2016-08-26

Briefwechsel J.W.v.Goethe und C.F.Zelter: An Goethe 21.10.1821 (378)



378. An Goethe 21.10.1821

Berlin, 21. Oktober 1821. 

Über unser neues Theater jetzt schon ordentlich zu urteilen, ist mir in der Tat kaum noch eingefallen. Hoffentlich bist Du mit dem Plane genau genug bekannt, um folgendes zu vernehmen.

Das abgebrannte Haus fand man an der Stelle eines (ehemals unter der Regierung Friedrichs II. erbauten) kleinern Hauses für die französische Komödie viel zu groß, ohne ihm einen großen Stil zugestehn zu wollen.

Man urteilte, ein einziges Theater für ganz Berlin sei ein Ungedanke; oft sei es zu klein, noch öfter sei es zu groß, und ein zu großes leeres Haus sei ein großer Jammer.

Das Proszenium war über 40' Rheinländisch und die Tiefe des Theaters, wenn ich nicht irre, gegen 100 Fuß. Hinlängliche Anstalten zur Erwärmung im Winter wurden vermißt; die Schauspieler und Sänger klagten, daß ihnen das Wort auf der Lippe gefror; das Orchester bepelzte sich von unten bis oben zum Schaden des Ohrs und des Auges; eine ruhige Beleuchtung war nicht zu erhalten, die Lichte flackerten hin und her, und ging der Vorhang in die Höhe, so strömte ein nordöstlicher Sirocco ins Haus.

Dieser Effekt ließ sich erklären wegen eines unverhältnismäßig hohen, hohlen, runden Bohlendaches auf einer Sperrweite von 110 Grad das die Absicht hatte, Hinterwände und Vorhänge gerade in die Höhe ziehn zu können und den Malern Räume zum Arbeiten zu geben. Dieser doppelte Zweck ward aber nicht erreicht, indem man der Sicherheit wegen das Dach mit extra starken Bauhölzern ausbinden,
anhängen und ankern mußte und die große[n] Dachfenstern die Fassade entstellt hätten.

Die Logen wurden zu hoch befunden, und so viel ist wahr, daß nach Verhältnis der Höhe des Hauses noch eine Reihe Logen ohne Übelstand Platz gefunden hätte. Dann:
Bei trockener Witterung bullerten Musik und starke Rede, und in trüben Novembertagen bei schwerer Luft wurde nicht verstanden.

Nach der Theorie des Baumeisters, die Schallstrahlen zu konzentrieren, war ein Luftzug über der königlichen Loge angebracht, um Schall und Tönen eine Direktion ins Haus zu geben.

An diese Unbequemlichkeiten hatte man sich endlich gewöhnt, als ein hülfereiches Element allen Klagen und Plagen ein Ende machte, und auch hier fehlte es nicht an Sprechern, indem die Leute nun einmal der Meinung sind, daß alles um ihrentwillen geschehe.

Nach dem Brande machte sich, soviel ich weiß, Schinkel für sich selbst die Aufgabe zu einem neuen Theater, dessen Plan er zu sekretieren wußte, bis die Frage war: was zu tun sei und wie. — Auf Befehl des Königs wurden nun die stehengebliebenen Wände untersucht und brauchbar befunden; so entstand eine neue Aufgabe, und da Schinkel wohl am besten für die Sache mochte vorbereitet sein, ward ein solcher Plan ihm aufgetragen.

Die neuen Gravamina, da das Haus nun fertig ist, sollen in folgendem bestehn.

1) Es sei zu klein für Berlin;

2) die Logen hinter dem Balkon sei’n zu eng, zu finster, zu niedrig, ja ängstlich: man habe fast Gewalt zu gebrauchen, um an seinen Platz und wieder davon zu kommen.

3) Die Schauspieler führen Klage über Disposition ihrer Kammern und Anziehzimmer: es seien einmal zu viel und doch wieder nicht genug;

4) die Orchesterleute über unbequeme Eingänge und Treppen zum Orchester.

5) Die Architekten vermissen einen reinen Stil. — Zu viele Ecken und Kropfwerk; zu viele schmale Fenster werden anstößig gefunden.

6) Bildhauer tadeln die Ausführung der Basreliefs, Gruppen, Figuren. Greifen und Pegasus werden durchgezogen und bewitzelt.

Das wäre nun das Hauptsächlichste, was mir zu Ohren gekommen.

