04.08.2016

Briefwechsel J.W.v.Goethe und C.F.Zelter: An Goethe 20.07.1819 (327)



328. An Goethe 20.07.1819

Wien, Dienstag, den 20. Juli 1819. 

Vorigen Sonnabend bin ich hier, nach einer Wasserfahrt auf der Donau von Regensburg her, welche 6 Tage gewährt hat, angekommen. Die Donau ist, besonders von Linz an, so schnell, daß das Schiff die ganze Reise (von 60 Meilen) in höchstens drei Tagen machen könnte, wobei des Nachts angelegt und geruht wird. Ein Ordinareschiff wird durch das Mautwesen tagelang aufgehalten. Von Linz an hat unser Schiff in zwei halben Tagen 30 Meilen zurückgelegt. Doch war mir’s so lieber, weil man mehr Gelegenheit hat, sich umzusehn und ruhiger zu genießen. Die Menge der Strudel, unter welchen der »Saurüssel« der prächtigste ist, machen bei vorsichtigen Schiffern die Wasserreise zu einem Feste, das ich wie einen kaiserlichen Schmaus eingenommen habe.

Die Bauart eines solchen Ordinareschiffs ist so lächerlich leicht, daß man es, ehe man die Gefahr weiß, gleichsam besteigt, um zu sehn, was aus dem Spaße werden will. Es ist aus lauter Fichtenholze mit Axt und Säge wie eine Art Modell gezimmert, ohne Eisen, Tauwerk, Hanf, Teer, Pech, Anker, oder was sonst ein Schiff fahrbar macht. Ein einziges Seil zum Anlegen ist auf dem Schiffe. An Mast und Segel ist nicht zu denken, weil das Gefäß den Weg der Israeliten ins Gelobte Land nachahmt. Die Fugen sind mit Moos ausgestopft und mit Draht ordentlich zusammengenähet. Es trägt 2000, schreibe Zweitausend Zentner, ist 120 Fuß lang und 16 bis 17 Fuß breit, und kein Wasser dringt ein.

Meine Reisegesellschaft bestand in einem Doctor medicinae aus Irland, einem teutschen Kupferstecher, der ganz wunderliche Reden über die Kunst hielt und an Mund und Kinn nach Art des Mittelalters bebartet war, einem Apotheker, einem Fleischer, einem Schwertfeger, einem Kapuziner, Frauen, Kinder[n], Huren, Handwerksburschen und — meiner Wenigkeit.

Die Handwerksburschen, welche wenig oder nichts für die Fahrt bezahlen, verbinden sich, von 2 Stunden zu 2 Stunden die Ruder zu ziehen, wozu sie sich etwas faul anstellten. In der Morgen- und Abendkühle ging auch ich mit an dies Geschäft, wodurch die Sache in Gang kam und zuletzt auch Frauen und Mädchen an der schweren Arbeit teilnahmen. Ein Schneider ward davon dispensiert, wofür er uns die Knöpfe an Hosen und Röcken festnähen, Unterfutter und Taschen ausbessern mußte, und einige Mädchen wuschen uns Strümpfe und Taschentücher aus.

Diese bunte Kompanie war bald so lustig und frisch, daß die 6 Tage wie 6 Stunden verflogen sind. Die Schiffer hatten das beste bayrische Bier bei sich, Fleisch und Brot und Wein konnten wir alle Morgen frisch einkaufen und kurz, wir hätten auf diese Art bis Peterwardein fahren können, ohne daß uns etwas abgegangen wäre. Von Mautquälereien habe ich an meinem Teile wenig auszustehen gehabt.

Sonnabend nach meiner Ankunft ging ich sogleich ins Theater am Kärntner Tore. Die Oper »Othello« von Rossini ist eine neue heitere Musik, die ich hier zum ersten Male recht gut ausführen hörte. Der Komponist hat den Dichter laufen lassen und irgendein Gedicht in Musik gesetzt, daß man sich aus dieser Musik recht gut selber zusammensetzen kann. Er ist ohne Zweifel ein Mensch von Genie und weiß die Mittel zu gebrauchen, welche er hat, ohne wie Gluck erst an die Erfindung der Instrumente zu denken, die seine Musik spielen sollen. Die Musik hat Crescendos, die ans Große reichen, er kann sich gehn lassen, und endlich kommt der Gedanke recht gut hervor. Er spielt mit den Tönen, und so spielen die Töne mit ihm.

