2016-08-18

Briefwechsel J.W.v.Goethe und C.F.Zelter: An Goethe 24.02.1821 (364)



364. An Goethe 24.02.1821

Berlin, 24. Februar 1821. 

Fräulein Ulriken meinen sanften freudigen Morgengruß zuvor, damit er sich gegen Ende nicht wieder in die Tiefen des Herzens zurückziehe! und Du, alter Bergmann, der ihn ausgeschachtet hast, sollst ihn der Freundlichsten, Liebenswürdigsten, Verständigsten zu Füßen legen.

Ferner bemerke, daß Du vollkommen von unsern Zuständen unterrichtet bist, und daß die genannte Zerstreuung mir unter ändern am schlechtesten bekommt, hast Du auch erraten.

Wir haben eben Karnaval, bestehend in Opern, Redouten, Bällen, Konzerten, einigen bedeutenden Bankerotten, Essungen (wie Wolff zu sagen pflegt) und dergleichen.

Schinkels neuer Konzertsaal soll künftigen Dienstag durch Drydens »Alexanderfest«, von Händel in Musik gesetzt, eingeweiht werden, wobei ich denn auch beschäftigt bin.

Die letzte vergnügte Stunde gibt mir nun die Verheißung Deines Briefes vom 18. dieses, daß wir ein paar frische Ostereier von Dir zu hoffen haben. Schon von Jena her hatte ich davon gehört und präpariere mich gebührend darauf, indem ich die 3 Bände von »Dichtung und Wahrheit« ganz durchgelesen habe und jetzt schon an den 3. Teil des »Wilhelm Meister« anreiche, um der neuen Gabe ein frisches Gedächtnis zuzubringen.

Denke nur nicht, daß die Morphologischen Hefte an mir verloren sind, weil ich sie ohne Urteil und hieroglyphisch lese. Nach meiner Art bin ich in praktischer Beobachtung von innen heraus nicht ungeübt, wenn auch bei mir ein anderes Fazit entsteht, indem ich es als Samen nutze oder aufbewahre.

Gar gern sehe ich auch Dich, wie Du gleich einer Spinne deine Fäden nach allen Seiten anhängst und beobachtend in der Mitte schwebst, ja mir so, wie der Fliege, zuweilen furchtbar vorkommst.

Das Leben ist viel zu kurz, zweideutig und gemein, um im Zusammenhange zu erscheinen. So nutze ich Deine fragmentarischen Hefte, die ich ohne Anstrengung immer wieder ansehe und sie nach Zeit und Ort sondere, um mir wie ein alter Maurer Dein geliebtes Ganze daraus aufzubauen. Laune, Mutwillen, Derbheit und Scherz erfinde ich mir dazu als Locken- und Blätterwerk, um die Knäufe der Säulen und Pfeiler damit zu verzieren.

Das Bekenntnis unserer guten Epimeleia soll auch folgen; die in Teplitz entstandene Partitur davon ist aber nicht zu versenden, und ich muß eine neue machen, die auch wirklich angefangen war, als ein recht heftiges Augenübel von 5 bis 6 Wochen mich daran verhinderte. Nun sollte ich auch nachher in den trüben Tagen nichts Schreibendes und Lesendes vornehmen, darüber haben sich die gängigen Arbeiten angesammelt, und nun habe ich noch nicht in den alten Anteil hineinkommen können. Alles erscheint mir kalt und gleichgültig, doch die nächste gute Stunde soll zum Guten verwendet werden.

Z.

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