Über den Stil wüßte ich für jetzt nur zu sagen, daß er mir im ganzen zusteht. Die Mittepfosten der Fenster kommen mir etwas zu stark vor; daher erscheinen bei Tagslichte die Abteilungen der Fenster wie soviele Pfeiler und Fenster und zersplittern die Massen. Bei Mondlichte hat die Fassade etwas Ätherisches, das sich trägt und hebt. Säulen, Kapitäle und Gesimse nehmen sich munter und zierlich aus und tun sich durch reinliche Ausführung ganz besonders hervor gegen die korinthischen Klötze an den beiden danebenstehenden Kirchen, doch ohne Petulanz, ohne Frechheit.

Der Wagen mit den Greifen scheint mir zu groß und belastend. Er schadet der Perspektive, und die Tiere, welche zu deutlich werden, werden von unten dadurch grotesk. 500 bis 600 Fuß ab gruppiert sich der Wagen am besten, da kann man aber wieder das Haus nicht sehn.

Auch der Pegasus könnte kleiner sein, den ich, ehe er oben war, sehr gut fand. Nun er da oben steht, ist sein Geschäft (die Erde aufzuschlagen) nicht deutlich; was kratzt er da oben in der Erde?

Zu loben sind die Vorplätze, besonders beim Herausgehn, wo sich alles recht hübsch zerteilt ohne Drang und Gefahr. Die Kassen sind beihanden, und nichts kann vorbeischleichen.

Das Orchester hat an beiden Seiten Treppen: eine grade, um ruhig aus dem Hause zu kommen, und eine gewundene aufs Theater.

Die Dispositon der Räume für die Schauspieler auf dem Theater ist wohl eine Sache der Ökonomen und pflegt sich mit der Zeit einzurichten, wenn es nur nicht an Räumen fehlt. Freilich wäre es ungeschickt, wenn die Frauen durch die Anziehkammern der Männer gehn müßten.

Sang, Klang und Rede läßt sich gut vernehmen; da ich aber bis jetzt alle Vorstellungen aus Sperrsitzen oder dem Orchester vernommmen habe, so kann darüber noch nicht weiter berichten.

Den 23.

So weit war ich gekommen, als ich Sonntag abends Schinkel in Gesellschaft fand und ihn mit Deiner Aufgabe bekannt machte. Die Gesellschaft war zu groß, und es ließ sich von solchen Dingen nicht reden. Nun schickt mir gestern Schinkel das beigehende Blatt, woraus Du das Weitere abnehmen magst.

Die Menschen sind sich nicht mehr entgegen, als wenn es diesem oder jenem einfällt, ihnen eine Freude zu machen. Wehe dem, der nicht für sich und sein eigenes Vergnügen arbeitet: er geht zugrunde, und der Racker steht von einer Generation zur ändern gerüstet und kräftig da, und bei dem allen ist das Schweinezeug das Beste von der Welt; der Teufel schickt es, der Teufel holt es — Amen.

Vom Konzertsaale könnte ich noch sagen, daß er allgemeinen Beifall hat. Zwar klagen Musiker und Sänger über beschwerliche Exekution; ich traue ihnen darüber kein Urteil zu, weil im Saale selbst oben und unten und endlich sogar in den Vorplätzen und Treppen die Musik deutlich und frei herauskommt, was gut gespielt wird.

Man ist viel zu sehr am Fingern und Klimpern gewöhnt, um ein freies Urteil zu haben, und auch dies und die unendlich kleinen Narrereien, Derbheiten und Tollheiten eines Boucher kannst Du noch auf den entfernten Stiegen deutlich vernehmen. Nur einmal erst habe das Händel’sche »Alexanderfest« dirigiert und die Sache ordentlich befunden.

Die prächtige Architektur desselben, welche überschlüterisch könnte genannt werden, gehört mehr in ein fürstliches Schloß; bedenke ich wieder, daß der Baumeister eine Königliche Kasse und Lust, sich auszulassen, zeigen wollen, so möchte ich diesen Fehler gern machen können.

Den 26. Oktober. Morgends. Soeben kommt Dein Brief vom 19. dieses an, mit den »Wanderjahren«, die ich von der Post abholen lasse.