Sonntag ins Marinellitheater. Es wurden 3 Stücke gegeben: 1) »Die Werber«, 2) »Die Damenhüte im Theater«, 3) eine Pantomime: »Schulmeister Beistrich, oder Das Donnerwetter«. Noch heut tut mir die Brust weh vom vielen Lachen. Die Stücke sind — unter dem Gemeinen. Die Schauspieler und das Publikum zusammen machen das Stück. Das Geringste, was gelingt, findet lauten Beifall, und was nicht gelingen will, rutscht vorüber. So sind die Spieler in beständiger Bewegung und genießen so gut wie die Hörer und weit mehr. Ein solches Zigeunerpläsier ist nicht zu beschreiben. Die Kinder fangen schreiend an zu klatschen, und alles schreit und klatscht mit. Nach dem Stücke wird vor gerufen, was Beine hat. Und nun geht ein neues Stück an. Die Schauspieler bedanken sich, indem sie ihre Rollen fortsetzen, und nun kommt erst ihre individuelle Persönlichkeit ganz hervor. Das Theater ist immer voll, wenn nicht anfangs, doch gewiß gegen das Ende, wenn alles aus dem Prater zurückkommt.

Der erste Komiker heißt Ignaz Schuster: ein Mann, von Gott geschaffen, vom Kopfe bis zum Schwänze. In dem Kerl wohnt kein unwahres Wort; eine Stimme breit wie ein Brett und scharf wie Essig und glatt wie ein Aal.

Man sieht hier recht, warum dies Volk nicht politisch ist. Es will jede Minute leben und genießen, und das tut’s. Die Politik kommt von der langen Weile und geht zur langen Weile. Aus dem Schauspiele gehn sie essen, morgens in die Messe, an die Arbeit, jeder seinen Weg, aus einem Schauspiele ins andere. Laßt sie gehn! Klüger werden sie nicht, waren sie nicht. Sie begreifen nur sich selber, und sie könnten recht haben, weil sie recht behalten.

Mittwoch, den 21. Ich habe diese Nacht in einem Dorfe (Hierzingen), dicht an Schönbrunn, zugebracht, woselbst man von einer Anhöhe (die »Gloriette«) das ganze Wiener Tal übersieht. Schönbrunn selbst ist in einem guten französischen Geschmacke angelegt und hat mich an Sanssouci erinnert. Der botanische Garten wird sehr gerühmt. In der Menagerie habe ich einen Elefanten größter Art gesehen: ein prachtvolles Tier! einen Strauß und ein Beuteltier: die schönsten Exemplare. Viele Käfige sind endlich leer, weil die Anstalt nicht fortgeführt wird. Ein zweites Stück im Theater Marinelli (»Der lustige Fritz«), das mir stark empfohlen war, wollte nicht gelingen. Es ist ein Lieblingsstück des Publikums, doch aller gegenseitiger guter Wille vermochten es nicht flottzumachen.

Donnerstags. Gestern abend habe ich die 4. Oper von Rossini: »Die diebische Elster« gehört. Das Sujet ist allerliebst und hätte können was Rechts draus gemacht werden. Es gehört eine lustige Person hinein, die der Dichter vergessen hat. Dafür ist das Rührende überwiegend, welches wieder der Komponist vergessen hat geltend zu machen. Im ganzen ist jedoch die Musik geistreich, mutwillig bis zur Unkeuschheit und grenzt hierin an Mozart, der jedoch mehr verwegen und tief ist. Die Singerei war nicht zu loben, doch hat sich die Menge alles gefallen lassen wollen, weil sichtbar jeder tat, was er konnte.

Der Prater ist ein Lustgarten, wozu durchaus eigene Equipage gehört, und dann ist dies ganze Land ein Lustgarten. Man sagt mir: es sei nicht mehr, was es war, und wo wäre es denn noch, wie es war? — Für solche Ansichten bringt der Fremdling keinen Sinn mit, und ich bin froh, wenn ich den Berliner loswerden kann. Ja man beklagt manches, wodurch man sich sonst gedrückt fühlte.

