2016-08-12

Briefwechsel J.W.v.Goethe und C.F.Zelter: An Zelter 09.07.1820 (351)



351. An Zelter 09.07.1820

Meinen vorigen Brief hab’ ich mit einer Geschichte geendigt, diesen will ich mit einer ändern anfangen. Du erinnerst Dich vielleicht, daß mein »Prometheus« zuerst in Wien in Taschenformat herauskam; ich hegte ihn damals, als wir in Töplitz beisammen waren, noch im treuen Sinne, und Du nahmst gleichen Teil daran. Die Herzogin von Cumberland, von einer schweren Krankheit genesend, wünschte einiges vorgetragen, und ich nahm eben diesen »Prometheus« als das Liebste und Nächste; sie hatte große Freude dran, und das Exemplar in Taschenformat überließ ich ihr.

Nun, bei unserem letzten Zusammentreffen, sprach sie von jener Zeit und von dem Gedicht und wünschte sich ein so kleines Exemplar für eine Freundin, das ich denn freilich selbst nicht mehr hatte. Nun bin ich so glücklich gewesen, ein solches verlornes Schäfchen in Karlsbad wiederzufinden, bestimmte es ihr sogleich, muß es nun aber erst binden lassen, daß es durch die schönsten aller Hände durchzugehen einigermaßen würdig sei. Da sie Dir so oft von mir gesprochen, so dächt’ ich, es wäre artig, wenn ich es durch Dich an sie gelangen ließe. Sage nichts davon, melde mir aber Deine Sinnes- und Willens weise.

Vorstehendes liegt schon lange bei mir; ein Tag nach dem ändern geht vorüber, es wird viel getan, es begegnet aber wenig, und kaum wüßt’ ich etwas zu erzählen. Ein Heft von »Kunst und Altertum«, ein anderes zur »Naturwissenschaft« werden gedruckt, von denen Du auch Dein Teil dahinnehmen wirst; indessen ist das obengemeldete Büchlein fertiggebunden, und ich schick’ es geradezu, Du wirst es schon zu bestellen wissen.

Von dem Bild der heiligen Cäcilie wüßt’ ich nur soviel zu sagen: die Heilige steht in der Mitte und läßt die in der Hand habende kleine Orgel sinken, so daß die Pfeifen herausrutschen, wodurch angedeutet wird, daß sie die irdische Musik fahren läßt, wie sie denn auch nach der himmlischen hinaufschaut; die ändern Heiligen stehen ganz ohne Bezug auf sie, es sind sonst noch Schutzpatrone, der Stadt, der Kirche, des Bestellers, und haben kein Verhältnis untereinander, als das ihnen die Kunst des Malers zu geben wußte. Die »Madonna del pesce« ist ebenso zusammengesetzt. Der Besteller hat wahrscheinlich Tobias geheißen. Laß wieder bald von Dir und Deiner lebendigen Stadt vernehmen! Wenn ich unsichtbar oder unerkannt an Deiner Seite auf- und abwandeln könnte, so sollte mir’s zur großen Freude gereichen; jetzt bleibt es bei dem Wunsch, öfters etwas Erfreuliches von Dir zu vernehmen. In Weimar singen sie das Nepomuksliedchen mit vieler Freude; ich hab’ es noch nicht gehört, denn ich bin noch nicht hinübergekommen, da ich hier meine Tage ganz ungestört benützen kann; und doch kommt man nicht weit vorwärts. Von unzähligen Papieren, die ich über tausenderlei Gegenstände zusammengeschrieben, such’ ich das Brauchbare heraus. Ich sehe wohl, man kann freilich nicht eher redigieren, als bis man das Ganze übersieht, und alsdann geht die Arbeit nicht so rasch, die Kräfte nehmen ab und die Bedenklichkeiten zu.

Jena, den 9. Juli 1820. G.

Auch darf nicht unterlassen anzuzeigen, daß der Einsiedler von der Insel Elba in goldner Miniaturgestalt angelangt ist; die Leute sagen, Du seist der Vermittler dieser merkwürdigen Erscheinung, empfange daher meinen schönsten Dank.

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