Morgen früh reise ich mit meiner Doris und einem 12jährigen muntern Knaben, meinem Schüler, dem Sohn des Herrn Mendelssohn, ab nach Wittenberg, um dem dortigen Feste beizuwohnen. Von Wittenberg aus sollst Du erfahren, ob ich, diese 3 Mann hoch, nach Weimar komme. Da Dein Haus voll genug ist, so trete ich in meinem guten »Elefanten« ab, wo ich’s noch immer recht gut gehabt habe, wenn ich nur Dich wiedersehe; mich dürstet nach Deiner Nähe. Meiner Doris und meinem besten Schüler will ich gern Dein Angesicht zeigen, ehe ich von der Welt gehe, worin ich’s freilich solange als möglich aushalten will. Der letztere ist ein guter hübscher Knabe, munter und gehorsam. Er ist zwar ein Judensohn, aber kein Jude. Der Vater hat mit bedeutender Aufopferung seine Söhne nicht beschneiden lassen und erzieht sie, wie sich’s gehört; es wäre wirklich einmal eppes Rores, wenn aus einem Judensohne ein Künstler würde.

Dr. Henning hat mir vorgestern einen Gruß von Dir auf der Straße abgegeben.

Was Deine Lehre und ihre Wirkungen in die Ferne betrifft, so kannst Du ohne Sorge sein. Wo ein Quell ist, wird’s am Fließen nicht fehlen, und wenn ich manches zu hören habe, so verstehe ich daraus desto besser. 

Ein recht geschickter Mann in seiner Art fand letzthin die Quedlinburger »Wanderjahre« vollkommen nach seinem Sinne und sprach darüber und ihren Zweck und Bedeutung für einen solchen Mann so einfältig als möglich. Da man bei der Gelegenheit auf mich sähe und alles schwieg, so nahm ich das Wort und erwiderte: Was Sie da sagen, habe ich auch einmal zu einem gesagt, und der antwortete mir: »Goethe ist immer 50 Jahre eher klug als die ändern; Sie aber sind nicht klug, denn Sie verstehn ihn nicht.«

Glücklicherweise geriet diese Rede an einen Humoristen, der wohl einen Spaß versteht, und gedenken wird er mir’s freilich.

Lebe wohl, ich muß packen.

Deinen Ernst Karl Schubarth habe noch nicht gesehn, er wird sich wohl mit Schultz herumtreiben, den ich auch seit seiner Zurückkunft noch nicht gesehn habe. Wir sind in der besten Meinung auseinander geraten, vielleicht kommen wir auf die nämliche Art wieder zusammen.

Leipzig, den 31. Oktober. Ich bin in der Absicht etwas früher nach Wittenberg gegangen, um mir die Gelegenheit zu besehen. Zwei Tage haben mich so vollständig über alles unterrichtet, daß ich das Fest selbst den ändern überlasse und gestern abend hier angekommen bin. Ob ich Dich nun von meiner Ankunft in Weimar werde benachrichtigen können, weiß Gott, und wenn keine Post geht, so muß ich doch unangemeldet kommen.

(Beilage)

Sehr geehrter Freund,

in Verfolg unseres gestrigen Gesprächs, die Gravamina über das neue Schauspielhaus betreffend, kann ich Ihnen im Zusammenhange etwa folgendes sagen.

Die Absicht war, im möglichst kleinen Raum möglichst viel Menschen gut hören und sehn zu lassen. Zu dieser Absicht ward man gezwungen, weil der König selbst die Weite des Proszeniums (also den Modul des Theaters) so gering festgestellt hatte, daß seiner Absicht nach das Theater für noch geringere Stücke, als jetzt darauf gegeben werden, dienen sollte.

Die Einrichtung der Plätze ist, wie die Erfahrung gelehrt hat, so, daß man auf einem jeden vollkommen gut hört und sieht: ersteres ist der Vorteil des mäßig großen Raumes und einiger darauf berechneter Anlagen im Proscenio und an der Decke; letzteres ist der Vorteil der von mir neuangenommenen Form, die ich auch nie bei einem Theaterbau wieder verlassen würde. Herr Architekt Mauch, welcher jetzt aus dem südlichen Deutschland zurückkommt, erzählt mir von den sämtlichen nach Weinbrenner’schem Prinzip aufgeführten Theateren zu Karlsruhe, Darmstadt, München, Leipzig pp., daß die Erscheinung auffallend sei, wie man von jeder Seite vom Proscenio ab in die Logen Linien ziehen könnte, die ein Drittel abschneiden, wo man keine Zuschauer mehr sieht, weil für diese Logen die Bühne größtenteils unsichtbar ist.

Nun aber hat die vorteilhafte Lage meiner Logen bei der notwendigen Absicht, möglichst viel Menschen in das Haus zu schaffen, mich verleitet, ihnen eine möglichst große Tiefe zu geben, weil ich bei derselben stets sicher sein konnte, daß jeder sehen und hören würde. Hieraus entstand der Balkon, um dessen Plätze sich die Leute reißen, und die hinter demselben höher liegende Loge, in welcher größtenteils 3 Sitzreihen hintereinander sind.