Zu den größten Bequemlichkeiten dieser Kaiserstadt gehören die Fiacres. Ich, der ich mich täglich mehrmalen in der labyrinthischen Stadt verirre, weiß dadurch immer wieder zu Hause zu finden, zumal abends aus den Theatern, die stundenweit auseinander liegen.

An die Stelle einer höhern geistlich-geistigen Polizei, welche sonst durch Heiligenbilder und Kapellen repräsentiert worden zu sein scheint, steht jetzt und zwar überall ein Polizeidiener, und man muß sagen, daß diese Leute ihren Dienst kennen; sie erscheinen wandelnd, indem sie immer an einer Stelle sind und den Vorübergehenden aus dem Wege treten, denen sie doch eigentlich im Wege sind.

Man hatte mir gesagt, daß ich im Garten zu Schönbrunn den jungen Napoleon überall im Freien antreffen würde, was jedoch nicht zutraf. Wir bemerkten aber bald, indem wir die schönen Gänge durchstrichen, daß wir überall von fernher beobachtet wurden, bis der Abend unserer Wanderung ein Ende machte.

Die Stephanskirche, welche ich täglich mehr als einmal besuche, ist ein überaus tüchtiges Gebäude, vorzüglich von innen, abgerechnet, was die neuere Zeit hineingeflickt hat und sich recht gut absondern läßt: ein großer andächtiger Raum, der nichts zu wünschen läßt, da jede Begierde heruntersinkt. Der Turm läßt sich kaum beurteilen, weil es zwei solche Türme sein müßten; so hat er etwas Zapfenartiges, das nicht den besten Eindruck macht. Die Ausführung der Teile übersteigt allen Glauben, so auch die Kanzel. Oben bin ich noch nicht gewesen, die Hitze ist so groß, daß mich die geringste Bewegung unter Schweiß setzt.

Salieri ist die bravste Haut von der Welt und noch immer fleißig, auf die kindlichste Art. Er hat über 40 Opern geschrieben. Er ist 69 Jahr alt und hält sich für außer der Mode, was er nicht nötig hätte; denn sein Talent fließt noch, und von seinen besten Schülern steht keiner über ihm.

Abends. Den »Titus« von Mozart habe ich eben gesehen und gehört, und ich darf wohl sagen, daß er in Weimar besser gelang. Lauter Sängerinnen (4 an der Zahl), die sämtlich Großmütter sein könnten, doch alle von guter Übung. Die Campi muß in ihrer Jugend trefflich gewesen sein; jetzt kommt sie mir vor, als wenn sie schon im Mutterleibe alt gewesen wäre. Solch ein Titus soll denn auch noch geboren werden, der in alle Mädchen verliebt ist, die ihn alle totschlagen wollen. Sonnabend, 24. Gestern abend — ja so: gestern früh habe ich mir für 26 fl. einen Regenschirm gekauft; mit diesem im Gedanken ging ich nach Essens in den Prater und bin naß worden wie ein Pudel, denn die Maschine hatte ich zu Hause gelassen. So ging ich ins Marinellitheater, um mich wieder trocken zu lachen. Nun stelle Dir mein Elend vor. Der »Verlorne Sohn« (so heißt das gestrige Stück), dachte ich, der kann lachen und lachen machen: gefehlt! Dieser verlorne oder vielmehr verfrorne Sohn ist ein — moralisches Melodram mit Chören und Tänzen. Ein großer Schlingel und hat eine Frau und gar nichts gelernt und kommt daher um alles, und im 4. Akt schließt das Stück; der Sohn wird wieder glücklich, anstatt eines Produkts, der ihm eigentlich zukommt.

Zu meinen alten Bekanntschaften gehört die des Dichters Carpani, welchen ich anno 181 o in Teplitz kennen lernte; da dieser gute Alte jedoch kein Wort Deutsch spricht, so muß ich Italienisch reden, was jedoch besser geht, als ich nach so langer Pause vermutet habe. Du wirst Dich des Carpani erinnern, wenn ich Dir sage, daß er ein Büchlein »Le Haydine« geschrieben hat, worin hübsche Sachen über den alten Haydn stehn.

Von Weigl habe ich manches über Mozarts Jugend und seine letzten Jahre erfahren, das mir interessant ist. Weigl ist ein hübscher fettlicher Lebemann. Seine Arbeiten sind rein, gemäß, natürlich und haben Charakter. Mittlere Zustände gelingen ihm am meisten, und was er wirkt, wirkt er bei Lebzeit.

