwan« das »Dir zu eröffnen Mein Herz« gedruckt fand und die Erklärung dabei, wie das Gedicht entstanden. Es war im Glauben an Dich, ohne weiteres Verständnis in Noten gesetzt, und der Ton desselben wird von mir hinterher ganz wahr befunden.

Wer mag sich das erklären?

Der Gebrauch des Marienbrunnens ist hier stark im Gange. Mein Arzt wollte mich schon voriges Jahr dahin schicken; als ich aber in Franzensbrunn und Karlsbad erfuhr, daß sie mehr Leute hätten als Wohnung, rannte ich nach Wien, wo sie freilich auch nichts gratis geben wollen. Lebe wohl, alter Herr, und gedenke unser im Guten.

Den 24. wird der vorjährige Geburtstag wieder gefeiert und der »Faust« wieder losgelassen. Es wäre doch gut, wenn Du dem Spaße ein wenig näher wärest, und solltest Du Dich auch nur über unsere Freude daran freuen.

Dein

Z.

Laß doch bald wieder von Dir hören. Werden wir ja immer älter; so laß uns doch so nahe zusammenrücken als möglich!
Dein!

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