Hier liegt nun das erste Gravamen. Man will nicht bloß das Schauspiel auf der Bühne sehn, sondern selbst Schauspiel geben, und obgleich für solche der Platz auf dem Balkon nirgends eingerichtet ist, so scheint dieser für die Masse derjenigen, welche hierzu Lust haben, nicht hinzureichen, und ein Teil derselben muß sich widerwillens bequemen, in einer Loge mit einem zwar ausgesuchteren, aber kleineren Publikum auf dem Balkon und in den benachbarten Logen sich zu begnügen.

In der ersten Zeit mochte auch ein jeder ins Schauspielhaus gegangen sein, weniger um die Bühne als die Architektur des Hauses selbst zu sehn, welches aus den hinteren Plätzen der Logen nicht möglich ist und wodurch bei denen, die diese grade innehatten, ein Mißbehagen erzeugt ward.

Zu diesem kam die von dem Könige selbst befohlene Anordnung der ganz verschlagenen Logen, die in der heißen Jahreszeit, in welche die Eröffnung des Hauses fiel, etwas Beängstigendes hatte.

Nachdem der König nachgegeben hat, einige dieser Scheidewände wegnehmen zu dürfen, und die kühlere Witterung mehr geschlossene Räume suchen läßt, hört alles Gerede auf; man findet sich schon ganz behaglich in der neuen Einrichtung, ja bei der Kasse ist schon häufig ein stärker[e]s Gesuch nach den paar übriggebliebenen abgeschlagenen Logen als nach den offenen.

Die Menge der Luftzüge, welche ich überall in den Logendecken anbringen ließ und die späterhin bei heißen Tagen sehr gute Wirkung taten, werden jetzt allmählich von den Logeninhabern verschlossen, und so findet und gewöhnt man sich in die Heimlichkeit ganz wohl, und ich bin überzeugt, daß der kommende Winter die Vorzüge eines solchen Lokals gegen die unheimliche Weite unseres großen Opernhauses erst recht deutlich machen wird.

Aber nun kommen noch Gravamina, denen ich nichts entgegenzustellen weiß; diese werden noch eine Zeitlang fortdauren, während jetzt schon das Publikum im ganzen völlig zufrieden und glücklich im neuen Lokale ist. Diese Gravamina kommen von einer Gattung sehr langweiliger Gewohnheitsmenschen, welche deshalb mit allem unzufrieden sind, weil es anders ist, als sie es seit so langen Jahren gekannt haben. Unter diesen sind mir namentlich einige bekannt, die, täglich das Schauspiel besuchend, einen festen Platz seit Jahren darinnen behaupteten und welche prätendieren, man hätte ihnen einen ganz gleichen Platz mit ganz gleichen Umgebungen, Nachbaren pp. in die neue Einrichtung hineinsetzen sollen; da man hierauf nicht Rücksicht genommen, so ist nichts recht, und jede Gelegenheit wird benutzt, der Sache etwas anzuhängen. Mit diesen Leuten aber wird man wohl fertig, da alles Übrige sich schon gegeben hat und man im ganzen die Genugtuung hat, daß man sich nicht verrechnete; auch könnte man wohl glauben, daß das Publikum uns Dank wissen sollte, ihm einige so ennuyante, ganz stabile Abendgestalten aus den Augen gerückt zu haben, die ihm den Genuß am Schauspiel entweder durch ihre geschmacklosen Beifalls- oder Mißfallsgebärden oder durch das Kopfnicken beim Schlafstündchen, welches sie pro publico abhalten, so oft geschmälert haben.

Dies, mein teuerster Freund, sind etwa die Deduktionen der mir bekannt gewordenen Ausstellungen, welchen hin und her abzuhelfen seitdem auch manche kleine Änderung gemacht wurde, die jedoch in der Architektur und innern Ansicht des Gebäudes keinen Einfluß gehabt hat und deshalb vom Publikum auch gar nicht bemerkt wurde. Was sonst etwa der Neid oder die bekannte Tadelsucht der Menschen Unhaltbares vorgebracht, wollen wir nicht so ernstlich nehmen, weil es sich täglich in anderer Gestalt zeigt, je nachdem die Laune herrscht; darüber bin ich vollkommen getröstet und lasse mich nicht irremachen.

Freundschaftlichst

der Ihrige

22. Oktober 1821. Schinkel.

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