Der Contreviolon wird hier schrägliegend gespielt, so daß der Spieler dabei sitzt. Ich habe keine verminderte Wirkung davon bemerkt und wünschte diese Methode allgemein zu sehn. Die verfluchten Gänsehälse mit ihren Stacheln blessieren mir das Auge. Dagegen sind die Souffleurkasten hier wie überall so groß und hindern das Auge, sich ein Zentrum zu finden; kommt dazu noch der übermäßig hohe Sitz des Musikdirektors mit seinen Faxen, so weiß man in der Tat nicht, warum solche Unanständigkeit erlaubt wird.

Das Burgtheater wird hier sehr gelobt, hat aber Ferien bis zum ändern Monat. Ich denke, von Baden dann und wann herüberzurutschen, und dann soll auch dieses uns bekommen. Das Theater an der Wien ist ein hübsches und nicht kleines Haus, es hat 5 Reihen Logen, ohne die Parterrelogen. Man hört gut, sieht gut, und es ist einem wohl darin.

Das Marinellitheater (»Leopoldsstadt« oder »Kasperl«) ist auch artig mit 3 Logenreihen; die Sitze sind jedoch unmäßig eng, ich kann meine Knie nicht lassen. Im Theater am Kärntner Tore geht’s am besten, die Musik ist hübsch, komplett und schicklich, nur werden die Operisten zu sehr angegriffen oder abgegriffen, weil alle Tage Oper und Probe, öfter aber 2 Proben sind. Das halten sogar die Instrumente weniger als die Menschen aus. Die Orchesterleute sind unter allem Begriff schlecht gehalten, und manche verzehren im Orchester ihr Mittags- und Abendbrot, weil sie sonst keine Zeit dazu haben. Auch Weigl klagte über Beschwerlichkeit des Dienstes, wobei er noch zu komponieren hat.

Montag, den 26. Gestern habe ich nun (an einem Sonntage) den Prater im Sonntagsstaate gesehn. Vier Reihen der schönsten gesunden alten Kastanienbäume formieren 3 Alleen, welche von der Leopoldsstadt anfangen und eine halbe Stunde in gerader Linie bis an die Donau führen. Die mittelste ist 45' breit zum Fahren, die beiden Seitenalleen 24' breit für die Fußgänger. Nun bewegen sich mehrere hundert Equipagen, zum Teil von der größten Pracht, und Fiacres in der Mitte, und daneben die Fußgänger, Gruppen, paarweise und einzeln, so anmutig durcheinander, daß es eine Lust ist, so viele schöne geputzte Frauen und Männer in größter Charakterverschiedenheit wie ein Schattenspiel bei Tage passieren zu sehen. An den Seiten sind Kaffeehäuser und Ruhestellen im Schatten der schönsten Baumgruppen, alles musterhaft reinlich, sauber, nett. Man setzt sich. Aus dem Gebüsch auf den Seiten ertönt Musik, bald ist man in der Oper, bald auf dem Ball, dem Paradeplatz. Der Kaffee kommt, dabei Gebäck. Ein Kind präsentiert Blumen, ein hübsches Mädchen bringt frisches Krystallwasser, ein altes Weib Zahnstocher; dies alles wird mit kupfernen Kreuzern honoriert, die man froh ist, auf so gute Art wieder loszuwerden, weil sie schwer sind wie das Gewissen und die Taschen bis auf die Füße ziehn. Diese Allee ist es jedoch nicht allein, was den Prater formiert. Eine zweite und dritte Allee ähnlicher Art breitet sich von der Leopoldsstadt fächerartig gegen die Donau (es ist ein Arm der Donau) hin. Hier ist gleichsam der andere Pol des Planeten: das eigentliche Volk. So wie die Räume gegen die Donau zu breiter werden, erscheinen in diesen Räumen Erfrischungsplätze, wo gleichfalls Bier, Wein, Essen und (außer Kaffee) Getränk aller Art, Eis und so weiter zu haben sind. (Kaffee dürfen nur die 3 einzigen Kaffeehäuser in der großen Allee par excellence schenken.) Diese zweiten Erfrischungsplätze sind jedoch in solcher Anzahl und unmittelbar beieinander, daß die Gäste des einen Wirts von den Gästen des ändern nicht zu unterscheiden sind und man in Gefahr sein könnte zu verzehren, was ein anderer bezahlt hat. Hier nun ist das eigentliche Wien: zwischen diesen Tischen und Sesseln und Schenken und Tabakspfeifen, Karussellen und Orchestern streift nun alles bequem und fröhlich einher. Man geht, man bleibt, man kommt, man erkennt sich, es ist eine ununterbrochne Ruhe und Bewegung zugleich. Nirgend eine Verzäunung, ein Hindernis; denn die Besitzer der Häuser sind zwar Eigentümer, doch der Grund und Boden gehört dem Kaiser und darf nirgends abgegrenzt werden. Der Eindruck dieses Wesens nun (Gewühl möchte ich’s nicht nennen) ist ein leises Vergessen. Ich wüßte mich nicht zu erinnern, daß ich gedacht oder bemerkt hätte, und was ich hier schreibe, erfinde ich eigentlich, ohne sagen zu können: so ist es, so war es. Was die Sache endlich zu einem wahren Sonnenanblick macht, ist — die Menge der behaglichen Physio[g]nomieen aller Art, die heut, mit ihrem Gott versöhnt, die Welt ansehn, wie sie sie gern haben. Da ist kein Mann, kein Weib, kein Alter, keine Jugend, wie sie sein sollte. Es ist eine Idee in der Existenz, wie es eine Existenz in der Idee ist. Den ersten Tag, als ich ins Theater trat, stimmte ein Violinist sein Instrument. Der Kellner trat ins Parterre und sang in dem Tone des Violinisten:

Noten

und nun stimmte das Orchester nach dieser Melodie; ich habe so laut darüber gelacht, daß die ändern Anwesenden mich wie einen Verrückten angesehn haben. Mögen sie von mir denken, was sie wollen; was mir hier nicht gefällt, habe ich zu Hause ebensogut und hoffe es wiederzufinden.

Dienstag. Gestern abend war zur Feier des Annentages groß Feuerwerk im Prater. Der gute Feuerwerker hat das Unglück, in der Regel schlechtes Wetter zu treffen, woran das ganze Publikum den größten Anteil nimmt, weil es ebensogern ein solches Schauspiel sieht, als der Künstler es macht. Nun war gestern die günstigste Witterung von der Welt. Es hatte abgeregnet und war kein Staub, kein Abendnebel, kein Lüftchen und ein dunkelpurpurblauer Abendhimmel. Die Raketen gingen schnurgrade in die Höhe, und alles geriet aufs beste. Zwei Hauptdekorationen waren: die erste zu Ehren der schönen Frauen und die letzte mit dem Namen der heiligen Anna geziert. Die Sache hatte etwas Großes, was bei einem Feuerwerke nicht leicht erreicht wird wegen der Unendlichkeit des Raums, den die Nacht hervorbringt. Das Gerüst, welches immer in diesem Gebrauch feststeht, ist zwischen 80-90' hoch und etwa 160 bis 180' lang.

Die Logen um dies Gerüst her dreimal erhöht, in deren Mitte die kaiserliche Loge sich erhebt, fassen leicht 1000 und mehr Sitzende. Dazwischen das Parterre konnte wohl, denn es stand Kopf an Kopf, 30 000 Zuschauer halten. Die Frauen sämtlich schön geputzt, wie sich denn dies Geschlecht hier sehr zierlich und höchst anständig kleidet. Was auch diesem Anblicke aufhilft, ist die große Zufriedenheit mit allem und wie es jedem in stiller Tiefe wehtut, wenn etwas nicht aufs beste gelingt, und wie alles auf jauchzt, wenn das Gelungene wieder erscheint.

Dies scheint das einzige Vergnügen zu sein, wobei die Österreicher die Musik nicht vermissen, welche einem hier überall im Wege ist. In Karlsbad versicherte mich ein Musikus: es sei ein saures Brot. Ich sagte dagegen: die Musiker seien dennoch besser daran als die Gäste. »Wie so?« fragte er. Sie könnten doch, antwortete ich, ohne Musik essen. Der gute Mensch ging beschämt von mir, und er tat mir leid, wiewohl meine Rede ganz am Orte war; denn es ist in der Tat hart, Patienten und Genesende auf diese Art zu quälen. Ich kann wohl etwas ertragen. Doch wie ich aus der Oper komme und mich an den Tisch setze, quält sich eine Harfe oder Gurgel, mir das eben Gehörte oder Genossene noch einmal nachzustochern: das ist — zu viel — und ich Armer vergesse zu bedenken, daß dies Geschreibe auch zu viel ist. So lebe denn wohl und grüß’ die Deinen von Deinem ewigen             Z.

