2016-08-04

Briefwechsel J.W.v.Goethe und C.F.Zelter: An Goethe 02.06.1819 (324)



325. An Goethe 02.06.1819

Berlin, den 2. Junius 1819. 

Dein schmucker lieber Brief vom 29. Mai kam ebenst zu guter Stunde, um den schmerzlichen Abschied lieber Gäste zu mildern, die soeben abgefahren waren. Einige Wochen hätten sie es immer noch aushalten können bei uns; denn obwohl sie nicht versäumt haben, sich umzusehn, so sind sie fremd, von Fremden in der Fremde umhergeführt und haben — gewiß zuviel von dem gesehn und genossen, was allerorten zu Hause, ja wohl besser und mehr ist.

Daß Berlin etwas an sich und von sich ist, wird zwar selten zugegeben, aber es ist dennoch so wahr als gut. Dies ist keine Klage gegen Fremde, die sich mehrenteils gern hier sehen und ebensogern hier verweilen — weiß ich selbst, gegen wen? Der König selbst fühlt sich hier fremd und kann nicht von uns bleiben. Friedrich der Große wollte aus Potsdam etwas machen, aus Berlin hat er etwas gemacht und so auch seine Vorgänger. Genug, ein berlinischer Preuße ist eine für sich bestehende Rasse, die leben sollen, weil sie wollen, und das soll euch aufgehoben sein für künftige gute Tage.

Die Kinder haben übrigens ihr Glück gemacht: dem Könige hat die Frau gefallen, und August würde als charge d’affaires nicht übel bei uns angestellt sein.

Daß Dir nirgends wohler ist als bei Dir selber, ist mir ganz begreiflich; ist mir doch selber so zumute, und bin ich einmal einige Monate abwesend, so freue ich mich auf meine Zurückkunft. So wie mit den Kindern müßtest Du es auch nicht halten wollen, denn das ist Arbeit für junge Leute. Man muß sich erst durchgefressen haben bei uns, ehe man daran denkt zu leben, und dazu ist freilich im 70. Jahre keine Zeit. Nein! man kann es anders einrichten, um es bequemer zu haben. Alles hat seine Zeit, und kommt Zeit, so kommt Rat.

Der gute Schubarth windet und dreht sich ab um eine Meinung über Dich, die ihm allein eigen und neu von der Elle sei. — Nicht wahr, das wäre Dir selber nicht eingefallen: daß im Felle das Tier und im Feuer der Funke hause? — Will ich nun wieder zu mir selber kommen, so muß ich Deine sämtlichen Schriften wieder von vorn lesen. Was sollte wohl die Welt anfangen, wenn diese Herren sich nicht so viele Mühe gäben, sie vor Überschätzung des Guten zu bewahren! — Hat sich was zu überschätzen! Gib nur her, alter Knabe, was Du noch unter dem Herzen hast; so wie ich uns kenne, haben wir noch Arbeit genug, Mäßiges nicht geringzuachten.

Deine Enträtselung des Myron’schen Geheimnisses hat uns unendlich befriedigt; was viele Geschlechter, zu Tausenden, lebendig empfunden haben, hat Jahrtausende auf das Wort warten müssen, womit es ausgesprochen ist; ja das selige Werk des Künstlers hat vergehn müssen, um seine Weisheit ans Licht zu ziehen. Habe Dank für mich allein! wer weiß, wie lange es nun gedruckt sein wird, bis ein besserer Dank erfolgt.

Deine Festgedichte gehen spazieren von mir zu Langermann und von da zurück. Ein Sonett habe ich allerdings am wenigsten vermißt, weil ich ihm trotz meiner Bemühungen noch niemals habe eine musikalische Form abgewinnen können, die natürlich wäre.

In Deinem Briefe sagst Du, daß Du den Marperger gelesen hast. Ist das Marpurg? oder Kirnberger? denn einen Marperger kenne ich nicht. Ist es Marpurg: der gehört zu den Besten, weil seine Schreibart die beste ist; aber es ist auch hier wie in den bildenden Künsten: das Wort fehlt, uns den Geist zu erklären, und was man wissen will, lernt man nur, wenn man selber Hand anlegt. Er hat viel geschrieben und ist mit Kirnbergern vielfältig im Streit gewesen über Dinge, in denen meiner Meinung nach Kirnberger recht hatte, wiewohl dieser sich, wenn’s aufs Schreiben ankam, nicht mit jenem messen konnte und darüber vor der Welt immer im Nachteil erschien. Ich habe beide Männer noch recht gut persönlich gekannt und aus ihren gegenseitigen Meinungen das meiste von dem erlernt, was ich zu wissen wünschte.

Hirt ist abwesend, sonst würde August mit ihm bei Staatsrat Schultz Gevatter gestanden haben. Wolf hat sich eine Sommerwohnung in Charlottenburg zugelegt, so daß man ihn weder hier noch dort antrifft. August hat ihn auf der Straße zuerst gesprochen und am Sonnabend vor Pfingsten mit ihm beim Minister v. Altenstein gespeist. Ja es scheint, als wenn der Minister Wolf deswegen zur Tafel gebeten hätte, indem er, ich weiß nicht wen, gefragt hat: wen er sonst noch bitten dürfe, mit dem Wolf nicht verfeindet wäre.

Nun wünschte wohl zu wissen, wohin sich Deine Liebden wenden wollen, um eine andere Sommerluft zu atmen. Ich habe mir eben Urlaub erbeten und denke nach Wiesbaden zu gehn, doch möchte ich Deine Spur im Sinne behalten.

Lebe wohl, mein Allersüßester! Von Aufführung zweier Szenen des »Faust« werden Dir die Kinder weit und breit zu erzählen wissen. Es war doch ein Anfang, und am besten Willen hat’s nicht gefehlt.          Dein

Z.

alle Briefe                                                                                                                                     weiter

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Nachrichten an:

geologe.ef@gmx.de