2016-08-10

Briefwechsel J.W.v.Goethe und C.F.Zelter: An Goethe 1. Pfingsttag 1820 (343)



343. An Goethe 1. Pfingsttag 1820

Deinen Himmelfahrtsbrief, der gestern angekommen ist, lange sogleich im Namen des heiligen Paraklet zu beantworten an; denn heut ist »Pfingsten, das liebliche Fest«.

Zuerst also von gestern, das ist: von der ersten Probe des »Faust«, von der ich nicht viel mehr zu sagen weiß, als daß die heutige besser ausfallen wird. Die neuen Chöre: »Wird er schreiben?« und der Abfahrtschor gingen, trotz des spillerigen Stils, zum ersten Male nicht zu schlecht. Der Dilettant kann sich nicht verleugnen, indem er alles auf die Spitze stellt und gar zu viel ausdrücken will. Dem ist nun nicht zu helfen, weil ihm schon dies soviel Arbeit macht, daß er froh ist, nur einmal davon zu sein. Mit einem Chore von unserer Zucht wird ihm der Schaden gar nicht merklich; kommt er aber endlich damit auf ein wirkliches Theater, so werden sie es ihm wohl beibringen.

Ferner wurde die Szene mit dem Schmuckkästchen in Gretchens Stube zum 1. Male gegeben, und zwar nicht ohne einige Affektation von Madame Stich, welche, mäßig gesprochen, um die Hälfte zuviel tat. Das aber wird sich geben, denn sie ist eine Person, mit der man über solche Dinge noch wohl reden darf.

Das Zimmer war von Schinkel ausnehmend hübsch angeordnet, wenn es auch etwas kleiner hätte sein können. Das Fenster mit den Blumen, der Spiegelpfeiler, der Schrank, der Tisch mit seiner Decke, das Rädchen, das Bett, das Bild der Schmerzensmutter, das Kruzifix und so weiter waren so heiter und naiv aufgestellt, daß eben auf diesem Grunde ein hochtragisches Gretchen nicht zu Hause erschien.

Die Musik geht durch die ganze Szene ununterbrochen fort und hat die hübschesten Sachen in sich, ist aber eben deswegen störend, weil zuviel ausgedrückt worden, worunter das Auf- und Abwallen und der Fluß der Reden leidet.

Am wunderwürdigsten macht sich die Szene mit der Ratte; sie ist in der Tat schauerlich und durchaus nicht kleinlich, wiewohl sie vom Mephisto nicht einmal so gut gespielt wird als manches andere. Übrigens hat der Spaß nur von 6 Uhr an bis nach Mitternacht gewährt. Heut, denk’ ich, sollen wir leichter abkommen, wenn nicht die Unzahl der Anordner den Brei in die Länge zieht.

Die Herzogin von Cumberland mit ihren beiden Gemahlen war zugegen und hat sich mit Genuß und, wie es schien, um Deinetwillen alle Reprisen einer ersten Probe gefallen lassen. Sie sagt mir so viel Schönes und Gutes von Dir, kurz sie ist so verliebt in Dich, daß ich statt Hände, Finger, Mund und Augen nur lauter Ohren brauchte, um alles aufzufassen. Auch der Herzog konnte nicht fertig werden zu erzählen, wie er Dich in Weimar aus Deinem Hause geholt und seiner Gemahlin zugeführt habe.

Was mir bei diesen Gelegenheiten zu einem Partikelchen Ironie verhilft, sind die Enden, wobei dies Werk angefaßt wird. Manchmal möchte man laut auflachen, wenn man die Bewunderung dessen vernimmt, womit gerade sie sich selbst meinen, ohne sich zu erkennen. Die einzigen, die dabei Unrat merken, sind der König, die alte Gräfin Brühl und einige alte Damen, die sich von dem Schwefelgeruch in ihren eignen Kammern nicht ganz behaglich in Rapport gesetzt finden.

Was endlich den »Prometheus« betrifft, so stehe ich für nichts. Ich habe ihn noch nicht aus Händen gegeben, höre aber überall und mit Deinem eigenen Verdachte davon reden, und Du magst Dich immer anschicken, wenn er gedruckt erscheinen sollte, ihn, da er nicht mehr abzutreiben ist, als einen natürlichen Sohn ins hallische Waisenhaus unterzubringen.

Den »Satyros« werde gleich wieder lesen, da ich mich der Todesumstände des verstorbenen Philosophen noch ganz wohl erinnere und von der Lessing’schen Partei war.

Aus dem »Diwan« habe ich manches in Musik gesetzt. 1) »Suleika«, Seite 166; 2) »Wiederfinden«, 168; 3) »Elemente«, Seite 14; 4) »Erschaffen und Beleben«, Seite 16; 5) »Selige Sehnsucht«, Seite 30; 6) »Solang man nüchter[n] ist«, Seite 187; 7) »Alle Menschen«, 212; 8) »In tausend Formen«, 17g. Den meisten jedoch fehlt die letzte Hand, unterdessen sie sich in mir durchkochen. Eberweins Stücke kenne ich noch nicht. Er pflegte sonst wohl sie mir zu schicken, und da ich nicht gleich antwortete, hat er es zuletzt unterlassen. Es geht mir damit nicht besser wie Dir: bei andern muß ich mich von mir selbst entfernen, und wer kann etwas außer sich? — Ich nicht.

Auf Michael erst verlasse ich meine jetzige Wohnung, zwar ungern, aber wegen des Rauchens der Ofen, wodurch mir die Augen zugrunde gehn. Ich habe mir ein kleines Haus gemietet, welches ich allein bewohne (da bei mir soviel gesungen, gepfiffen und gestrichen wird), um niemand damit lästig zu sein. Dies Haus liegt von hieraus über die Weidendammer Brücke weg, nach den Linden zu, in der Georgenstraße No. 19. Von innen habe ich das Haus kaum gesehen, als ehemals, da Johannes Müller drinne wohnte. Es ist 7 Fenster lang, von 2 Etagen, und ich hoffe durch Wegnehmung einer Wand mir ein bequemes Musikzimmer einzurichten. Die Straße ist still, und das Haus steht unmittelbar an einem großen Garten, der an der Spree liegt. Den Gebrauch des großen Gartens habe ich dazu und überdem für mich allein einen kleinern Garten, dessen Unterfrucht mir zukommt. Zu den Bequemlichkeiten dieser Wohnung gehört besonders, daß ich die Akademie und das Theater um die Hälfte näher habe als sonst. Diese Georgenstraße (denn es gibt deren zwei) geht parallel mit der Letzten Straße. Geht man nun von den Linden her auf das Oranienburger Tor zu, so geht man über die Mittel- und Letzte Straße weg, links in die Georgenstraße hinein, worin das letzte artige Häuschen mit Doppelfenstern und einem einzigen Eingänge meine Wohnung wird, wo ich 500 rh. Miete zahle. Daß in diesem Hause für weimarische Freunde wieder Platz sein wird, wollen wir anzudeuten nicht vergessen haben, und der große Garten ist köstlich.

Eben bin ich begriffen, mein Leben zum zweiten Male durchzumustern, um einen Abriß desselben nebst meinem Bilde ins Archiv des Künstlervereins abzuliefern, wie es die Pflicht eines Mitgliedes mit sich bringt. Gott befohlen!

Dein

1. Pfingsttag 1820. Z.

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