Die Donau ist eben in der größten Pracht. Mehrere Schlagregen und Schneewasser aus dem Gebirge erhöhen ihren Anblick, sie schießt wie ein Pfeil. Mit Salieri fahre ich soeben über Land. Gott befohlen!

Donnerstag, den 29. Juli. Mit dem alten Salieri habe ich vorgestern den angenehmsten Spaziergang nach Schönbrunn und von dort zurück gemacht. Dieser alte Geselle sitzt noch so voll von Musik und Melodie, daß er in Melodieen spricht und gleichsam nur so verstanden wird. Es ist mir das größte Vergnügen, diesem echten Naturelle nachzuschleichen und ihn immer wahr zu finden, wie er ewig vergnügt ist. Auf diese Betrachtung komme ich eben zurück, da ich mir die Partitur des neuen Requiem von Cherubini habe bringen lassen. Eine Musik, die bei jetziger verschrobener Zeit überall gefallen muß und gefällt, eben weil kein wahres Wort und doch alles — allerliebst ausgedacht und hervorgebracht ist, denn von einer »requiem aeternam« ist auch kein Gefühl anzutreffen. Der Komponist ist nur bedacht gewesen, im Gedichte die Stellen aufzusuchen, wo er poltern kann: »Dies irae« — »mors stupebit« — »rex tremendae majestatis« — »flammis acribus«, und die Zwischenzeiten mit gemäßigter Unruhe auszufüllen; kurz die Nebensache ist hier die Hauptsache, und das Ganze erscheint, als wenn einer beständig und leidenschaftlich: »Nein!« sagte und dazu mit dem Kopfe nickte. Ebenso lügenhaft und verwirrend ist eine Rezension dieses Werks, welche vor mir liegt: der Komponist ist bis an den Himmel erhoben und wieder herabgesetzt als einer, der mit Mozart habe in die Schranken treten und mit ihm wetteifern wollen, da es doch Mozart besser gemacht habe; als wenn nun nach Mozart niemand mehr komponieren, sterben oder Ruhe finden dürfe! Auf diese Ansicht sind alle neueste Lehrbücher gebaut und die alten dagegen geradehin verworfen, und das ist die jetzige Gestalt der Kunst.

Nun ist es rührend, den guten Salieri dabei zu beobachten, der diesen Zustand ohne den geringsten Schmerz verehrt und für einen Fortschritt in der Kunst ansieht, der ebenso nötig als für ihn unerreichbar ist. Dabei schreibt er nach seiner gewohnten Art noch immer fort, unwissend ironisch und humoristisch, und spinnt sich ein wie ein Seidenwurm. Er hatte sich ein Requiem gemacht, wovon er mit Genuß spricht, weil er seiner anno 1807 verstorbenen Frau bald nachzufolgen glaubte; da dies aber noch nicht geschehen ist, so hat er sich nun ein viel kürzeres komponiert und meint: das sei gut genug für ihn. Ich habe eine Messe und ein Offertorium von ihm vom Jahre 1766 mit seiner Erlaubnis kopiert, welches den allerbesten Werken des 17. Jahrhunderts dieser Art in Italien nicht nachsteht. Es ist fromm, klar, rein und erhebend und nach den praktischen Forderungen der Kunst und der Kirche gemacht. Du hättest seine kindliche Freude sehn sollen, als ich ihm beim ersten Anblicke dieser Stücke darüber etwas Begreifliches zu sagen wußte, indem Er die Sache aus der Tradition weiß und ich sie durch Beobachtung und Studium habe erst erwerben und sie mir zuletzt klarmachen müssen; denn die Lehre von den Kirchentonarten ist mit der Kirche selbst verschollen.

