2016-08-06

Briefwechsel J.W.v.Goethe und C.F.Zelter: An Zelter 07.10.1819 (329)



330. An Zelter 07.10.1819

Wie soll ich Dir, mein trefflicher Freund, dafür genug Dank sagen, daß Du mich auf Deiner Reise durchaus als guten Gesellen mitgeführt und Dich mit mir beständig unterhalten hast, wie Deine kostbaren Blätter Zeugnis geben. Die erste Sendung erhielt ich in Weimar, die zweite in Karlsbad, die dritte hier in Jena, wo ich seit zehn Tagen wieder eingetroffen bin.

Nun aber habe ich dem regsamen Leben, an dem Du bisher Teil genommen, nichts entgegenzubieten; in Karlsbad, wo mir die Kur sehr wohl bekam, lebte ich vollkommen einsam, außer daß zuletzt Graf Karl Harrach durch seine Unterhaltung mich in den Wiener Strudel mit fortriß, so daß mir manches Mal Hören und Sehen verging und ich mich daher auf Deine lebhafte Darstellung recht gut vorbereitet fühle.

Übrigens gab mir die Freundlichkeit meiner Landsleute das angenehme Geschäft, mich auf vielfachen Dank vorzubereiten, den ich ihnen für größere und kleinere Feste, für geistige und verkörperte Gaben nach und nach schuldig ward, wie die Kenntnis davon in das verschlossene Böhmen gelangen konnte. Und so sind mir vier Wochen hingegangen, auch übrigens nicht unbenutzt, indem ich gar manches, was ich diesen Winter bearbeiten will, durchgedacht und schematisiert habe. Da ich das erstemal seit langer Zeit ganz allein war, so trug es viel bei, mich zu sammeln und meiner eigenen Feder zu vertrauen, wie ich denn seit mehreren Jahren nicht so viel geschrieben habe.

Ferner setzte ich mein altes Grillenspiel mit Felsen, Gebirgen, Steinbrüchen und Steinrütschen wieder fort, und bei dem schönsten denkbaren Wetter ging und fuhr ich in der ganzen Gegend umher. Ellenbogen besuchte ich zweimal, Schlackenwerth, Engelhaus, Aich waren nicht versäumt; überall Steine geklopft, so daß ich zuletzt die bekannte Müllerische Sammlung von hundert Stücken eben so, als wenn der gute Alte noch lebte, Zusammenlegen konnte.

Von menschlicher Einwirkung wüßte ich fast gar nichts zu sagen. Geheimer Medizinalrat Berends von Berlin, mein nächster Nachbar, gab mir ärztliche Sicherheit und manche verständige Unterhaltung. Grüße ihn, wo Du ihm begegnest.

Der große diplomatische Konvent ging drei Tage nach meiner Ankunft völlig auseinander. Einige der Herren habe ich noch gesprochen und sinne jetzt mit ganz Deutschland über die wichtigen Resultate dieses Zusammenseins.

Schreibe mir bald, daß Du in Berlin angekommen bist, und sage mir ja von dem Befinden Schadows das Genauste. Es war ganz nahe dran, daß er noch vor seinem gefeierten Helden hinabgestiegen wäre; freilich ist ein solches Unternehmen zwischen Berlin und Rostock schwieriger als mitten in Paris.

Nun lebe wohl und erwarte bald einige Sendung. — Daß Du meinen »Diwan« so teuer bezahlen müssen, geht mit in die Reisekosten; unterwegs, wo man das Geld am meisten braucht, scheint es weniger wert zu sein. Möchtest Du aus diesem Büchlein Dich wieder aufs neue erbaut fühlen. Es steckt viel drin, man kann viel herausnehmen und viel hineinlegen. Ein gutes Exemplar ist für Dich bestimmt. Außerdem schicke ich auch nächstens die Supplemente zur ersten Ausgabe, wodurch auch diese vollständig und brauchbar wird.

Was Du über »Mahomet« und »Tankred« sagst, ist vollkommen richtig; doch waren mir dergleichen abgemessene Muster zu meinen Theaterdidaskalien höchst nötig und haben mir unsäglichen Vorteil gebracht, weswegen ich ihnen nicht feind sein kann.

Und somit nochmals den besten Dank für Deine gehaltvollen Sendungen.

Treulichst

Weimar, den 7. Oktober 1819. Goethe.

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