18.08.2016

Briefwechsel J.W.v.Goethe und C.F.Zelter: An Goethe 30.04.1821 (365)



365. An Goethe 30.04.1821

Montag, 30. April 1821 

Dein Magnus oder Alexander Boucher hat sich vorgestern mit großem Applaus hören lassen.

Mich hat er an den Baron Bagge erinnert, mit dem Unterschiede, daß, wenn von Boucher der Narr subtrahiert wird, ein außerordentlicher Violinist übrigbleibt:

Intonation, Gewalt über Griffbrett und Bogen, Keck- und Derbheit, Empfindsamkeit, Verwegenheit, das Gewagteste anzugreifen und zu überwinden, ist ihm so natürlich wie seine Geckerei; darum könnte man ihn loben, so wie er ist. Man spielt wohl in seinen 4 Wänden auf solche Art. Wenn ich ihn nicht ansahe, kam er mir vor, als wenn er in Nachtjacke und Pantoffeln spielte, und eben dies Vermögen, sich vor dem Publikum auf drei Fuß hoher Estrade zu isolieren ich habe es lachend bewundert.

Seine vorgegebene Ähnlichkeit mit Napoleon hat manchen herbeigezogen, wiewohl der Saal nicht voll war.

Den Baron Bagge habe sehr wohl gekannt. Er war kein Hasenfuß und neben seiner eingebildeten Originalität das beste Herz gegen Kunst und Kunstjünger. Er hat uns jungen Leuten die rarsten Leckereien vorgesetzt, um uns dabei zu unterrichten, und einigen von uns hat er Geld dazu gegeben. Man hatte ihn zum besten, er ließ sich nicht abhalten, die Liebe deckte von beiden Seiten zu.

Madame Boucher hat noch mehr Beifall gefunden. Ihr Spiel auf dem Fortepiano und der Harfe zugleich zeigt, daß sie auf beiden Instrumenten sicher ist, was wegen der entgegengesetzten Bewegung der Arme und Finger eine lange Übung erfordert, so sonderbar auch die Sache an sich ist. Ihre Komposition des Konzerts, das sie spielte, hat mir mehr gefallen als die ihres Mannes.

Kapellmeister Hummel hat außerordentlichen Beifall gefunden. Heut gibt er das zweite Konzert, und wenn er nicht so weich wie Brei wieder nach Weimar kommt, so ist die Hitze nicht schuld daran, denn die ist außerordentlich.

Meine Passionsmusik hat diesmal der König besucht und mir 20 Friedrichsdor zugeschickt, die ich gern genommen habe, da die gelben Scheibchen rar sind bei mir. Er ist aber noch außerdem so gnädig gewesen, mir einen Platz neben dem Universitätsgarten zu bewilligen, worauf ein Saal für meine Singakademie soll gebaut werden.

Anbei sende ein Schriftchen, das Du vielleicht schon hast, von unserm guten Bellermann. Er hat mir zwei Exemplare zugeschickt, und daher kann ich eins abgeben.

Lebe wohl und laß uns wissen, wo Du bleibst. Hummel, der diesen Brief mitnimmt, will morgen abreisen.

Dein ewiger

Zelter.

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