Beethoven, den ich gern noch einmal in diesem Leben gesehn hätte, wohnt auf dem Lande, und niemand weiß mir zu sagen: wo. Ich war willens, ihm zu schreiben, man sagt mir aber, er sei fast unzugänglich, weil er fast ganz ohne Gehör sei. Vielleicht ist es besser, wir bleiben, wie wir waren, da es mich verdrießlich machen könnte, ihn verdrießlich zu finden.

Unter hiesigen Virtuosen auf dem Fortepiano zeichnet sich eine Madame Cibbini (Tochter Kozeluchs) aus. Das Spiel an sich selbst für etwas genommen, gehört sie zu denen, die sich hören lassen. Was man hier Ausdruck nennt, sind mir böhmische Dörfer, da mir der Eindruck abgeht, und ich höre immer lieber rasch, rein, rüstig, deutlich, rund und klar spielen als das ewige Drücken, Picken und Nicken, als den Ausdruck von nichts zu nichts, den sie Gefühl nennen. Diese ewigen Sonaten (grandes sonates), die zwischen Himmel und Erde, zwischen Kontra-C und viermal gestrichen A schweben und zappeln wie der Dieb im Galgen, machen mir schlechten Humor, weil man doch am Ende immer bravo! rufen soll und Gott dankt, wenn’s überstanden ist.

Freitag. Madame Cibbini habe ich gestern wieder gehört. Es ist in der Tat Außerordentliches, was sie leistet: nett, sicher, gehalten, und kurz — meisterhaft! Jeder Finger scheint 5 Sinne zu haben, und alle 50 zusammen formieren eine Anarchie, die nicht gefälliger sein kann. Und doch soll diese Madame Cibbini noch von ändern übertroffen werden. Das lasse ich mir alles geduldig erzählen, denn ich versteh7 es in der Tat nicht.

Vorgestern erzählte man hier: der Gr. H. v. W. sei auf einer einsamen Reise zwischen Schwalbach und Ems von vermummten Leuten angehalten und mit dem Tode bedroht worden.

Die Berliner Zeitungsartikel machen jetzt das Gespräch des Tages, weshalb ich denn auch die hiesigen Zeitungen lese, die außerdem die höchste Keuschheit an sich haben.

Morgen abend bin ich nun schon zwei volle Wochen hier und habe noch kein Museum, keine Galerie und nichts von den Anstalten gesehn, durch welche Kunst und Wissenschaft in Raum und Rahm gefaßt werden. Wenn ich alle Tage die Donau sehe und die unendliche Stadt durchwandre, habe ich genug und bin so müde, daß ich in dem schlechtesten Bette aufs beste schlafe. Wien ist in der Tat eine prächtige Stadt: durch die Vorstädte. Diese Kenntnis kostet in der Hitze manchen Schweißtropfen. Man kann freilich fahren, was auch geschieht, doch nicht unterrichtend und im ganzen sehr kostbar ist, wer den Handel nicht versteht — wie ich. Das österreichische Volk ist von der gefälligsten Naivetät und scheidet sich so rein ab von den sogenannten höheren Ständen, daß diese im eigentlichen Nachteil erscheinen.

Wenn zum Exempel das österreichische Deutsch kein gutes Deutsch wäre, so ist es doch gewiß ein[e] Sprache, worin man sich mit einer Leichtigkeit bewegt wie der Fisch im Wasser, da die Vornehmen hingegen immer ungewiß erscheinen, was und wie sie reden sollen; wiewohl sich nicht leugnen läßt, daß hier viel und gut Italienisch und Französisch gesprochen wird, was auch natürlich wird, wenn man den Zusammenfluß aller Nationalitäten dazunimmt, welche sich hier vereinigen.

Mit der Musik weiß man sich hier was, und das in Betracht gegen Italien, das sich für die seligmachende Kirche hält. Sie sind aber hier wirklich tief gebildet. Sie lassen sich zwar alles gefallen, doch nur das Beste bleibt sitzen. Sie hören gern eine mittelmäßige Oper, die gut besetzt ist, aber ein treffliches Werk, wenn es auch nicht zum besten besetzt ist, bleibt ihnen aufgehoben. Beethoven ist bis an den Himmel erhaben, weil er es sich wirklich sauer werden läßt und weil er lebt; doch wer ihnen den nationalen Humor wie eine unvermischte Quelle, die keinen ändern Strom aufnimmt, vorüberführt, das ist Haydn, der in ihnen wohnt, weil er aus ihnen kommt. Sie scheinen ihn alle Tage zu vergessen, und täglich lebt er ihnen wieder auf.

Baden, den 2. August. Der Kaiser ist gestern abend in Wien und ich hier in Baden angekommen, wie ein Müllerknecht, denn dieses Staubland entspricht vollkommen der Beschreibung, die man mir davon gemacht hat.

Wie aber soll ich Dir genug danken für Deine »Morphologie«, die ich mit dem größten Anteil durchkaue und mir auf die Klanglehre anwende, dann auf die Gedanken- und Erfindungslehre gerate. — Wie das alles natürlich zugeht und was Dein verehrter Freund August Friedrich Wolf sagen wird, wenn er im »Hafis« auf der 379. Seite die obersten Zeilen lesen wird! Ich komme vom Hundertsten ins Tausendste, weil ich bald hier bald dort lese, was mir ganz unendliches Pläsier macht, weil bei dem zerstreuten Leben hier mir alles auf einmal einfällt.

Am Sonntage habe ich die Bildergalerie des Fürsten Esterhazy gesehn, die sehr schöne Sachen enthält: Leonard da Vinci, Rafael, Tizian, Dürer, Eyck, Rubens, Bellin, Poussin und wieviel tüchtige Arbeiten nebeneinander, die weit in die Hunderte gehn, zieren eine Folge von Gemächern. Einige Marmor von neuern Künstlern, Canova, Rudolf Schadow, und Vasen mit erhobener Arbeit sind hübsch verteilt. Daß ich noch nicht mehr solche Sachen gesehn habe, liegt an mir. Von den Kupferstichen habe ich nicht eins gesehn. Es macht mich stumm und dumm, diese Trefflichkeiten so im Vorübergehn auf einmal zu beschauen; ja ich schäme mich meiner Unwissenheit und ärgere mich, wenn der Bärenführer sagt: »Sehn Sie die schönen Köpfe! welche Hände! welch ein Baumschlag!« und so weiter.

Heute, den 3. August, starb mein edler Fasch. Bin ich mit solchem Manne im Leben jahrelang Ein Rat und Ein Wille gewesen, so freut es mich, heut nach 19 Jahren sagen zu können: Sieh her, alter Freund und Meister! dein Werk steht noch, fördernd, gefördert, geschätzt, und Gott sei Dank, daß ich war und bin, es dir und mir und der Kunst erhalten zu haben! Man merkt doch nach Jahren, was ein gesunder Gedanke ist.

Den 9. August. Um mir etwas Neues zuzulegen, bin ich vorgesern bei dem hiesigen Buchhändler Ulrich gewesen, wo ich den Nachdruck Deiner Schriften und darin die Biographie des Philipp Hackert fand, die den 18. Band dieser Ausgabe vom Jahr 1811 ausmacht. Die Art, wie Du das Werkchen aus Fragmenten aufgefädelt hast, ist so eigen und leicht, daß ich meine Herzensfreude daran erlebt habe. Es war mir so gut als neu, weil ich es im Jahr 1811 zu Schweidnitz nur durchfliegen konnte. Solltest du noch ein Exemplar besitzen, so sei so gut, es mir nach Berlin mit Gelegenheit zu schicken. Hackerts jüngster Bruder, Georg, der Kupferststecher, ist mein sehr intimer Schulgenosse auf der Berliner Zeichenakademie gewesen, deren Direktor dazumal der gute Lesueur war. Wäre ich damals ein meiner Mutter weniger gehorsamer Sohn gewesen, so wäre ich mit Georg nach Neapel gegangen. Wie ich ihn beneidete, daß er einen Bruder hatte, der ihn zu sich rufen konnte, das weiß Gott. Die Zeit war eine andere, und das Bewußtsein meines geringen Talents lag so schwer auf meiner Jugend, daß ich mich nicht daraus hervorzuarbeiten verstand. Das Buch hat mir [ihn] und jene Zeit lebendig hervorgerufen und mich in diesem Augenblick 40 Jahre jünger gemacht.

Wenn ich diese unschuldige Zusammenfügung eines fruchtreichen Künstlerlebens gegen andere prächtig aufgestutzte Biographieen halte, wodurch das Große kleiner und das Wahre unglaublich wird, so erscheint mir recht klar, wieviel dazu gehört, um nicht zuviel zu wollen.

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